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Der Kult um die Kanone

Das Ritual ist stets dasselbe: Ein Massenmord, nationale Trauer, die Frage nach dem Warum. Vom blanken Wahnsinn amerikanischer Waffengesetze ist hingegen kaum die Rede - dank der mächtigen Waffenlobby NRA.

Starker Einfluss auf die Regierung: Der ehemalige Vize-Präsident Dick Cheney (mitte), flankiert von der Geschäftsführung der National Rifle Association im Jahr 2006.
Starker Einfluss auf die Regierung: Der ehemalige Vize-Präsident Dick Cheney (mitte), flankiert von der Geschäftsführung der National Rifle Association im Jahr 2006.
Keystone

Barack Obama rollten Tränen die Wangen herab. Die Nation war geschockt: 20 Kinder im Grundschulalter hatte der Massenmörder Adam Lanza gestern in einer Schule in der Kleinstadt Newtown im US-Staat Connecticut erschossen. Und sieben Erwachsene dazu. Wie stets bei derartigen Vorfällen ist die Nation wie vom Donner gerührt: Wer nur konnte so etwas tun? Warum? Wozu?

Die Fragen waren schon oft gestellt worden: Nach dem Massaker an der Virginia Tech University 2007, als ein Amokläufer 32 Menschen tötete. Nach der Schiesserei in Tucson in Arizona im Januar 2011, als sechs Menschen umgebracht wurden und die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords schwer verletzt wurde. Nach dem Kino-Massaker in Aurora in Colorado im Juli, als ein Verrückter zwölf Menschen erschoss und 68 verletzte. Und eigentlich jede Woche, wenn irgendwo im weiten amerikanischen Land zwei, drei oder vier Menschen niedergestreckt werden. Ermordete. Selbstmörder. Kinder, die mit Daddys ungesicherten Kanonen spielten. Ka-wumm! Wahllos.

Mehr Schusswaffen als Einwohner

Oder auch nicht. In einer Gesellschaft von 300 Millionen sind mehr als 300 Millionen Schusswaffen im Umlauf. Erstehen kann sie jeder. Verrückt? Kein Problem: Wer durch eine Krankheitsakte mentaler Art bei der computerisierten FBI-Überprüfung in einem Waffengeschäft unangenehm auffiel, kann einfach zu einer «Gun Show» wandern - einer Ausstellung von Schusswaffen, wie sie an jedem gewöhnlichen Wochenende in jedem ordinären Nest, von Kalifornien bis nach Virginia, stattfinden!

Niemand fragt dich, wenn du dort eine Sig Sauer einkaufst. Oder eine AK-47. Du bezahlst, gehst nach Hause, stellst die Waffe in den Schrank. Wie Nancy Lanza, die Mutter des Todesschützen von Connecticut. Die Waffen, mit denen ihr Sohn 20 Schulkinder ermordete, waren auf ihren Namen registriert. Warum sie diese Waffen besass? Wer weiss das schon. Vielleicht dachte sie wie Charlton Heston, der als Sprecher der mächtigen Schusswaffenlobby National Rifle Association (NRA) Furore machte: Wenn ihr mir die Kanone wegnehmen wollt, dann müsst ihr diese Kanone aus meinen «kalten, starren Fingern» reissen, drohte Heston.

Der Kult um die Kanone

Er war ein bekennendes Mitglied des Kults der Kanone. Es gibt sie überall in den Vereinigten Staaten. Der zweite Verfassungszusatz erlaube ihnen den Besitz von Schusswaffen, sagen sie. Und wer daran zweifelt, wird verdammt. Sie sagten auch, dass Schusswaffenkontrolle zu Hitler geführt habe. Oder zu Saddam Hussein. Sie wussten natürlich nicht, dass jeder in Saddams Irak Schusswaffen besass. Nein, ihre Ideologie ist völlig festgefahren: Hände weg vom Recht des Einzelnen auf den Schusswaffenbesitz!

