Demokraten schicken neue Gesichter vor

Um zumindest eine der beiden Kongresskammern zurückzuerobern, hat sich die Opposition breit aufgestellt.

Von links: Der Ex-Marine Richard Ojeda, die Sozialistin Alexandria ­Ocasio-Cortez und der Ex-Football-Spieler Colin Allred. Fotos: PD

Von links: Der Ex-Marine Richard Ojeda, die Sozialistin Alexandria ­Ocasio-Cortez und der Ex-Football-Spieler Colin Allred. Fotos: PD

Thorsten Denkler@thodenk

Die Demokraten haben etwas gutzumachen in diesen Zwischenwahlen am 6. November. Es gibt nicht wenige, die ihnen den grössten Anteil der Schuld daran geben, dass Donald Trump der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte. Jetzt wollen sie zumindest eine der beiden Kammern im Kongress zurückerobern, am besten beide. Und dazu noch wichtige Posten in den Bundesstaaten wie Gouverneursämter oder die mächtigen Justizministerien übernehmen. Während die Republikaner fast ausschliesslich auf Kandidaten setzen, die Trump unterstützen, haben sich die Demokraten mit ihren Kandidatinnen und Kandidaten pragmatisch breit aufgestellt:

Die Frauen

2018 ist das Wahljahr der Frauen in den USA. Noch nie gab es so viele Frauen, die kandidieren wollten, noch nie so viele, die dann in den Vorwahlen von ihren Parteien nominiert wurden, um Gouverneurin zu werden oder sich einen Sitz in einem Parlament in den Bundesstaaten oder im Kongress zu erkämpfen. 22 Frauen kandidieren für Senatsposten, 235 für das Repräsentantenhaus. Sogar die Zahl der Rennen, in denen Frauen gegen Frauen antreten, ist mit 33 so hoch wie nie. Das hat viel mit einem Präsidenten im Weissen Haus zu tun, den viele für frauenverachtend halten, gegen den Dutzende Anschuldigungen erhoben worden sind, Frauen gegenüber sexuell übergriffig geworden zu sein. Weshalb es auch deutlich mehr Frauen gibt, die für die Demokraten antreten als für die Republikaner.

Die Progressiven

Die Wahl ist für die Demokraten auch eine innerparteiliche Abstimmung über den richtigen Weg. Manche sprechen gar von einem «civil war» innerhalb der demokratischen Partei, einem Bürgerkrieg. Es stehen sich ­Sozialisten und Traditionalisten gegenüber. Die Sozialisten wollen etwa einen radikalen Umbau des überteuerten und ungerechten Gesundheitssystems. Sie fordern eine Krankenversicherung für alle, ausserdem höhere Steuern für Reiche und einen deutlich höheren Mindestlohn. Die wichtigste Vertreterin dieser Richtung ist Alexandria Ocasio-Cortez. Die 28-Jährige hat im Norden von New York überraschend die Vorwahlen gegen den Abgeordneten Joe Crowley gewonnen. Ihr Wahlsieg hat Ocasio-Cortez über Nacht zu einem politischen Star gemacht. Politisch liegt sie auf einer Linie mit ihrem Mentor und früheren Arbeitgeber Bernie Sanders, der in den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur 2016 Hillary Clinton überraschend knapp unterlag. Der Wahlkreis von ­Ocasio-Cortez gilt für die Demokraten als sicher.

Die Veteranen

Die Präsidentschaftswahl 2016 hat gezeigt, dass die Demokraten dort am verletzlichsten waren, wo sie ihre Stammwählerschaft vermutet hatten: In den strukturschwachen ländlichen Stahl- und Kohleregionen im Nordosten der USA oder in West Virginia konnten die Demokraten ihre Leute, die Arbeiterklasse, nicht mobilisieren. Was dazu führte, dass Trump dort oft knapp, manchmal aber auch mit klarem Vorsprung Wahlkreis um Wahlkreis gewonnen hat. In solchen Gegenden haben sich jetzt vermehrt kernige Ex-Soldaten für die Demokraten zur Wahl gestellt, und viele haben die Nominierung gewonnen. In sieben Wahlbezirken liefern sich Demokraten für das heiss umkämpfte Repräsentantenhaus ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit ihren republikanischen Kontrahenten. Es sind Wahlkreise, in denen sich die Republikaner bisher ziemlich sicher fühlen konnten. Richard Ojeda ist das Paradebeispiel für einen aufstrebenden Demokraten. Der Ex-Marine kämpfte im Irak und jetzt in West Virgina in einer der ärmsten Regionen der USA um ein Mandat für das ­Abgeordnetenhaus – Irokesenschnitt, mit Tattoos übersät, Stiernacken.

Die Konservativen

Das rote Band reicht auf der ­Karte der US-Bundesstaaten vom nördlichsten Zipfel Idahos bis ganz in den Südosten des Lands nach Georgia. Für die Demokraten sind diese konservativen Staaten oft politisches Niemandsland. Oft genug findet sich nicht mal mehr ein Kandidat, der bereit ist, einen teuren und nervenaufreibenden Wahlkampf zu führen, der mit an ­Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einer herben Niederlage mündet. Das wird sich auch 2018 nicht vollständig ändern. Diesmal aber haben es die Demokraten geschafft, Kandidaten aufzustellen, die den republikanischen Kontrahenten das Leben schwermachen, weil sie mindestens genauso konservativ sind. Aber irgendwie frischer, jünger, anders als das oft gewohnte republikanische Gesicht, das den einen oder anderen Wahlkreis gefühlt seit Anbeginn der Zeit vertritt. Einer dieser Kandidaten ist der 34 Jahre alte Billie Sutton, der in South Dakota Gouverneur werden will. Sutton, ein ehemaliger Rodeo-Star, sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Politisch ist er gar nicht auf Parteilinie: gegen Abtreibung, gegen neue Waffengesetze, gegen Steuererhöhungen.

Die Jungen

Für die Demokraten wäre alles viel einfacher, würde die junge Generation in grosser Zahl zur Wahl gehen. Die Gruppe von den Erstwählern bis hin zu Erwachsenen Ende dreissig zählt 71 Millionen Menschen und könnte auf die politische Wirklichkeit massiv Einfluss nehmen. Mehrheitlich neigen sie den Demokraten zu. Zwar wollen 55 Prozent nach einer jüngsten Umfrage bestimmt oder wahrscheinlich zur Wahl gehen. Sicher aber ist das nicht. Viele haben sich von der Politik abgewendet, zeigen sich eher desinteressiert. Fast die Hälfte von ihnen sagt, dass diese Zwischenwahlen auch nicht bedeutender seien als die vergangenen. Und schon in der Vergangenheit waren sie nur schwer zu mobilisieren.

Das wollen die Demokraten ändern – mit vielen jungen Kandidaten. Etwa 20 junge Demokraten treten in heiss umkämpften Wahlbezirken gegen alteingesessene Republikaner an. So eine Welle von jungen Kandidaten hat es lange nicht gegeben. Einer von ihnen ist Colin Allred, der im 32. Kongresswahlbezirk von Texas gewinnen will: 35 Jahre alt, schwarz, ehemaliger Profi-Football-Spieler. Sein Gegner: der Abgeordnete Pete Sessions. 63 Jahre alt, weiss, seit 15 Jahren im Amt. Die Chancen von Allred stehen derzeit 50 zu 50.

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