Der Pariser Plan D funktioniert

Ohne Neymar und Edison Cavani hat sich Paris St-Germain in eine Glückseligkeit gespielt. Da taucht Trainer Tuchel auch mal an einer Geburtstagsparty auf.

Für ManUnited-Trainer Solskjaer wäre der ideale Start ins Spiel, das erste Tor zu machen. Und was sagt PSG-Coach Tuchel dazu? (Video: Teleclub)
Oliver Meiler@tagesanzeiger

«Fric-frac» ist eines dieser französischen Wörter, die so viel schöner klingen, als es deren Bedeutung vermuten liesse. Es gibt viele davon, Französisch ist nun einmal die Sprache der Säusler. Das umgangssprachliche «Fric-frac» meint Einbruch, und wenn man es in diesen Wochen in Paris etwas öfter hört als sonst, dann liegt das daran, dass den hoch bezahlten Spielern des örtlichen Fussballvereins so einiges abhanden kommt. Die Sportzeitung «L’ Équipe», die Paris Saint-Germain einen stattlichen Teil ihrer Berichterstattung widmet, schrieb vor einigen Tagen von einer «beispiellosen Serie». «Fric-frac» bei Fussballern - das hielt man bisher in Frankreich ja für eine Eigenheit aus Marseille.

Bei Thiago Silva, dem Kapitän von PSG, waren die Einbrecher gleich mehrmals, und das ist schon einigermassen erstaunlich. Der Brasilianer lebt in der Villa Montmorency, einer Enklave für die sehr Reichen und sehr Mächtigen im XVI. Arrondissement von Paris: mehrrere Strassenzüge, alles umzäunt und rund um die Uhr bewacht. Nicolas Sarkozy wohnte mal da, Gérard Depardieu offenbar noch immer. Die Einbrecher schauten vorbei, als Thiago Silva gerade spielte, lässt sich ja gut überprüfen. Sie nahmen Schmuck und Uhren für 1,5 Millionen Euro mit, den Reisepass noch dazu. Bei Dani Alves, der in Neuilly-sur-Seine vor den Toren der Stadt lebt, waren sie einige Wochen davor. Begonnen hatte die Serie bei Eric Chupo-Moting: Auch bei ihm kamen Uhren, Juwelen und Luxuslederwaren weg, für 700 000 Euro.

Nun könnte man sich natürlich einmal fragen, warum die Herrschaften Fussballer offenbar alle an der Obsession leiden, möglichst teure Uhren zu besitzen und die auch noch daheim rumliegen zu lassen. In Paris interessiert aber eher die Frage, warum die Einbrecherbanden so genau Bescheid wissen. Fahren sie den Spielern nach dem Training einfach hinterher? Oder kriegen sie etwa Tipps aus der Entourage der Mannschaft? Bei Alves und Silva waren die Alarmanlagen ausgeschaltet. Was ist da los? «Fric-frac» ist eben gerade das einzige Problem, das PSG umtreibt. Sonst passt alles erstaunlich gut zusammen, eigentlich wundersam.

Manchester verwirrt, vorgeführt und dann zerlegt

In der Meisterschaft ist man längst allen entkommen, im Pokal ist man noch dabei, und in der Champions League müsste schon sehr Arges passieren, wenn es nicht endlich wieder einmal für das Viertelfinale reichen sollte. Ins Rückspiel gegen Manchester United im Parc des Princes geht man mit einem 2:0-Vorsprung. Das Hinspiel auf der Insel war dann auch die Quintessenz der momentanen Pariser Glückseligkeit.

Die Engländer wurden mit mehreren taktischen Mutationen während des Spiels zunächst verwirrt, dann vorgeführt und am Ende zerlegt. Der brasilianische Innenverteidiger Marquinhos, den Trainer Thomas Tuchel mittlerweile immer im tiefen Mittelfeld einsetzt, störte die Kreise des gerade unerhört formstarken Paul Pogba mit einer Hartnäckigkeit, wie man das aus Zeiten der Manndeckung kannte, lange vor HD, bis der kapitulierte.

