Der Mann mit dem Koks ist weg

Der kalabrische Mafiaboss Rocco Morabito ist in Uruguay aus dem Gefängnis geflüchtet.

Lebte jahrelang unerkannt und mit gefälschtem brasilianischem Pass in Uruguay: Mafiaboss Rocco Morabito. Foto: PD

Lebte jahrelang unerkannt und mit gefälschtem brasilianischem Pass in Uruguay: Mafiaboss Rocco Morabito. Foto: PD

Sandro Benini@BeniniSandro

«Ich werde von der uruguayischen Regierung sofortige Erklärungen verlangen», sagte Italiens Innenminister Matteo Salvini, und man kann seine Empörung verstehen. Denn in dem Land, dessen Ruf als «Schweiz Südamerikas» durch solche Vorfälle bröckeln dürfte, war ein italienischer Schwerverbrecher entkommen. «Um Mitternacht sind vier Personen durch ein Loch über die Terrasse des Gefängnisses geflüchtet», musste das uruguayische Innenministerium am Montag einräumen. Einer der vier ist der Mafiaboss Rocco Morabito, wegen seiner Vorliebe für Geländewagen der Marke DKW Munga «U Tamunga» genannt. Er hätte bald nach Italien ausgeliefert werden sollen.

Von der Terrasse der Haftanstalt in Montevideo kletterten die Ausbrecher durch ein Fenster in ein benachbartes Haus. Die Rentnerin Élida Ituarte befand sich in ihrem Schlafzimmer, als sie Geräusche hörte. Auf dem Korridor stiess sie auf die vier Männer. Laut lokalen Medien habe einer von ihnen Ituarte mit der Behauptung zu beruhigen versucht, sie seien Klempner und müssten etwas reparieren. U Tamunga war diese Erklärung für den ungebetenen mitternächtlichen Besuch zu blöd. Sie seien aus dem Gefängnis geflohen, gab er zu. Er müsse seine erkrankte Tochter besuchen. Bevor die Verbrecher Ituarte körperlich unversehrt zurückliessen, raubten sie den Inhalt ihres Portemonnaies, umgerechnet 88 Franken.

In den 80er- und 90er-Jahren wurde er für die Industrie- und Finanzmetropole Mailand zum wichtigsten Kokainlieferanten. 

Der 52-jährige Morabito gehört einem traditionsreichen Clan der kalabrischen ‘Ndrangheta an. Zum ersten Mal geriet er mit der Justiz in Konflikt, als er während seines Studiums einen Dozenten bedrohte. In den 80er- und 90er-Jahren wurde er für die dynamische, geschäftige, reiche Industrie- und Finanzmetropole Mailand zum wichtigsten Kokainlieferanten. Wegen Drogenhandels und Mitgliedschaft beim Organisierten Verbrechen in Abwesenheit zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, floh er um die Jahrtausendwende nach Südamerika. Zeitweise gehörte er zu den fünf meistgesuchten Verbrechern Italiens.

In Uruguay lebte U Tamunga mit einem gefälschten brasilianischen Pass im glitzernden Touristenort Punta del Este. Mehr als 20 Jahre, nachdem er untergetaucht war, gelang es der Polizei im September 2017, ihn in einem Hotel in Montevideo zu verhaften. Die Ermittler hatten ihn aufgespürt, weil Morabito seine Tochter unter ihrem richtigen Namen in einer Privatschule angemeldet hatte. In der Villa des Kalabresen fanden die Polizisten Waffen, 150'000 Dollar in bar, 12 Kreditkarten, 13 Handys und 150 Passfotos, auf denen Morabito unterschiedlich aussah. Nach der Verhaftung liess der italienische Journalist und Witzbold Klaus Davi in Mailand Plakate aufhängen. Darauf war zu lesen. «Danke Rocco! In den letzten zwanzig Jahren waren die Mailänder deine besten Alliierten, weil sie deine weisse Droge in der Schule, der Bank, der Disco und auf der Strasse konsumierten.»

Morabito hat für seine Flucht einen günstigen Moment gewählt: Am Montag spielte Uruguay bei der Copa America gegen Chile, da interessiert sich kein Polizist für einen entlaufenen Häftling. Auf der anderen Seite des Atlantiks versprach Salvini: «Wir werden Morabito jagen, wo immer er sich aufhält.»

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