Dem US-Präsidenten laufen die Wirtschaftsbosse davon

Donald Trump hat seine Beratergremien aufgelöst. Zuvor hatten mehrere Firmenchefs den Industrierat aus Protest verlassen. Sie fürchteten um den Ruf ihres Unternehmens.

Rücktritt aus Gewissensgründen: Merck-Ceo Ken Frazier (rechts) wollte nicht mehr länger Berater von Donald Trump sein.

Rücktritt aus Gewissensgründen: Merck-Ceo Ken Frazier (rechts) wollte nicht mehr länger Berater von Donald Trump sein.

(Bild: AFP)

Claus Hulverscheidt@CHulverscheidt

Es war so, wie es meist ist, wenn Donald Trump seinen Willen nicht bekommt: Er griff zum Handy, öffnete die Twitter-App und beleidigte jemanden. «Für jeden Vorstandschef, der den Industrierat verlässt, habe ich viele, die gerne seinen Platz einnehmen werden», schrieb er. «Wichtigtuer» könne er eh nicht brauchen. Sieben Stunden später wusste der US-Präsident: Weit und breit keine Spur von den vielen Managern, die angeblich in seine Beratergremien nachrücken wollen. Im Gegenteil, je länger der Mittwoch dauerte, desto mehr Vorstandschefs und Verbandspräsidenten kündigten ihren Rückzug aus dem Industrierat an.

Die noch bedeutendere Beraterkommission, das sogenannte Strategie- und Politikforum, diskutierte in einer eilig einberufenen Telefonkonferenz sogar über seine Selbstauflösung. Kurz nach der Mittagszeit zog Trump die Notbremse: Um den «Druck auf die Geschäftsleute» zu nehmen, so teilte er per Twitter mit, würden beide Gremien schlicht abgeschafft. Ein beispielloser Vorgang.

US-Präsident Trump hat zwei Beratungsgremien mit Konzernchefs aufgelöst. (Video: Tamedia/Reuters)

Ärger über Trumps Aussagen

Auslöser der Rücktrittswelle war Kenneth Frazier, der Chefs des Pharmakonzerns Merck, gewesen. Er hatte nach den zweideutigen Aussagen Trumps zu den Gewalttaten Rechtsextremer in Charlottesville am Montag erklärt, er könne dem Industrierat des Präsidenten «aus Gewissensgründen» nicht länger angehören. «Ich halte es für meine Verantwortung, gegen Intoleranz und Extremismus Stellung zu beziehen», betonte der Manager, der der einzige Afroamerikaner unter den Ratsmitgliedern gewesen war. Trump antwortete umgehend mit einem wütenden Twitter-Eintrag, in dem er den Konzern-Chef der Preistreiberei bei Medikamenten bezichtigte.

Daraufhin erklärten auch Brian Krzanich und Kevin Plank, die Chefs des Chipherstellers Intel und der Bekleidungsfirma Under Armour, ihren Rückzug. Ihnen folgten am Mittwoch Scott Paul und Richard Trumka, die Präsidenten der Industrievereinigung AAM und des Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO, sowie Inge Thulin, der Chef des Technologiekonzerns 3M. «Wir können nicht für einen Präsidenten in einer Kommission sitzen, der Bigotterie und inländischen Terrorismus toleriert», erklärte Trumka.

Da auch Tesla-Gründer Elon Musk das Gremium schon wegen Trumps Klimapolitik verlassen hatte und vier weitere Topmanager aus anderen – nicht-politischen – Gründen ausgeschieden waren, hatte der einst 28-köpfige Rat plötzlich nur noch 17 Mitglieder.

«Die Negativität ist so unfassbar»

Die Rücktritte zeigen, welch schwierige Gratwanderung die Mitgliedschaft in einem Beratergremium unter Trump geworden ist. «Das Leben als Vorstandschef ist politisiert worden», sagte Charles Elson, Experte für Unternehmensführung an der Universität von Delaware, der Nachrichtenagentur Bloomberg. «Die Negativität ist so unfassbar, dass alles zu einer Streitfrage wird: Wenn du nichts sagst, wenn du was sagst, wenn du nicht genug sagst – du bekommst Schwierigkeiten.»

Tatsächlich waren die verbleibenden Ratsmitglieder unmittelbar nach Bekanntwerden der Rücktritte unter Druck geraten, ihre Mitgliedschaft in den Beiräten ebenfalls zu beenden. Doug McMillan und Indra Nooyi, die Vorstandschefs der Einzelhandelskette Walmart und des Getränkekonzerns PepsiCo, etwa, wurden in den sozialen Netzwerken mit Boykottaufrufen gegen ihre Unternehmen konfrontiert, obwohl beide Trumps Aussagen zu Charlottesville ausdrücklich kritisiert hatten. Under-Armour-Chef Plank erlebte gleich die ganze Breite der Internet-Beschimpfungen: Vor seinem Rücktritt verunglimpften ihn linke Eiferer als «Nazi», nach dem Rücktritt beleidigten ihn rechte Krakeeler als «Memme».

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