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Sozialdiakon Thomas SchweizerAuf dem Pilgerweg des Lebens

Thomas Schweizer trug massgeblich zur Entwicklung des Schweizer Pilgerwesens bei – und machte auf seinem Lebensweg selbst an vielen verschiedenen Orten halt. Jetzt geht der Sozialdiakon der Reformierten Kirchgemeinde Steffisburg in Pension.

Sozialdiakon Thomas Schweizer vor der Dorfkirche Steffisburg.
Sozialdiakon Thomas Schweizer vor der Dorfkirche Steffisburg.
Foto: Patric Spahni

Pfarrer, Sozialdiakon, Politiker – und begeisterter Pilger, Familienmensch und Naturfreund: Nach einem Vierteljahrhundert bei der Reformierten Kirchgemeinde Steffisburg geht der studierte Theologe Thomas Schweizer Ende August in Pension.

Aufgewachsen ist Schweizer auf einem Bauernhof in Rafz. «Als Kind war der Glaube ein eher unspektakulärer Teil im Leben meiner Familie – wir sprachen nicht viel darüber», erinnert er sich. Mit anderthalb Jahren wurde der einzige Sohn der Familie von einem Traktor überfahren. «Ich überlebte nur knapp und realisierte später, was für ein Geschenk mir mit diesem zweiten Leben gemacht wurde – und dass ich beschützt worden war.»

Eine Begegnung mit Gott? Aktiv mit Religion und Kirche beschäftigte Schweizer sich allerdings erst später, in Basel, Innsbruck und Zürich studierte er Theologie. Als Pfarrer arbeitete er in Davos. Vor 24 Jahren zog er mit seiner Ehefrau Marlies und den drei Söhnen nach Steffisburg und wurde Sozialdiakon (vgl. Kasten «Zur Person»).

Gotteserfahrung in Finnland

«Prägend für meinen Weg war für mich ein Kontakt zur Communauté de Taizé», erzählt Schweizer. Jenen ökumenischen Orden in Frankreich, zu dessen internationalen Jugendtreffen jährlich über 100’000 Personen verschiedener Nationalitäten und Religionen anreisen, besuchte er über 30 Mal.

Nach Abschluss seiner Ausbildung war Schweizer gemeinsam mit seiner Frau Marlies ein Jahr lang für Taizé auf dem sogenannten «Pilgerweg der Versöhnung» unterwegs. «Aus jener Zeit habe ich vieles für mein Leben mitgenommen.»

Ein Erlebnis blieb besonders in Erinnerung. «Wir waren 1986 in Russland unterwegs, genau in der Zeit, als der Reaktor des Kernkraftwerks in Tschernobyl explodierte», sagt Schweizer.

«Unsere gesamten Besitztümer sind kontaminiert – wir mussten alles verbrennen.»

Thomas Schweizer über seine Tschernobyl-Erfahrung

Wenige Tage später, das Paar weilte bereits in Finnland, erfuhr Thomas Schweizer vom Unglück. Mit der Nachricht kam die Gewissheit: «Unsere gesamten Besitztümer sind kontaminiert – wir mussten alles verbrennen.» In den folgenden Tagen erhielten Schweizers von verschiedenen Seiten Kleidung und Alltagsgegenstände geschenkt.

«Das war für mich eine Gotteserfahrung. Ich entschied mich, darauf zu vertrauen, dass da jemand ist, der zu mir schaut, und dass ich stets erhalte, was ich wirklich brauche – als Kopfmensch fiel mir das nicht ganz so leicht», sagt der 65-Jährige.

Der «Öko-Fundi» der EVP

Der Zusammenhalt in der Gesellschaft und der Beitrag des Einzelnen sind für Schweizer denn auch Themen geblieben. «Ehrenamtliche Arbeit ist mir sehr wichtig – sie ist der Weg, um meiner Vision einer friedlichen und nachhaltigen Welt näher zu kommen», ist er überzeugt.

«Indem wir zur Umwelt Sorge tragen, erhalten wir die Schöpfung», sagt der Theologe. «Ich möchte meinen Beitrag leisten.» So entschied sich das Ehepaar Schweizer schon früh, auf ein eigenes Auto zu verzichten: «Für den Fall der Fälle sind wir Mobility-Mitglieder.»

