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Geschichte der USAAuf dem Rücken von Native Americans und Versklavten

Die amerikanische Geschichte ist zum Zankapfel geworden. Mit rassistischen Untertönen beansprucht Donald Trump die Deutungshoheit über sie. Doch ihre Revision ist unausweichlich geworden.

Sie soll demnächst entfernt werden: Eine Statue von Theodore Roosevelt vor  dem American Museum of Natural History in New York stellt Native Americans und versklavte Afroamerikaner als Unterworfene und als minderwertig dar.
Sie soll demnächst entfernt werden: Eine Statue von Theodore Roosevelt vor dem American Museum of Natural History in New York stellt Native Americans und versklavte Afroamerikaner als Unterworfene und als minderwertig dar.
Foto: Kathy Willens (AP Photo/Keystone)

Es war einmal …

… eine Kolonie, bevölkert von aufrechten Männern und Frauen. Weil das Mutterland die Kolonisten schlecht behandelte, rebellierten sie und besiegten in einem heldenhaften Feldzug für die Freiheit das Mutterland. So wurde Amerika geboren, eine Nation wie keine andere und geformt von der Überzeugung, dass alle Menschen gleich geschaffen seien.

Man kann darüber streiten, ob Amerika wirklich in einer Revolution entstand oder ob es sich eher um einen Befreiungskrieg handelte. Ansonsten aber wurde das Märchen von der amerikanischen Seinswerdung von Generation zu Generation weitergegeben, schön garniert mit dem Anspruch, US-Amerika sei historisch einzigartig, ja eine «unverzichtbare Nation», wie Ex-Aussenministerin Madeleine Albright es einmal formulierte.

Die historische Realität war weniger schön: Die Kolonisten und ihre Nachkommen vertrieben die indianischen Ureinwohner aus deren Heimat und begingen eine grosse Zahl an Massakern. Nicht ein einziger Vertrag, den die Washingtoner Regierung mit indianischen Stämmen abschloss, wurde eingehalten. Ausnahmslos wurden sie gebrochen. Lesen Sie hier unsere Reportage über das Leben und die Forderungen der Sioux während Zeiten von Corona und Black-Lives-Matter-Protesten.

Drei Fünftel für einen Versklavten

Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, worin alle Menschen für frei erklärt wurden, besass mehr als hundert versklavte und daher unfreie Afroamerikaner. Er zeugte fünf Kinder mit der versklavten Sally Hemings, das erste wahrscheinlich, als Hemings gerade mal 15 war.

Auch George Washington war ein Sklavenhalter. Beim Geschacher um die Verfassung von 1787 setzten die Sklavenhalter des Südens durch, dass jeder Versklavte zu drei Fünfteln als Person gezählt wurde, um so die Anzahl südstaatlicher Abgeordneter im Washingtoner Repräsentantenhaus zu erhöhen. Wählen durften weder versklavte Afroamerikaner noch besitzlose Weisse sowie Frauen und Indianer.

Von Helden zu Verrätern

Die epische Erzählung von der unbefleckten Geburt Amerikas ist inzwischen ebenso umstritten wie der Mythos der aufrechten Südstaatler, die 1861 den Bürgerkrieg entfachten, um die «Rechte der Einzelstaaten» zu verteidigen. In Wirklichkeit fochten sie zur Bewahrung der Sklaverei. Dank einer atemberaubenden Ironie der Geschichte mutierten ihre Anführer und Generäle zu Helden, obschon sie doch Verräter waren.

Nun fallen ihnen gewidmete Denkmäler, nach ihnen benannte Strassen und Einrichtungen sollen umbenannt werden. Überhaupt wirft die Nation einen prüfenden Blick auf ihre Geschichte. Notwendig wären Korrekturen schon deshalb, weil die Demografie danach verlangt: Nur noch 60 Prozent der Amerikaner sind von weisser Hautfarbe, Minderheiten bilden bei den unter 15-Jährigen bereits eine Mehrheit.

Die amerikanische Gesellschaft erfindet sich neu; erstmals seit dem Beginn des Zensus 1790 verdankt sich das Bevölkerungswachstum allein Minderheiten. Und über ein Viertel der amerikanischen Metropolen, von Atlanta über Los Angeles bis nach New York und Dallas, sind mehrheitlich nicht weiss. Lesen Sie hier, wie die Auslegung der Geschichte direkte Auswirkungen auf Forderungen nach Reparationszahlungen für schwarze Amerikanerinnen und Amerikaner hat.

Ehrlichkeit tut not

Dieses neue Amerika hat das Recht auf eine ungeschönte Geschichte, auf einen Blick zurück, der nicht nur die Grosstaten der weissen Gründerväter rühmt, sondern auch das Leid und die hässliche Seite der amerikanischen Vergangenheit beleuchtet. Ehrlichkeit tut not, auch wenn sie schmerzt.

Der Präsident steuert jedoch in die Gegenrichtung. Bei seinen Auftritten zum US-Unabhängigkeitstag am Wochenende liess Donald Trump keinen Zweifel daran, dass er an den alten Mythen festhalten will. Vier Monate vor den Präsidentschaftswahlen heizt Trump die Polarisierung im Land vorsätzlich an, unnachgiebig und mit rassistischen Untertönen stellt er sich vor die geschönte Geschichte.

Eine Revision dieser Vergangenheit aber ist nicht mehr aufzuhalten.

Die Demonstrationen gegen Polizeibrutalität, die Black-Lives-Matter-Bewegung, der Ruf nach der Entfernung konföderierter Denkmäler: Trump verdammt alles in Bausch und Bogen. Und unter dem Jubel seiner nahezu rein weissen Anhängerschaft beschimpft er die Demonstranten als «Mob» und «linke Faschisten».

Es mag sein, dass die Kritiker der amerikanischen Vergangenheit gelegentlich über das Ziel hinausschiessen, eine Revision dieser Vergangenheit aber ist nicht mehr aufzuhalten. Vielleicht wird Donald Trump mit seiner gewissenlosen Strategie beim Wahlgang im November Erfolg beschieden sein. Die Geschichte wird trotzdem ein vernichtendes Urteil über ihn und seine Präsidentschaft fällen.

117 Kommentare
    Martin Schwizer

    Diese Debatte verkommt immer mehr zur Debatte über Sippenhaft. Aber der linke Mainstream liebt solche Debatten, da er sich hier im besten Licht zeigen kann, etwas spitz formuliert. Ich frage mich daneben auch, wo denn in der Rushmore-Rede rassistische Untertöne zu hören gewesen seien. Ich habe sie mir in voller Länge angesehen. Da ist nichts, was man nicht hätte so sagen dürfen, selbst unter strengster Anwendung politischer Korrektheit nicht. Demonstranten, die zerstören sind keine Demonstranten, das ist und bleibt ein Mob.