Der bleierne Schatten

Hintergrund

Für Italiener ein Terrorist, für Franzosen ein Künstler: Cesare Battisti, einst Linksextremist und heute Krimiautor, wartet in Brasilien auf seine Freilassung. Eine bizarre Odyssee im Dunst der Doppelmoral.

Ironie des Schicksals: Cesare Battisti ist im wahren Leben wie auch in der literarischen Fiktion mit dem Tod vertraut. Aufnahme von 2002.

Ironie des Schicksals: Cesare Battisti ist im wahren Leben wie auch in der literarischen Fiktion mit dem Tod vertraut. Aufnahme von 2002.

(Bild: Keystone)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Es gibt wohl nicht viele Häftlinge, die ein Gefängnis in Südamerika einer Anstalt in Europa vorziehen. Der Italiener Cesare Battisti ist so einer. Er sitzt in Brasilien im Gefängnis Papuda in der Hauptstadt Brasília und dort in einem Flügel für privilegierte Insassen mit eigener Dusche. Seit drei Jahren schon. Seit sie ihn 2007 nach langer Flucht verhaftet haben. Battisti sagt, eher würde er sterben wollen, als sich in eine Zelle in Italien, seiner Heimat, verlegen zu lassen. Ja, eher würde er sich umbringen. Und wahrscheinlich muss man die Warnung ernst nehmen.

Cesare Battisti, 56 Jahre alt, aus Latina bei Rom, ist mit dem Tod vertraut. Im wahren Leben wie in der literarischen Fiktion. Vier Morde werden ihm angelastet, bei zweien soll er selber geschossen haben. Das war in den «bleiernen Jahren», den 70ern, als Italien von der Gewalt roter und schwarzer, linksextremistischer und neofaschistischer Terrorgruppen fast zerrissen wurde. Battisti war ein Linksextremist, ein linker Terrorist, bevor er im zweiten Teil seines Lebens ein gefeierter Krimiautor wurde, einer mit viel Sinn für Autobiografisches. Er selber sah sich als ein Revolutionär im Krieg, höchstens politisch verantwortlich für die Verbrechen, die er überdies bestreitet. Strafrechtlich hält er sich für unbescholten. Ein Mailänder Gericht sah das anders und verurteilte ihn zu zweimal lebenslänglicher Haft. In Abwesenheit. Notgedrungen.

Ein schräger Star

Seit 30 Jahren flüchtet Battisti nun schon vor der italienischen Justiz. Das tun andere Verbrecher auch: Bankräuber, Terroristen, Mafiosi. Die meisten aber sind diskret, tauchen unter, möglichst für immer. Battisti nicht. Er ist ein Star, für manche ein Held. Manchmal, so erzählt er, halfen ihm auch Geheimdienstler auf der Odyssee. Sein Schicksal macht Schlagzeilen, echauffiert die Gemüter, sorgt gar für handfeste diplomatische Verstimmungen zwischen grossen Staaten. Zwischen Italien, Frankreich und Brasilien, den Stationen seines dramatischen Lebens.

Gerade jetzt gehen die Wellen wieder besonders hoch, nachdem Brasiliens abgetretener Präsident Ignácio Lula da Silva beschlossen hat, Battisti nicht in die Heimat abzuschieben, wie das die Italiener fordern. Es war Lulas letzte Amtshandlung, ein heikler Gnadenakt. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn sein Entscheid im Böllerlärm von Silvester untergegangen wäre. Das tat er aber nicht, konnte er gar nicht. Für einmal sind sich in Italien alle einig, linke wie rechte Politiker und Medien: Lula hat falsch entschieden. Er missachte das Leid der Opfer, und er verhöhne die Justiz Italiens. Der italienische Aussenminister droht schon mit einer Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Er wirft Lula vor, das Auslieferungsabkommen verletzt zu haben. Und er droht auch, eine Rüstungskooperation mit Brasilia zu suspendieren.

