Zu Besuch bei Madame de Meuron

Was früher ein Vergehen war, das von der Justiz geahndet wurde, war plötzlich hochoffiziell erlaubt. Allerdings nur für die Leuteaus dem Dorf: Die Erbinnen von Schloss Rümligen luden in ihre Anlage ein.

Alte Bäume, Terrassen und Teiche – mit diesen Bildern im Kopf gingen die Rümliger nach Hause. Beim Besuch auf Schloss Rümligen durften sie nicht fotografieren. Bilder aus dem Verkaufsprospekt halten die Erinnerung wach.

Alte Bäume, Terrassen und Teiche – mit diesen Bildern im Kopf gingen die Rümliger nach Hause. Beim Besuch auf Schloss Rümligen durften sie nicht fotografieren. Bilder aus dem Verkaufsprospekt halten die Erinnerung wach.

(Bild: zvg)

Stephan Künzi

Der Wind hat gedreht auf Schloss Rümligen. Zwar ragen die richterlich genehmigten Verbotstafeln, die die Grenze zum weitläufigen Gut markieren, noch immer Respekt einflössend in die Höhe. Mittlerweile wirken sie aber wie Relikte längst vergangener Zeiten, denn unlängst tat sich Erstaunliches an den Hängen des Längenbergs: Eine grosse Menschschar schlenderte unbeschwert über die Anlage, die im Kern auf das 11. Jahrhundert zurückgeht.

Betreten strengstens verboten

Nun wären Leute, die ein Schloss besuchen, an sich keine Meldung wert. Doch in Rümligen liegen die Dinge anders. Nicht allein der legendären Berner Patrizierin Elisabeth de Meuron wegen, die früher hier oben das Sagen hatte. Weit lebendiger dürfte bei vielen die Erinnerung an Sibylle von Stockar sein, die Enkelin, die den herrschaftlichen Sitz später be­wohnte. Sie mochte es überhaupt nicht leiden, wenn Fremde ihren Grund und Boden betraten, und wer sich trotzdem so weit vorwagte, bekam es umgehend mit dem Gericht zu tun. Handel um Handel folgte, schliesslich wiesen die ominösen Tafeln unübersehbar darauf hin, dass derartiges Tun untersagt war.

Erbinnen haben andere Einstellung

Mit von Stockars Ableben vor vier Jahren kam eine neue Generation ans Ruder, und siehe da, plötzlich löste sich die scharfe Grenze vom Dorf zum Schloss auf. Louise Zoelly und Christina Wieser verzichteten darauf, das Verbot weiter durchzusetzen, und einer Anfrage der Gemeinde begegneten die beiden Erbinnen mit ungewohnter Offenheit: Natürlich sei man bereit, die Anlage zu zeigen.Ganz ohne Einschränkung ging es aber doch nicht.

Zum Besuch zugelassen waren nämlich nur Leute aus dem Dorf, und wer kommen wollte, musste sich vorgängig anmelden und dann vor Ort eine Zutrittskontrolle passieren. Fotografieren war verboten, auch wenn zur Besichtigung nur die Aussenanlage offenstand – zu gross war offenbar die Angst davor, dass nach all den Schlagzeilen der Rummel um Schloss Rümligen von neuem losgehen würde. Immerhin wird die Liegenschaft in exklusiven Prospekten noch immer zum Verkauf angepriesen, und da wäre solche Publizität nur schädlich.

Begeisterung ist gross

Die Begeisterung in Rümligen ist trotzdem gross. Wegen der Geste der Erbinnen, die als grosszügig gelobt wird, aber auch wegen der Parkanlage an sich: Die alten Bäume beeindruckten genauso wie die verschiedenen Terrassen mit ihrem herrlichen Blick aufs Gürbetal und die verschiedenen Teiche, die teils als Springbrunnen funktionieren. Der Ausdruck «kleines Versailles» ist zu hören – dass die Türen ins Innere zublieben, stört da keinen mehr. Das Interesse war auch so riesig: Über 200 Leuten kamen, mehr als das halbe Dorf.

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