Aufklärer für eine komplexe Welt

Diese Woche treffen sich in Lausanne über tausend Wissenschaftsjournalisten am Weltkongress WCSJ 2019.

Querschnitt durch den CMS-Detektor am Cern bei Genf, dem Epizentrum der Teilchenforschung. Foto: Michael Hoch, Maximilien Brice (Cern)

Querschnitt durch den CMS-Detektor am Cern bei Genf, dem Epizentrum der Teilchenforschung. Foto: Michael Hoch, Maximilien Brice (Cern)

Nik Walter@sciencenik

Kein Land produziert mehr Nobelpreisträger pro Kopf als die Schweiz, in keinem anderen Land ist der wissenschaftliche Output in Form von Publikationen höher, und kein anderes Land ist innovativer («Global Innovation Index»). Das Cern bei Genf ist das globale Epizentrum der Teilchenforschung. Die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich (ETHZ) und Lausanne (EPFL) gehören seit Jahren zu den besten weltweit. Und deren Abgänger sind so begehrt, dass nicht nur die Pharmaindustrie, sondern auch Internetgiganten wie Google, Facebook, Apple, IBM oder Microsoft in der Schweiz Forschungslabore unterhalten.

Mit anderen Worten: Der Wohlstand und die Lebensqualität in der Schweiz basieren zu einem grossen Teil auf der guten Bildung, der hervorragenden Forschung und der starken Innovationskraft. Diese drei Pfeiler – Bildung, Forschung und Innovation – sind denn auch die wichtigste Ressource unseres rohstoffarmen Landes. Und in der modernen Wissensgesellschaft werden sie immer noch wichtiger.

Wissenschaft, Technik und Medizin werden relevanter

Forschung und Innovation sind schon längst mitten in der Gesellschaft angekommen. Wie wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit spielen wissenschaftliche Themen heute in unserem Alltag und der Politik eine zentrale Rolle. Man denke nur an die Debatten über den Klimawandel, die Energiestrategie oder die 5G-Mobilfunktechno­logie, über das Impfen, die Spitzenmedizin und Tierversuche, über Deep Fakes, Machine Learn­ing und Big Data: Wissenschaft geht alle etwas an und wird dies in Zukunft höchstwahrscheinlich noch viel mehr tun.

Die Welt wird also einerseits immer komplexer, die Themen aus Wissenschaft, Technik und Medizin immer relevanter. Andererseits ist die Mehrheit der ­Bevölkerung zwar durchaus interessiert an der Wissenschaft, wie das «Wissenschaftsbarometer 2016» der Unis Zürich und ­Freiburg gezeigt hat. Das wissenschaftliche Know-how in der ­Bevölkerung hält sich aber in Grenzen.

Diese Schere kann man so interpretieren, dass der Grossteil der Gesellschaft der Wissenschaft nach wie vor vertraut. Die Diskrepanz birgt aber auch die Gefahr, dass sich Wissenschaft und Gesellschaft voneinander entfernen. Ein Anzeichen für ein solches Auseinanderdriften ist zum Beispiel die radikale Tierversuchsverbots-Initiative, die vor kurzem eingereicht wurde.

Die Wissenschaft ist oft sperrig, sie bietet selten simple Lösungen an.

Die Hochschulen und die Wissenschaftsorganisationen haben die Gefahr einer Entfremdung erkannt und in den letzten Jahren massiv in die Kommunikation investiert. Vor zwanzig Jahren hatte die Universität Zürich gerade mal zwei, drei Kommunikationsbeauftragte, heute umfasst die Abteilung zwanzig Mitarbeiter. Darüber hinaus haben diverse Fakultäten und Institute eigene Kommunikationsstellen.

Das Aufrüsten in der Wissenschaftskommunikation kontrastiert mit der Krise der klassischen Medien respektive dem schleichenden Rückgang des Wissenschaftsjournalismus – weltweit. In den USA leisten sich nur noch eine Handvoll Redaktionen ein Wissenschaftsressort, allen voran die «New York Times». Und in der Schweiz haben neben der SRG nur noch die NZZ (samt ihrer Sonntagsausgabe) sowie die Zeitungen der Redaktion Tamedia (inklusive der «SonntagsZeitung») ein Wissenschaftsressort, das diesen Namen verdient. Die Tamedia-Redaktion ist zudem die einzige in der Schweiz, die jeden Tag eine gedruckte Wissen-Seite produziert.

Es braucht Leute, die Skandale aufdecken können

Angesichts der Dominanz wissenschaftlicher Themen in unserem Alltag mutet es seltsam an, dass der Wissenschaftsjournalismus in der Schweiz (wie in allen anderen Ländern) noch immer nur ein Nischendasein führt. Denn es braucht zum einen Journalistinnen, die Studien lesen und Statistiken interpretieren können, die sich auch gut auskennen in den Fachgebieten und die Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung vermitteln, aber auch gewichten und einordnen können – etwa, wenn es um die potenziellen gesundheitlichen Gefahren der 5G-Strahlung geht.

Es braucht aber auch Journalisten, die merken, wenn die Pressestelle einer Universität eine neue Erkenntnis, zum Beispiel zu einem angeblichen Superfood, überverkauft, und die solche Machenschaften dann kritisch hinterfragen. Es braucht Journalistinnen, die den Wissenschaftsbetrieb und seine Finanzierung durchleuchten und Skandale in den Laboren und Kliniken auch aufdecken können. Und es braucht Journalisten, die ethisch fragwürdige Praktiken, wie diejenige des Chinesen He Jiankui, der eigenmächtig und verantwortungslos zwei genveränderten Babys zur Geburt verholfen hat, anprangern.

Grosse Herausforderung durch digitalen Wandel

Klar, die Wissenschaft ist oft sperrig, sie bietet selten simple Erkenntnisse oder Lösungen an. Die Dinge sind in der Regel komplex, fast nie schwarz und weiss. Und das ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Medien mögen: klare Aussagen, knackige Schlagzeilen. Trotzdem kommen Wissen-Themen bei Leserinnen und Lesern gut an. Das haben zig Befragungen von Konsumenten von Printmedien gezeigt, und das bestätigen heute auch die Click- und Interaktionszahlen in den digitalen Medien. Es müsste also im ureigenen Interesse der Verleger sein, den Wissenschaftsjournalismus zu fördern.

Wie ganz generell der Journalismus steht auch der Wissenschaftsjournalismus vor grossen Herausforderungen. Die digitalen Medien verlangen primär nach Häppchen, nach Videos, nach simplen Botschaften. In den traditionellen Medien ordnet die Wissenschaftsberichterstattung aber eher ein, sie vertieft die Thematik und versucht zu differenzieren. Die grosse Challenge wird demnach sein, die diametral unterschiedlichen Ansprüche unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig auch Formen zu finden, die in den Medien der jungen Generation funktionieren: Youtube, Insta­gram und Co. Wie das künftig aussehen könnte, zeigt ansatzweise das neue Onlinemagazin Higgs.ch.

Gelingt dieser Spagat nicht, könnte das Auswirkungen bis in die Gesellschaft haben. Das angesprochene Vertrauen in die Wissenschaft wird nämlich schwinden, wenn die Bevölkerung immer weniger versteht, wie Forschung wirklich funktioniert. Das würde auch heissen, dass die führende Rolle der Schweiz in Bildung, Forschung und Innovation gefährdet wäre, denn diese werden wir nur beibehalten, wenn die Bevölkerung die Forschungsförderung in Milliardenhöhe weiterhin demokratisch mitträgt. Noch nie war Wissenschaftsjournalismus so wichtig wie heute.

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