«Das grosse Problem: Man kommt kaum an die Feuer»

In Brasilien kämpft nun auch das Militär gegen die Waldbrände. Ein Forstexperte erklärt, wie aussichtsreich das ist.

Seit vergangenem Wochenende kämpfen auch brasilianische Militäreinheiten gegen die Flammen. Foto: Keystone

Seit vergangenem Wochenende kämpfen auch brasilianische Militäreinheiten gegen die Flammen. Foto: Keystone

Die Wälder im Amazonasgebiet brennen jedes Jahr in der Trockenzeit, doch diesmal sind die Brände heftig. Sie wüten nicht nur in Brasilien und Bolivien, sondern auch in Peru, Chile, Paraguay und in Teilen Argentiniens. Seit vergangenem Wochenende kämpfen auch brasilianische Militäreinheiten gegen die Flammen. Wie werden sie eingesetzt? Und wie kam es überhaupt zu den Bränden? Antworten vom Forstexperten Alexander Held, der am European Forest Institute arbeitet.

Herr Held, im Amazonas wüten die schwersten Waldbrände seit Jahren. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Die Lage ist ernst. Das betrifft ja nicht nur Brasilien, unter der Dürre leidet die ganze Region. Die Grössenordnung, um die es geht, ist von globaler Bedeutung. Im Verhältnis zu dem, was in Russland, Sibirien passiert, ist das allerdings relativ wenig. Aber der Amazonas hat natürlich in der öffentlichen Wahrnehmung als grüne Lunge einen ganz anderen Stellenwert als ein Brand in Sibirien.

Wie stehen die Chancen, die Lage unter Kontrolle zu bringen?
Waldbrandbekämpfung, wie man sie aus entwickelteren Ländern kennt, kann in Regionen wie dem Amazonas nicht in dem Stil erfolgen. Das grosse Problem: Man kommt kaum an die Feuer. Dazu kommt, dass im Amazonas-Gebiet enorm viel Biomasse produziert wird, aufgrund der klimatischen Bedingungen. Und die wird durch die Trockenheit zu Brennmaterial. Dadurch wird relativ viel Energie freigesetzt. Das macht es auch so schwer, die Feuer zu löschen. Die Brände unter diesen Umständen unter Kontrolle zu kriegen, wird in der Praxis nicht funktionieren.


Video – Waldbrände wüten weiter

Luftaufnahmen aus Brasilien zeigen das Ausmass des Feuers und der Schäden. Video: AP


Das klingt sehr pessimistisch.
Was in der akuten Situation helfen würde, ist ein Wetterumschwung, damit sich die Gesamtlage verändert. Wenn die ersten Regenfälle kommen, beruhigt sich die Situation hoffentlich von alleine. Die Einsatzkräfte, die jetzt unterwegs sind, können sich aktuell nur dort bewegen, wo sie auch hinkommen. Alleine von der Logistik her ist das ein Problem. Deshalb konzentrieren sie sich erstmal auf Massnahmen, um die Infrastruktur zu schützen: Strassen, Pipelines, Stromleitungen.

Mittlerweile hilft auch das Militär. Im gesamten Amazonasgebiet stehen 44'000 Soldaten zur Verfügung. Was ist deren Aufgabe?
Man darf die Situation im Amazonas nicht mit einem Waldbrand in Europa gleichsetzen. Bei uns kommt immer viel Wasser zum Einsatz. Dann werden zum Beispiel Wasserwerfer aufgebaut. Im Amazonas erfolgt das weitgehend trocken. In Brasilien bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als vor den Kontrolllinien Vorfeuer und Gegenfeuer anzulegen, um zu verhindern, dass ein Wildfeuer überspringen kann. Ausserdem wird versucht, brennbares Material zu entfernen.

Braucht man dafür mehr als 40'000 Soldaten?
Die Hälfte der Soldaten kommt wahrscheinlich überhaupt nicht zum Einsatz, um Schneisen und Kontrolllinien anzulegen. Die werden sich mit Logistik beschäftigen, Essen, Versorgung, und so weiter. Und ganz ehrlich: Die paar Flugzeuge, die da am Himmel sind, werden sehr medienwirksam eingesetzt. Die Armee ist gut darin, eindrucksvolle Bilder zu liefern. Aber wenn ich mir das Ganze auf einem Satellitenbild anschaue, dann könnten auch hundert Flugzeuge mehr unterwegs sein, und es wäre trotzdem mehr oder weniger nur symbolisch.

«Wenn gelegte Feuer über Tage und Wochen brennen, wird es problematisch.»

Seit Januar nahm die Zahl der Feuer und Brandrodungen in Brasilien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 82 Prozent zu. Wieso?
Die Situation ist komplexer als oft dargestellt. Die einfache Erklärung ist, dass der gegenwärtige Präsident eine Stimmung in der Bevölkerung erzeugt, in der es in Ordnung ist, Feuer zu legen. Das wäre die schnelle Analyse. Die ignoriert aber die Tatsache, dass es dort schon immer Brandrodungen gab. Dazu kommt die besondere Wetterlage, die wir jetzt hatten. Die führt dazu, dass Ökosysteme oder Vegetationsformen, die normalerweise überhaupt nicht brennbar sind, brennbar werden. Wenn gelegte Feuer über Tage und Wochen brennen, wird es problematisch.

Können solche Brände überhaupt verhindert werden?
Es wird sicher nicht dazu kommen, dass der brasilianische Einwohner auf dem Land, ein Soja-Farmer, Holzfäller oder indigener Bewohner, plötzlich völlig auf den Einsatz von Feuer verzichten wird. Das ist illusorisch. Und wahrscheinlich auch gar nicht zielführend. Der Staat muss die Menschen aufklären, die zu landwirtschaftlichen Zwecken Feuer legen. Im Moment ist es so: Jemand wirft ein Streichholz auf den Boden und lässt es brennen. Dann brennen viel grössere Flächen, als eigentlich nötig wären.

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