Doch wahrscheinlich bringt das alles nichts. Wahrscheinlich kommt Cesare Battisti bald frei. Vielleicht im Februar. Sein Fall ist längst viel grösser als seine Person. Er steht für die unaufgearbeitete jüngere Geschichte Italiens, für die vielen Grauzonen aus der Zeit des roten und schwarzen Terrors. Und für viel Doppelmoral und Bigotterie.

Gangster und Proletarier

In den «anni di piombo» galt Battisti als ein relativ kleiner Fisch. Im Römer Hinterland hatte er sich als Jugendlicher und als junger Mann den Ruf eines Banditen eingehandelt, eines kleinen Gangsters. Zu lokaler Berühmtheit brachte er es mit Prügeleien und Überfällen, bei denen er sich zuweilen nicht sonderlich geschickt anstellte und mehrmals verhaftet wurde. Battisti erzählt gerne, er sei während der Studentenunruhen im Mai 1968 politisiert worden. Doch damals war er erst 13, die Schule brach er nach drei Jahren Gymnasium ab. Mit ideologischen Imperativen wurde er im Gefängnis konfrontiert, 1977, in Udine. Dort traf er auf den Vordenker einer kleinen, linksradikalen Gruppe, die sich Proletari armati per il comunismo nannte: Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus, kurz PAC. Von den Roten Brigaden, die die Terrorszene beherrschten, unterschied sie die Ablehnung des Stalinismus. Battisti wurde Mitglied, noch im Gefängnis. Kaum war er frei, stellte er der Gruppe seine Fachexpertise in Überfalloperationen zu. Die Revolution wollte finanziert sein. Dazu steht er.

Obschon sich die PAC als Vorkämpfer für das Proletariat ausgaben, schreckten sie nicht davor zurück, neben einem Polizisten und einem Gefängniswärter auch Leute aus dem Volk hinzurichten. Lino Sabbadin aus Mestre war Metzger, Pierluigi Torregiani aus Mailand war Juwelier. Am 16. Februar 1979 bezahlten sie mit dem Leben, weil sie aus Notwehr Räuber erschossen hatten, die ihren Laden hatten überfallen wollen. Die Räuber waren Mitglieder der PAC. Beim Mord am Metzger soll Battisti Wache gestanden haben, den Mord am Juwelier soll er organisiert haben.

Denkwürdige Offerte

Noch im selben Jahr wurde er verhaftet. Doch nur zwei Jahre später gelang ihm mit der Hilfe von Weggefährten, die mit ihm im Gefängnis sassen, die Flucht. 30 Tage zu Fuss durch die Alpen, wie er einmal dem Magazin «Paris Match» erzählte – nach Frankreich, wo er seine Frau kennen lernte, die bald schwanger wurde und ein gemeinsames Kind gebar. Das Leben im Untergrund behagte Battisti nicht. Die junge Familie setzte sich nach Mexiko ab, wo er zu schreiben begann. Doch in Frankreich tat sich bald Wunderliches. François Mitterrand, der sozialistische Präsident, bot 1985 allen reumütigen Terroristen aus Italien politisches Asyl an. Er nannte sie nicht Terroristen wie die Italiener, sondern «Aktivisten». Seine denkwürdige Offerte rechtfertigte er damit, dass Italiens Justiz unter dem Einfluss von Sondergesetzen keine fairen Prozesse machte. Bekannt wurde diese Politik als «Mitterrand-Doktrin». Sie zog in jener Zeit etwa 140 Extremisten aus Italien an. Viele von ihnen leben bis heute in Frankreich. Diskret, versteckt.

Der Plot des Portiers

Battisti kehrte 1990 nach Paris zurück, bezog eine Mansardenwohnung an der Rue Bleue im 9. Arrondissement, betrieb einen Waschsalon, wurde Hausabwart und schrieb «Romans noirs» – dunkle Krimis mit viel Blut. Die Linien seiner Plots verliefen zwischen erlebter Wirklichkeit und Fiktion. Als verarbeitete hier ein Mann seine Vergangenheit. Als versuchte Battisti, den bleiernen Schatten aus seinem Leben zu entfernen. Seine Bücher wurden von grossen Häusern verlegt. Und sie hatten Erfolg. Battisti etablierte sich in der Pariser Kulturszene.

Zu seinen Freunden und Fürsprechern zählten bald bekannte Namen. Allen voran der Philosoph und Selbstdarsteller Bernard-Henri Lévy, die Schriftstellerin Fred Vargas – und Carla Bruni, die spätere Madame Sarkozy. Mit Petitionen und flammenden Plädoyers in den Zeitungen mobilisierten sie gegen eine Ausschaffung Battistis. Nun, da er zum Zirkel gehörte, gebührte Battisti gewissermassen eine künstlerische Ausnahmestellung – eine moralische Überhöhung, an der das irdische Recht gefälligst abprallen sollte. Einen ähnlichen Reflex löste unlängst die Verhaftung von Roman Polanski in Zürich aus. Das Pariser Künstlerviertel Saint-Germain-des-Prés brodelte und zürnte. Die künstlerische Grösse, so die befremdliche Maxime, macht Verbrechen quasi ungeschehen.

Als der Wind drehte

Bis 2002 war das auch für Battisti so. Er fühlte sich sicher, wohlig gebettet in der Pariser Doppelmoral. Der Albtraum einer Abschiebung in die Heimat schien definitiv gebannt. Dann aber drehte plötzlich der Wind. Mitterrands Doktrin begann zu verwelken. In Rom und Paris regierten rechtsbürgerliche Koalitionen. Der Begriff Terrorismus hatte nach dem 11. September 2001 wieder schärfere Konturen erhalten. Zudem traten in Italien Terroristen auf, die sich als «Neue Rote Brigaden» bezeichneten. Es hiess, diese «Neuen» würden von ehemaligen Terroristen unterstützt. Rom pochte nun mit verstärkter Verve und einem neuen internationalen Haftbefehl auf die Auslieferung Battistis. Und Paris gab der Forderung 2004 endlich statt. Theoretisch wenigstens – und unter viel Drama. Im Quartier latin galt Battisti nun ab sofort als angehender Märtyrer, schuldlos verfolgt von einem faschistischen Regime. Gemeint war Italiens Regierung.

So richtig ernst war es den Franzosen aber nicht mit der Auslieferung. Sie liessen Battisti laufen. Ausgemacht war gewesen, dass er sich bis zum Ausschaffungstermin jeden Tag bei der Polizei melden würde. Einmal liess er den Termin aus. Und floh, wie es nicht anders zu erwarten war. Lieber sterben als zurück nach Italien. 2007 tauchte er in Brasilien wieder auf. Unfreiwillig. Er wurde verhaftet. Die Geheimdienste in Rom und Paris hatten für einmal kooperiert.

Vom kleinen Fisch zur grossen Symbolfigur

Nun begann das Drama auch in Brasilien, ähnlich wie in einer Seifenoper. Italiens Rechtsregierung bedrängte den linken Lula, Battisti auszuliefern. Der haderte, weil Battistis Geschichte in seiner Arbeiterpartei Sympathien weckte. Aus Frankreich kam der Ruf von Battistis prominenten Kulturfreunden, Lula möge den Verfolgten um Himmels willen vor der willkürlichen Justiz in dessen Heimat schützen. Im Gefängnis drängten sich derweil hohe Besucher, um den Häftling zu ermuntern, als sei er eine weggesperrte Ikone der Freiheit. Viele kamen von weither, die meisten aus Saint-Germain-des-Prés.

Nun soll er also freikommen, Cesare Battisti. Es bahnt sich ein Epilog an, wie es ihn in seinen düsteren Krimis nicht geben könnte – vom Gauner aus Latina zum Protagonisten auf der Weltbühne. Ausser natürlich, der Wind dreht plötzlich noch einmal. Weg von Saint-Germain-des-Prés. Und rüber nach Italien, wo der einst kleine Fisch, welch Ironie der Geschichte, mittlerweile als grosse Symbolfigur der bleiernen Jahre gehandelt wird.

Tages-Anzeiger

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