Und die NRA, die viel Geld und ein Drohgebaren hat, das an Mafiosi erinnert, wittert selbst hinter dem geringsten Versuch, Schusswaffen zu kontrollieren, einen Coup. Sie droht jedem Politico in Washington, der nach dem jeweils letzten Massaker vorsichtig einwendet, man müsse vielleicht doch einmal und überhaupt, nun ja, womöglich...

Die NRA droht diesem seltenen Politico, der zumindest den Mumm hat, das Problem zu thematisieren, mit einem gewaltigen Aufmarsch am nächsten Wahltag. Man werde «ihn niedermachen», sagt der NRA-Exekutivdirektor Wayne LaPierre, ein Hundertprozentiger, der bei einer republikanischen Wahlveranstaltung im Oktober im Staat Virgina wirklich behauptete, die Uno wolle den Amerikaner ihre Waffen wegnehmen, weshalb sie schutzlos seien, wenn irgend ein krimineller Übeltäter um zwei Uhr morgens ihr Fenster einschlage, beraube oder was auch immer.

Menschen töten Menschen

Die 20 toten Kinder von Newtown sind weder Wayne LaPierres Problem noch das der feigen Politiker im Kongress, die vor der NRA zu Kreuze kriechen: Schliesslich töten nicht Schusswaffen Menschen. Menschen töten Menschen! Sie drücken ab, sie feuern, die drehen durch. Schusswaffen? Kein Problem! Sie tun bekanntlich niemandem etwas zu Leide!

So eingeschüchtert sind die Politcos - New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg und einige wenige andere Heldenhafte ausgenommen - , dass die NRA seit Jahren am Durchmarsch ist: Magazine mit zig Patronen? Her damit! Sturmgewehre? Aber klar! Wer braucht sie nicht? Und alles nur, weil die Gründerväter im zweiten Verfassungszusatz bestimmten, dass die Amerikaner im Rahmen einer «gut regulierten Miliz» ein Recht auf den Besitz und das Tragen auf Waffen haben.

Wohnheim für waffentragende Studenten

Die ermordeten Lehrer in Newtown hätten, sofern es die NRA betrifft, eben gut daran getan, jeden Morgen mit einer Kanone in ihren Kindergarten zu wandern. Denn hierin versteckt sich das Problem: Unbescholtene Bürger müssen in einer Welt voller Krimineller in der Lage sein, überall Waffen zu tragen. An der Uni. Weshalb die University of Colorado in Boulder ein eigenes Wohnheim für waffentragende Studenten hat. In einer Bar, umnebelt vom Whiskey und Bier. Weshalb der Staat Tennessee genau dies genehmigt hat. Und gut sichtbar an der Hüfte wie in Oklahoma: Du willst mir was Böses tun? Schau, was ich hier hab!

Die Kultur der Kanone kennt keine Grenzen mehr. Und je mehr Amerikaner sich bewaffnen, desto weniger werden umkommen. Sagt die NRA. Nun wird wieder getrauert, wie es sich gehört. Über menschliche Niedertracht wird philosophiert werden. Warum?, wird man fragen. Obschon alles nur ein Ritual ist. Wie nach Virginia Tech. Oder nach Aurora. Oder nach jeder Schiesserei in irgendeinem Nest in der amerikanischen Pampa. Nach Obamas Wiederwahl kauften die Leute wie verrückt Schusswaffen. Könnte ja sein, dass die Dikatur ausbricht und niemand mehr Waffen besitzen darf! Wie bei Saddam! Derartiges kennt keine Grenzen im Land der grenzenlosen Paranoia.

Washington täte gut daran, endlich ein restriktivere Gesetze zu bestimmen. Solche Gesetze, die vielleicht verhindern, dass Verrückten und Menschenfeinden die Kanonen aus den toten, starren Fingern genommen werden müssen.

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