Triste Kulissen trotz klingelnden Kassen

Die aufgeblasene Europa League ist kein Zuschauermagnet. 100 Vereine bestreiten die Qualifikation, nur wenige füllen ihre Stadien.

Leere Ränge, voller Einsatz: YB (in der Mitte Christian Fassnacht) spielte nach verpasster Champions League europäisch vor wenig Publikum.

(Bild: Raphael Moser)

Der Winterblues ist nicht allein schuld. Wenn die Young Boys heute Abend im letzten Gruppenspiel der Europa League den albanischen Vertreter Skënderbeu empfangen, zieht das nicht die grossen Massen an.

Doch die Kälte allein ist es nicht, welche die Leute vom Stadion fernhält: In Marseille an der Mittelmeerküste hat es heute Abend einigermassen erträgliche zehn Grad, doch zum Spiel gegen Gruppenleader Salzburg werden nicht viel mehr als 10 000 Fans kommen.

Zum Vergleich: Beim letzten Heimspiel, einem bescheidenen 1:0 in der Liga gegen Guingamp, waren 43 000 im Stade Vélodrome. Die zusätzlichen Einnahmen um die sechs Millionen Franken für eine Gruppenphase sind bestimmt attraktiv – in den meisten Fällen ist die Europa League aber alles andere als ein Zuschauermagnet.

Auslastung rund 50 Prozent

Acht Jahre ist es jetzt her, dass die Uefa den Wettbewerb aufgemotzt und mit einem Gruppenmodus in der Art der Champions League ausgestattet hat. Das Teilnehmerfeld wurde massiv aufgeblasen, fast 100 Teams bestreiten mittlerweile die Qualifikation, 48 noch die Gruppenphase.

Die Vereine aus den Topligen, die in der Meisterschaft den Anschluss an die Spitze suchen und sich vom Rendement her in der Champions League sehen, erachten die kleine Schwester der Königsklasse nicht selten als Strafaufgabe: Superstar Mesut Özil war etwa bei Arsenal im aktuellen Bewerb noch gar nie im Kader.

Richtig grosses Interesse beim Anhang hat die Europa League noch nie geweckt. Inklusive Vorrunde sind die Stadien aller Teilnehmer in diesem Jahr bislang nur rund zur Hälfte ausgelastet – die Arenen in der Champions League haben seit Jahren eine Auslastung zwischen 80 und 90 Prozent.

Das Berner Fussballpublikum ist mit fünf Europa-League-Teilnahmen (mit jener des FC Thun 2013/2014 sind es gar sechs) in den letzten sieben Saisons vergleichsweise verwöhnt; nachdem YB beim Anlauf auf die Champions League knapp gescheitert war, kamen nie mehr als 13'000 Leute ins Stadion.

Ein Blick in die Bundesliga zeigt: Europäische Spiele haben bei vielen Vereinen einen ganz unterschiedlichen Stellenwert. Trotz achtjähriger Absenz von Hertha BSC im Europacup war das Olympiastadion in Berlin nie zu mehr als einem Drittel gefüllt – obwohl 28'000 Zuschauer gegen Bilbao an einem Donnerstagabend kein schlechter Wert für das schwierige Berliner Fussballpublikum sind.

Hoffenheim ist gar zum ersten Mal überhaupt in einem internationalen Wettbewerb vertreten – und wird sein Stadion auch heute Abend nicht zu füllen vermögen. Nach spektakulären, aber knapp verlorenen Champions-League-Playoffs gegen Liverpool wirken Gegner wie Braga, Rasgrad und heute Basaksehir Istanbul wie Trostpreise.

Ganz anders sieht es beim FC Köln aus: Im Mai qualifizierte sich der aktuell kriselnde Traditionsclub zum ersten Mal seit 25 Jahren für den Europacup, zog mit Arsenal als Gruppengegner das grosse Los – und verzeichnete in den drei Heimspielen über 140'000 Zuschauer. Beim Auswärtsspiel in London waren um die 20'000 Kölner dabei, obwohl nur etwa 4000 Zutritt ins Stadion hatten.

Minusrekord wird nicht fallen

Letzten Endes ist die Fussballwelt auch in der Europa League eine ziemlich gegensätzliche. Im stimmungsgewaltigen Rajko-Mitic-Stadion von Roter Stern Belgrad werden heute gegen Köln um die 35'000 Zuschauer erwartet, während in der Meisterschaft meist nur so um die 8000 kommen. Und auch YB wird gegen Skënderbeu kaum vor mehr als 8000 Besuchern spielen.

Etwas mehr als 7000 Karten sind verkauft, davon zählen rund 4000 zum Kombiticket, das YB im September für alle drei Heimspiele anbot. Der Stadionminusrekord im Stade de Suisse wird heute Abend allerdings nicht fallen.

Er liegt bei 3246 Zuschauern im Cupachtelfinal 2008 beim 1:0 gegen Gossau; weil das Terrain in der Ostschweiz damals wegen Schneefalls unbespielbar gewesen war und für den Nachtragstermin die nötige Beleuchtung fehlte, wurde die Partie später in Bern ausgetragen. Das war echter Winterblues.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt