Aus Tränen und Wut Musik gemacht

Langenthal

Das Modell einer Strebeforscherin hat ihr einst geholfen, mit der eigenen Trauer umzugehen. Inzwischen hat die Gymnasiastin Narayana Sieber auf der Grundlage jener Theorie eine eigene Cellosuite komponiert.

Bei ihrem Auftritt im Kulturstöckli erhielt Narayana Sieber Unterstützung von Samuel Schmitt.

Bei ihrem Auftritt im Kulturstöckli erhielt Narayana Sieber Unterstützung von Samuel Schmitt.

(Bild: Daniel Fuchs)

Im Alter von 14 Jahren verlor Narayana Sieber ihren Grossvater. «Es war sehr schwierig für mich, mit diesem Verlust umzugehen», erzählt die Wangerin. «Mein Vater erzählte mir von den fünf Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross, das half mir sehr.» Laut diesem Modell verläuft die Trauerarbeit, die Sterbende und deren Angehörige betrifft, in fünf Phasen: Verdrängen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Rund vier Jahre später hat sich Narayana Sieber inzwischen ein zweites Mal mit dem Modell der schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin und Sterbeforscherin befasst: Die Gymnasiastin komponierte auf der Grundlage der fünf Trauerphasen eine zweistimmige Cellosuite.

Das Konzept hinter der Suite ist ein Gespräch zwischen den zwei Celli. «Die schlechte Nachricht wird durch den Patienten und seine Angehörigen geleugnet» erklärt Narayana Sieber. Das musikalische Thema des ersten Abschnitts ist ein Zitat aus Led Zeppelin’s «Whole Lotta Love», das eine schwermütigere Melodie, den Verlust, verdrängt. «Der Zorn dagegen ist geprägt von Neid und sogar Hass», sagt Narayana Sieber. «Weshalb muss ich sterben? Weshalb nicht du?»

Es folgt das Verhandeln. «Als ich klein war, bot ich Gott an, er dürfe mein Konto leer räumen, wenn er mir dafür mein Meerschweinchen zurückgäbe», lacht die Gymnasiastin. In diesem Part zitiert sie «I only want to say» aus dem Musical «Jesus Christ Superstar». Erst auf das darauffolgende starke Leid über den Schicksalsschlag folgt schliesslich die ­Akzeptanz; diese sei geprägt von Ruhe und Frieden.

Zwei Celli im Gespräch

Wahrhaftig ähnelt das Konzert an diesem Abend im kleinen Keller des Kulturstöckli am Langenthaler Wuhrplatz einem Gespräch, wenn nicht sogar einem Tanz. Gemeinsam mitSamuel Schmitt trägt die Komponistin ihr Werk vor. Oft ist es, als höre man Worte hinter den Melodien. Erst erhebt ein Cello klagend seine Stimme, dann bricht das zweite die Melancholie mit gezupften Dur-Variationen. Groll wechselt mit Frohlocken. Die Stimmen vereinen und trennen sich in steter Bewegung, variantenreich und vielschichtig, durchgehend har­monisch.

Zum ungelegensten Zeitpunkt

Seit neun Jahren bereits spielt Narayana Sieber das Cello. Ein eigenes Stück aber hat sie zuvor noch nie geschrieben. «Der gesamte Prozess war sehr neu für mich», sagt sie. «Die intensivsten Motivationsschübe kommen meist zum ungelegensten Zeitpunkt: zum Beispiel während der Matheprüfung oder um vier Uhr morgens nach dem Chrämi- ­Besuch.»

Mit ihrer Arbeit möchte Narayana Sieber auf ein fundamentales, oft tabuisiertes Thema aufmerksam machen: «Der Tod ist eine Realität, mit der wir uns befassen sollten», sagt sie. «Denn früher oder später wird sie uns eh einholen.»

Berner Zeitung

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