Ihr Haus in Steffisburg baute die Familie umweltfreundlich um, legte einen Biogarten an, «der von Mai bis November Früchte trägt», wie Thomas Schweizer sichtlich stolz erzählt. «Entsprechend bin ich auch in der EVP, für die ich im Grossen Gemeinderat politisiere, ganz links angesiedelt – ich bin ein Öko-Fundi», sagt Schweizer mit einem Schmunzeln.

Thomas Schweizer bei der Kirche Steffisburg. Das Schild neben ihm weist auf die täglich offene Kirche hin – Schweizer hat es als Präsident der Kommission «Kirche und Tourismus» bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn selbst kreiert.
Thomas Schweizer bei der Kirche Steffisburg. Das Schild neben ihm weist auf die täglich offene Kirche hin – Schweizer hat es als Präsident der Kommission «Kirche und Tourismus» bei den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn selbst kreiert.
Foto: Patric Spahni

Familie als Mittelpunkt

Seine Faszination fürs Reisen und für den Tourismus sowie das Engagement für eine nachhaltige Lebensweise führten Thomas Schweizer zum Pilgern. «Es ist eine ökologische Art des Reisens, die wenig Ressourcen verbraucht», sagt er. Als das Pilgern in den Nullerjahren wieder vermehrt aufkam, initiierte er mit Anderen zusammen eine Instandsetzungsaktion der Schweizer Pilgerwege und rief eine Ausbildung für angehende Pilgerbegleiterinnen und -begleiter ins Leben.

«Auch für mich ist das Pilgern wichtig», erzählt er. Insbesondere auf der griechischen Insel Patmos, von Griechenland als «heiliges Land» deklariert, habe er dabei spirituelle Erfahrungen gemacht. «Pilgern ist eine wunderbare Art, an sich selbst zu arbeiten – während des Gehens kommen viele Themen hoch.»

Der Höhepunkt seines Lebens, das sei aber seine Familie, sagt Schweizer. «Meine Frau Marlies unterstützt mich unglaublich stark – ohne sie hätte ich all meine Tätigkeiten nicht ausüben können.»

«Diese Krankheitsphasen liessen mich differenzierter denken – und haben mich ermutigt, für eine Welt einzutreten, die man nicht einfach so verschleudert.»

Thomas Schweizer über seine Überzeugungen.

Auch mit den drei Söhnen pflegt Schweizer ein enges Verhältnis: «Wir führen interessante Diskussionen.» Seiner Familie möchte Schweizer nach seiner Pension mehr Zeit widmen – ebenso seinem internationalen Freundeskreis, der durch die Treffen von Taizé entstand.

Krankheit als Chance

Doch auch Tiefpunkte habe er erlebt, sagt Thomas Schweizer. Zwei weitere Male entrann er knapp dem Tod. Weil er an ein Jugendtreffen von Taizé im indischen Madras, heute Chennai, reisen wollte, erhielt Schweizer Medikamente zur Malaria-Prophylaxe. «An diesem Medikament starben damals 20 Personen. Ich überlebte», sagt Schweizer – und klingt dabei heute noch ungläubig. «Allerdings brauchte ich ein halbes Jahr, um wieder auf die Beine zu kommen.»

Schweizer wurde eine Allergie auf einen Inhaltsstoff des Medikamentes diagnostiziert – ein Stoff, der hierzulande in Antibiotika zu finden ist. Ein solches wurde ihm Jahre später verschrieben, als er an einer starken Lungenentzündung litt. «Eine Tablette reichte, um mich erneut zwei Monate ausser Gefecht zu setzen.»

Thomas Schweizer liess sich davon nicht unterkriegen. «Diese Krankheitsphasen liessen mich differenzierter denken – und haben mich ermutigt, für eine Welt einzutreten, die man nicht einfach so verschleudert.» Er nehme heute nicht mehr alles für selbstverständlich. «Wenn ich zurückblicke, bestätigen mir diese Vorfälle erneut: Ich werde behütet und getragen, bin aber auch mitverantwortlich für die Bewahrung des Lebens auf dieser Erde.»

Am Sonntag, 23. August, findet in der Kirche Glockental um 9.30 Uhr ein Gottesdienst mit Pfarrerin Veronika Michel und Vikarin Rachel Drollinger statt. Sozialdiakon Thomas Schweizer, Pfarrer Hansueli Minder und Vikarin Rachel Drollinger werden verabschiedet. Musik: Katrin Huggler, Flöte.