Alles oder nichts

Donald Trump verachtet Diplomatie und überschätzt sich selbst. Er will den grossen Deal um jeden Preis. Doch im Umgang mit dem Iran und Nordkorea hat er damit keine Chance.

Donald Trump auf dem Weg zum G-20-Gipfel in Osaka, wo er sich mit zahlreichen Regierungschefs treffen wird. Foto: Kevin Lamarque (Reuters) 640 Bildlegende bei 1spaltigen Bildern 2 Zeilen. Foto: Name (XYZ) Stephanie Grisham, ab Montag Chef-Sprecherin. Foto: Reuters

Donald Trump auf dem Weg zum G-20-Gipfel in Osaka, wo er sich mit zahlreichen Regierungschefs treffen wird. Foto: Kevin Lamarque (Reuters) 640 Bildlegende bei 1spaltigen Bildern 2 Zeilen. Foto: Name (XYZ) Stephanie Grisham, ab Montag Chef-Sprecherin. Foto: Reuters

Paul-Anton Krüger@pkr77

Präsident Donald Trump spart nicht mit vollmundigen Offerten an Amerikas Feinde. Dem Iran bot er Verhandlungen ohne Vorbedingungen an. Zuvor war durchgesickert, dass er einen Militärschlag abgeblasen hatte, der auf Drängen seines Sicherheitsberaters und seines Aussenministers schon in Gang war. Mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un hat Trump sich schon zu zwei Gipfeln getroffen. Der zweite blieb ohne Ergebnis, nachdem man sich beim ersten – laut Trump – auf die «vollständige und irreversible Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel» geeinigt hatte. Zumindest pflegen die beiden noch eine Art Brieffreundschaft, und Trump ignoriert, dass Kim schon wieder ballistische Raketen testen lässt.

Es ist unwahrscheinlich, dass der US-Präsident zum Ende seiner Amtszeit einen Verhandlungserfolg vorweisen wird können, einen grossen Deal, mit dem sich der Immobilien-Tycoon als grosser Staatsmann beweisen will. Dafür gibt es eine Reihe Gründe, die in der Geschichte liegen, in der Ideologie der Kim-Dynastie und der Islamischen Republik, in Trumps Charakter, dem brüsken Stil und der erschreckenden Dysfunktionalität seiner Regierung.

«Der grosse Satan»

Irans Präsident Hassan Rohani hat Gespräche mit dem «grossen Satan», wie das Regime die USA tituliert, abgelehnt, nachdem Trump Sanktionen gegen den obersten Führer, Ayatollah Ali Khamenei, verhängt hatte. In Teheran glaubt kaum jemand daran, dass es Trump ernst meint. Er ist aus dem Atom­abkommen ausgestiegen, hat so das ohnehin tiefe Misstrauen der Iraner gegenüber den USA bestärkt, das bis zum von der CIA orchestrierten Mossadegh-Putsch 1953 zurückreicht. Auch will in Teheran niemand aus einer Position der Schwäche verhandeln, daher die zunehmenden Provokationen.

Nordkorea befindet sich mit den USA offiziell nur in einem Waffenstillstand, der dem Status quo der Beziehungen seit 66 Jahren zugrunde liegt. Aus Sicht Pyongyangs haben die USA das 1994 geschlossene Genfer Rahmenabkommen, eine Art kleiner Atomdeal, nach dem Regierungswechsel von Clinton zu Bush junior gebrochen, obschon Nordkorea es war, das sein klandestines Atomprogramm vorantrieb.

Es kommt weniger darauf an, ob die jeweilige Wahrnehmung sich mit der Realität deckt. Entscheidend ist, dass diese Wahrnehmung die Entscheidungsprozesse der Regime in Pyongyang und Teheran massgeblich treibt. Zu ihrer ideologischen Identität gehört im Kern der Antiamerikanismus, einen Ausgleich mit den USA können sie sich deshalb kaum leisten – obwohl sie in den USA zugleich die grösste Gefahr für ihren Bestand sehen. Der Sturz Saddam Husseins oder das Schicksal des libyschen Diktators Ghadhafi sind ihnen Warnung.

Mangel an Gespür

Erschwert wird die Sache durch eine Kakofonie von Botschaften aus Washington. Oft spricht Trump anders als der Aussenminister oder sein Sicherheitsberater, und der Präsident ändert seine Meinung von einem Tweet zum nächsten Telefonat mit einem seiner Einflüsterer. Trump mag Unberechenbarkeit für seine Stärke als Verhandler halten, in Wahrheit ist diese Sprunghaftigkeit das zentrale Hindernis im Umgang mit Kim oder Khamenei.

Trump will den grossen, den allumfassenden Deal – im Falle des Iran soll er die Regionalpolitik ebenso umfassen wie das Atom- und das Raketenprogramm, im Falle Nordkoreas einen Friedensvertrag und die Abrüstung der Atomwaffen. Im Gegenzug stellt er die Normalisierung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen in Aussicht. Woran es aber fehlt, ist ein Plan, wie man ans Ziel ­gelangen könnte.

Der Hanoi-Gipfel mit Kim ist vor allem gescheitert, weil das Treffen schlecht vorbereitet war. Trump hat sich davor mit Kim nicht einmal darüber verständigt, was sie unter Denuklearisierung genau verstehen wollen. Russland, China und Europa oder Nachbarstaaten in die Gespräche mit Teheran und Pyongyang einzubinden, kommt Trump nicht in den Sinn. Ihm widerstreben solche multilateralen Formate, oder auch schon die Idee, sich in kleinen Schritten aufeinander zuzubewegen. Er will alles – und das sofort. Weder Kim Jong-un noch die Führung der Islamischen Republik werden sich darauf einlassen. Daran ändern auch Donald Trumps Kampagnen des maximalen Drucks kaum etwas, solange er keine erkennbare Strategie verfolgt.

Und so scheitert wohl der grosse Deal mit Nordkorea oder dem Iran an Donald Trumps Verachtung fürs Detail, am Mangel an Gespür für Allianzen und an Ein­fühlungsvermögen, kurz: an Trumps grandioser Selbstüberschätzung.

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