Ein weiterer Hausarzt geht in Pension

Unterseen

Nach 28 Jahren Tätigkeit hat Jürg Hufschmid seine Praxis in Unterseen geschlossen. Trotz intensiver Suche konnte er keine Nachfolge ­finden. Zu gravierend ist der Hausärztemangel.

Hausarzt Jürg Hufschmid mit seinen letzten Praxisassistentinnen Salome Bleuer (links) und Sara Apollonio.

Hausarzt Jürg Hufschmid mit seinen letzten Praxisassistentinnen Salome Bleuer (links) und Sara Apollonio.

(Bild: Christoph Buchs)

An jenem Dienstagnachmittag in seiner letzten Woche als Hausarzt ist er als Erster in seiner Praxis. Aber ruhig bleibt es nicht ­lange. Immer wieder klingelt das Telefon, oder es klopft an der Tür. Die Patienten erscheinen in Scharen, um ihre Krankengeschichten abzuholen.

Anfang Juni hat Jürg Hufschmid seine Praxisaufgabe im lokalen Anzeiger publik gemacht. Und gleichzeitig seine ­Patienten gebeten, die Krankengeschichte bis Ende Juni abzuholen. Mehrere Tausend solche Dossiers finden sich in den Schubladen der Praxis. In den letzten 2 Jahren, so sagt der bald 65-Jährige, habe er 2500 Patienten behandelt. «Und damit ist die Anzahl Patienten gemeint, nicht die Anzahl Konsultationen», betont er.

Menschen begleiten

Aufgewachsen ist Jürg Hufschmid in der Stadt Bern. Mit dem Berner Oberland ist er bereits seit seiner Kindheit durch glückliche Ferienzeiten verbunden. Als Assistenzarzt verdiente er sich seine Sporen unter anderem im Spital Interlaken ab. In dieser Zeit machte er auch Praxisvertretungen bei Bendicht «Bänz» Friedli, der im Jahr 1988 – ebenfalls nach 28 Jahren Tätigkeit – seine Praxis aufgab, um sich vermehrt der Malerei zu widmen. Am 1. Januar 1989 übernahm Jürg Hufschmid die Praxis an der Schulhausstrasse.

Hausarzt sein bedeutete für ihn die Begleitung von Menschen. «Manchmal über Jahrzehnte, in guten und in schlechten Zeiten. Empathie, zuhören, sich Zeit nehmen sind Voraussetzungen für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung.» Er selber weiss das Glück zu schätzen, dass er in seinem Leben bisher hat gesund bleiben dürfen.

Bürokratie nahm zu

Er sei fast immer gern Hausarzt gewesen. Das Wörtchen «fast» sei der massiven Zunahme von Administration geschuldet, wie sie in den meisten Berufen vorkomme, sagt Hufschmid. Die Zusammenarbeit mit Krankenkassen und Versicherungen werde immer komplizierter.

Viele seiner ehemaligen Patienten kamen in den letzten ­Wochen vorbei, um sich zu verabschieden. Dabei habe es viele berührende Momente und auch Tränen gegeben, erzählt Hufschmid.

Die Tatsache, dass es in der Region Bödeli nun wieder einen Hausarzt weniger gibt, sei bedenklich. Trotz dem guten Willen der Kollegen bleiben viele Patienten zurück, die keinen neuen Hausarzt finden können. Das schmerze ihn, sagt Jürg Hufschmid. «Schon seit vielen Jahren haben wir Ärzte auf den drohenden Hausärztemangel hingewiesen», sagt er. «Unsere Forderung, die Hausarztmedizin als wichtige Fachrichtung in das ­Medizinstudium zu integrieren, wurde viel zu spät und zu zögerlich umgesetzt.»

Ein Apéro zum Abschied

An der Tür klopft es. «D Anna isch da», meldet die Praxisassistentin; Jürg Hufschmid geht hinaus, um seine 25-jährige Tochter zu empfangen. «Sie wollte die Praxis nochmals sehen, bevor sie nach Irland abreist», erzählt Jürg Hufschmid später. Das Wartezimmer ist inzwischen gefüllt mit Menschen, die ihre Akten abholen wollen. Ein älterer Mann klopft Hufschmid auf die Schulter. Und bedankt sich herzlich.

Auch Jürg Hufschmid ist dankbar. Als Zeichen dafür – und auch zum Abschied – lud der Hausarzt mit seinen Praxisassistentinnen die Patienten zu einem Apéro im Hotel Beausite ein.

Berner Oberländer

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