Der «schräge» Altjahres-Event

Meiringen

Heute ist es wieder so weit: Am Ubersitz ziehen die meisten Triichel­züge aus dem Oberhasli nach mehreren langen Nächten in den Hauptort.

Das Kreuzen zweier Triichelzüge am Ubersitz ist ein spektakuläres Manöver. Die Triichler im Sennenmutz kommen aus Unterbach.<p class='credit'>(Bild: Anne-Marie Günter)</p>

Das Kreuzen zweier Triichelzüge am Ubersitz ist ein spektakuläres Manöver. Die Triichler im Sennenmutz kommen aus Unterbach.

(Bild: Anne-Marie Günter)

Schweiz Tourismus reiht den Brauch des rhythmischen Glocken- und Treichelschwingens im Oberhasli auf seiner Website unter dem Namen «Trychel­woche und Ubersitz» in der Rubrik «Schräge Events» ein. Bereits an der Schreibweise des Brauchs scheiden sich die Geister. Offiziell lautet diese mindestens seit 2012 «Ubersitz und Triicheln». So wenigstens hat ihn die Sozialdemokratische Partei Meiringen/Oberhasli für die Liste des immateriellen Kulturguts des Kantons Bern angemeldet.

Um Geister, böse oder zumindest unheimliche, aus der Welt der Toten auftauchende, geht es bei diesem Brauch. Und er geht weit in die Zeit zurück, als man diese noch mit Lärm in ihre ei­genen Reiche zurücktreiben konnte.

Natur und Pässe

Oft wird spekuliert, warum sich der Brauch im Oberhasli mit so viel Langzeitpotenzial entwickelt hat. Lawinen, Murgänge, Föhnstürme vermutet die «Neue Zürcher Zeitung» als Grund. Es gab deswegen besonders viele Geister zu vertreiben. Ihr Reporter meldet, dass am Ubersitz die Blicke der Trychler «leer und glücklich» sind. Reto Zumbrunn hat ihm erklärt, dass der getrommelte Trychler-Marsch den Haslern im Blut steckt.

So ganz hiesig scheint dieser gemäss eines erstaunlich ausführlichen Wikipedia-Eintrags zum Ubersitz nicht zu sein. Es wird vermutet, dass ihn Oberhasler aus fremden Kriegsdiensten mitgebracht haben.

2014 drehte der in Brienzwiler aufgewachsene Regisseur Lukas Zumstein den Film «Ischtaan» über die Schattenhalber Triichler. 1877, wird darin erzählt, fuhr ein Pfarrer mit Ross und Schlitten in einen Triichlerzug, weil die Hasler sein Verbot des Brauchs missachteten; vielleicht war ihm das maskierte Treiben einfach zu unchristlich bunt.

Die Sache mit den Masken

Maskiert sind die Triichler aber nur am Ubersitz. Ein Stock Masken hängt übrigens das Jahr über im Kostümverleih von Urs Frey in Interlaken. Und maskiert sind nicht alle. Die im Sennenmutz kommen aus Unterbach, die im Alltagsgewand vom Hasliberg. Relativ jung im Umzug ist der Zug der «Waldgeister» aus Eisenbolgen.

Gar nicht dabei sind die Guttanner und die Gadmer. Letztere triicheln in weissen «Eintragshemden», die einst zum Wildheuen angezogen ­wurden. Beide Züge waren gestern in Meiringen und bleiben heute in ihren Passstrassendörfern. Die Innertkirchler kommen erst mit dem ersten Zug nach Meiringen. Alles klar? Es gibt dann noch Regeln, wie die Züge sich kreuzen und wer wann wo Einkehr hält.

In Sachen Einkehr: Fürs Publikum gibts ganz viele Verpflegungsmöglichkeiten an der Strasse und in den Gaststätten. Und apropos Heimkehr Richtung Unterland: Um 1 und 3.15 Uhr fährt ein Moonliner-Bus mit vielen Zwischenstationen nach Interlaken, und um 5.15 Uhr fährt ein Extrazug der Zentralbahn.

Berner Oberländer

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