«Auch Tiere spüren die Umweltbelastung»

Seit über 25 Jahren ist Marco Minder Tierarzt mit Leib und Seele. Daneben führen er und seine Frau einen Gnadenhof, auf dem über 200 Tiere ein neues Zuhause gefunden haben.

Hat heute eine ähnliche Funktion wie ein Hausarzt bei Menschen: Der Tierarzt Marco Minder auf seinem Gnadenhof. Foto: Lea Meienberg

Hat heute eine ähnliche Funktion wie ein Hausarzt bei Menschen: Der Tierarzt Marco Minder auf seinem Gnadenhof. Foto: Lea Meienberg

Silvia Aeschbach

Was fasziniert Sie so am Beruf des Tierarztes?
Ganz einfach: Ich liebe Tiere. Und ich liebe es, ihnen zu helfen.

Welches sind die grössten Herausforderungen bei der Behandlung von Kleintieren?
Je kleiner ein Tier, umso schwieriger ist es. Bei Hunden und Katzen kann ich in der Praxis Blut abnehmen oder einen Venenkatheter setzen. Bei einer Maus ist das unmöglich. Wichtig ist für mich aber auch, dass ich die Psyche eines Tieres «lesen» kann und so spüre, was es braucht, damit die Untersuchung gut verläuft. Einem ängstlichen Tier versuche ich, Sicherheit zu vermitteln, während ein Wildfang liebevolle Autorität spüren muss. Obwohl ich mir der Individualität der Tiere bereits während meines Studiums bewusst war, habe ich erst in der Praxisarbeit verstanden, wie wichtig dieser Punkt ist.

Hund oder Katze? Wer lässt sich in der Tierarztpraxis einfacher untersuchen?
Ganz klar Hunde, denn Katzen sind eigenwilliger. Hunde hingegen sind von der fremden Atmosphäre in der Praxis oft etwas eingeschüchtert. Selbst wenn sie schon oft da waren.

Machen Sie auch Hausbesuche?
Ja, wenn ein Besitzer möchte, dass sein Tier zu Hause eingeschläfert wird. Oder wenn es für einen älteren Tierbesitzer zu umständlich ist, in die Praxis zu kommen. Allerdings sind bei einem Hausbesuch meine medizinischen Möglichkeiten beschränkt, da ich ja keine Apparate zur Verfügung habe.

Wie hat sich Ihr Beruf in den letzten Jahren entwickelt?
Wie in der Humanmedizin hat sich auch bei uns Tierärzten die Spezialisierung durchgesetzt. Ich habe heute eine ähnliche Funktion wie ein Hausarzt bei Menschen. Ich erstelle eine erste Diagnose und überweise, wenn es nötig ist, das kranke Haustier an einen Spezialisten für weitere Abklärungen. Früher kam es vor, dass ich bei einem medizinischen Notfall in der Praxis übernachtet habe. Heute gibt es dafür Kliniken mit einem 24-Stunden-Betrieb.

«Ich bin der Arzt des Tieres, nicht der seines Besitzers.»

Und wie hat sich der Praxisalltag verändert?
Nach meinem Studium hatte ich nur einen Wunsch: eine eigene Praxis. Diesem Ziel ordnete ich alles unter. So habe ich während des ersten Praxisjahres 365 Tage Notfalldienst gemacht. Heute ist für viele junge Tierärzte die Work-Life-Balance wichtiger, es wird mehr Teilzeit gearbeitet.

Viele Besitzer sind bereit, für die Gesundheit ihres Tiers tief in die Tasche zu greifen. Bis zu welchem Punkt macht das Sinn?
Ich handle nach dem ethischen Grundsatz: Ich bin der Arzt des Tieres, nicht der seines Besitzers. Wenn ich sehe, dass mit einer weiteren Behandlung keine Verbesserung erzielt werden kann, sage ich das. Mein Ziel ist, gemeinsam mit dem Besitzer, eine adäquate Behandlung zu finden bis zu dem Punkt, wo das Leiden für das Tier beginnt und ich medizinisch nicht mehr helfen kann. Dann müssen wir loslassen.

Wo liegt die Grenze zwischen behandelbaren Schmerzen und sinnlosem Leiden?
Leidet ein älteres Tier etwa an einer degenerativen Gelenkserkrankung, habe ich die Möglichkeit, ihm mithilfe von Medikamenten ein schmerzloses Leben zu ermöglichen. Genau diese Medikamente können aber auch die Leber oder die Niere schädigen, was zur Folge haben kann, dass das Tier dereinst vielleicht drei Monate früher stirbt, als es ohne diese Medikamente der Fall wäre. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hat es eine bessere Lebensqualität.

Neben Ihrer Arbeit als Tierarzt betreiben Sie mit Ihrer Frau einen Gnadenhof, auf dem rund 200 Tiere leben. Was war Ihre Motivation für dieses Projekt?
Wenn man etwas genauer hinschaut, ist die Motivation gegeben: Tiere in Not gibt es überall auf der Welt. Auch in der Schweiz gibt es viele Tiere, die aus verschiedenen Gründen getötet würden oder ihr Zuhause verlieren. Wir möchten diesen Tieren eine Möglichkeit bieten weiterzuleben.