Video: Das 2:1 aus dem Hinspiel

PSG agierte im Hinspiel mit einer Hartnäckigkeit, wie man sie aus Zeiten der Manndeckung kennt. Video: Teleclub

In Frankreich war man danach überzeugt, dass erstens dieser dünne, lange Deutsche an der Seitenlinie mit dem Hang zur Körperlichkeit ein ganz wunderbarer Coach ist: ein «Chef d’ orchestre» und ein «Maître du jeu», ein Dirigent und Meister des Spiels. Und dass zweitens PSG in dieser Saison den Sprung an die europäische Spitze tatsächlich und wider Erwarten schaffen könnte. Dafür, für einen Triumph in der Königsklasse, überweisen die katarischen Klubbesitzer seit 2011 jedes Jahr hunderte Millionen Euro. Es gibt dafür Stars, die man sich in Paris früher nie leisten konnte, Löhne ohne Grund und Boden, extravagante Prämien. Aus den «Football Leaks» erfuhr man unlängst, dass der Emir vom Golf den Spielern auch einen Bonus dafür bezahlt, dass sie sich nach Spielen unter den Kurven zeigen und den Fans zuklatschen. Bei Neymar, dem Superstar, beträgt die Klatschprämie offenbar 375 000 Euro, monatlich.

Sensationell war der Sieg im Hinspiel aber vor allem deshalb, weil er so völlig unerwartet kam, mit einer ausgedünnten Mannschaft. Seit einigen Wochen spielt PSG ohne seine beiden Topverdiener aus der Offensivabteilung, Neymar und Edinson Cavani, beide verletzt. Zweidrittel des Angriffs, einfach weg.

Eine Geburtstagsparty mit Betriebssegen

Neymar laboriert noch immer an den Folgen eines Bruchs am Mittelfussknochen, der hindert ihn nun schon seit Wochen am Spielen. Reisen und Feiern lässt es sich damit aber ganz okay. Zum Geburtstagsfest in einem Klub bei den Champs-Élysées legte David Guetta auf, der DJ, der sonst Fussballstadien füllt. Zugegen war auch Thomas Tuchel, was die französische Presse dann doch überraschte.

Man weiss zwar, dass der Trainer seine prominentesten Spieler mit besonderer Hingabe pflegt. Doch dass er der Party mit seiner Präsenz gewissermassen den Betriebssegen erteilte, verwunderte viele. Bei «Ney» geht die Nähe so weit, dass Tuchel ihm während dessen Rekonvaleszenz täglich Kurznachrichten schreibt. Bei der vielen Freizeit soll der um Himmels willen nicht auf die Idee kommen, wieder mit Real Madrid anzubandeln. Wäre nicht das erste Mal.

Das Bangen um den fünften Mittelknochen am rechten Fuss des Brasilianers war zunächst ein Psychodrama, es wurde täglich verhandelt in den Medien. «Libération» sah darin ein «Gleichnis für die Zerbrechlichkeit» des ganzen Projekts PSG. Doch die Zeitung sollte sich täuschen. Das Team steckte Neymars Ausfall locker weg. Kylian Mbappé, das neue Wunderkind des Weltfussballs, mittlerweile 20 Jahre alt, schulterte die Mannschaft.

Er gibt mal wie gehabt den uneinholbaren Flügel, mal den richtigen Neuner, er trifft aus allen Lagen. Auch das Mittelfeld wuchs an der Widrigkeit. Marco Verratti und Julian Draxler sind freier. Spielt nämlich Neymar, holt sich der den Ball immer im Herzen des Spiels und trägt ihn zum gegnerischen Tor, mit Finten und Übersteigern. Ohne ihn spielt die Mannschaft viel kollektiver, direkter und luftiger, pragmatischer irgendwie. Auch Ángel Di María lebt auf, vielleicht ist der Argentinier sogar gerade in der Form seines Lebens.

Wie war das noch mit der Not und der Tugend? Tuchel lässt nicht zwei Begegnungen in Folge gleich spielen, er schraubt ständig am Schema, verschiebt die Spieler fast beliebig, als wär’s Schach. «Es gibt viele Pläne B», sagte er einmal. «Ohne Neymar und Cavani sind wir bei Plan D.» Aber das macht die Sache für einen «Maître du jeu» wohl erst richtig spannend.

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