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Macht es Sie nicht manchmal wütend, wenn Sie einerseits die Not vieler Tiere sehen und daneben die boomende Haustierindustrie mit ihrem riesigen Angebot von speziellen Futterzusätzen über Gadgets bis zu Pflegeprodukten?
Nein. Es wird ja niemand gezwungen, da mitzumachen. Solange die Tierwürde nicht verletzt wird, lässt sich nichts dagegen sagen.

Apropos Tiernahrung: Ist eigentlich günstiges Futter schlechter als teures?
Es gibt viele Tiere, die günstigeres Futter gut vertragen. Das kann sich allerdings ändern, wenn Tiere zum Beispiel gesundheitliche Probleme bekommen. Dann macht spezifisches Futter Sinn.

Es wird Tierärzten oft vorgeworfen, dass sie mit dem Verkauf von Tierfutter zusätzlich gut verdienen.
Ich kann nur für mich sprechen. Natürlich verdiene ich mit dem Verkauf spezialisierter Tiernahrung. Aber ich bin kein Tierfutterverkäufer, sondern Tierarzt, für den das Wohl seiner vierbeinigen Patienten an erster Stelle steht. Darum rate ich den Tierbesitzern nur dann zu Spezialfutter, wenn ich es für nötig halte. Und weil ich vom Futter, das ich in der Praxis verkaufe, überzeugt bin, bekommen alle meine Tiere auf meinem Gnadenhof dieses zu fressen.

Der Trend zur vegetarischen Ernährung hat jetzt auch die Tiere erreicht. Ist das sinnvoll?
Meine Tiere dürfen tierische Proteine fressen, denn sie sind Karnivoren. Wenn es darum geht, weniger Fleisch zu konsumieren, dann sollten wir Menschen dieses als Luxusprodukt sehen.

Wie steht es um Ihren eigenen Fleischkonsum?
Ich esse hin und wieder bewusst Fleisch aus artgerechter Haltung. Meine Tochter ist Vegetarierin, meine Frau ernährt sich vegan.

Viele Tierhalter kochen für ihre Tiere. Machen Sie das auch?
Nein, mir fehlt die Zeit. Zudem empfinde ich das Barfen, also die Methode zur Ernährung fleischfressender Haustiere, als grosse Herausforderung. Es ist nämlich nicht so einfach, wie viele denken. Wer es ausprobieren möchte, sollte sich bei Fachleuten informieren, wie man eine ausgewogene Tagesration zusammenstellt.

Gibt es Krankheiten, die heute häufiger auftreten als früher?
Umweltbelastungen spüren nicht nur wir Menschen. Beispielsweise reagieren Tiere heute häufiger mit Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dann gibt es die sogenannten Südlandkrankheiten. Diese diagnostizieren wir heute vermehrt, weil die Menschen mit ihren Tieren mehr in südliche Länder reisen. Und dann diese Parasitosen mit nach Hause bringen.

«Es gibt kein Haustier, für das ein Kind die Verantwortung übernehmen kann.»

Das Kind will unbedingt ein Haustier. Wie sollen die Eltern reagieren?
Leider gibt es kein Haustier, für das ein Kind die alleinige Verantwortung übernehmen kann. Diese muss immer bei einem Erwachsenen bleiben. Sind die Eltern aber tierlieb und möchten für sich selber ein bestimmtes Tier, ist es eine schöne Gelegenheit, dem Kind den richtigen Umgang mit diesem Tier vorzuleben.

Ein Hund aus einer Zucht oder einer aus einem Tierheim? Was sollte beachtet werden?
Ein Welpe aus einer Zucht ist in einer ersten Phase zwar sehr süss, aber auch anstrengend, denn er verlangt ungeteilte Zuwendung. Es hat aber den Vorteil, dass es dem Charakter des Hundes entspricht, den man sich wünscht. Auch wenn oft behauptet wird, Tierheimhunde seien schwierig, kann ich dies nicht unterschreiben. Bei vielen Tieren braucht es nur wenige Wochen, bis sie sich in ihrem neuen Zuhause eingelebt haben.

Ist der Kauf eines Hundes übers Internet zu empfehlen?
Meiner Meinung nach sollte man sich nur einen Hund anschaffen, den man persönlich gesehen und gespürt hat. Seriöse Tierschutzorganisationen vermitteln nur Tiere mit den nötigen Impfungen, Pässen und Verzollungen. Und natürlich sollte man nie ein Tier bei dubiosen Händlern kaufen. Denn viele dieser Tiere haben schwere Krankheiten.

Ich habe beobachtet, dass Ihr Hund Babu Sie auf Schritt und Tritt begleitet.
Ich verbringe viel Zeit mit Babu, er ist quasi mein Bodyguard (lacht). Für mich ist er ein Familienmitglied. Wenn er einmal gehen muss, dann verliere ich etwas Grosses.

Wie erleben Sie Menschen bei einem Verlust ihres Haustiers?
Es gibt für mich zwei Gruppen: Die erste braucht längere Zeit, um den Abschied zu verkraften. Wenn überhaupt, dann erwerben diese Menschen nach Monaten einen neuen vierbeinigen Freund. Ich zähle mich zur zweiten Gruppe: Wenn einer meiner Hunde stirbt, dann ist das einerseits schwer für mich. Aber es überwiegt die Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre und dass er von Beschwerden erlöst wurde. Durch seinen Tod macht er einen Platz für ein neues Tier frei. Das bedeutet nicht, dass ein verstorbener Hund in Vergessenheit gerät. Meine Tiere haben alle einen festen Platz in meinem Herzen.



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