Der Undurchschaubare

Diosdado Cabello, der zweitmächtigste Mann Venezuelas, spielt bei Verhandlungen mit den USA eine undurchsichtige Rolle.

Amerikanische Ermittler sind überzeugt, dass Cabello nicht nur Politiker ist, sondern auch der Boss einer Verbrecherorganisation, die im internationalen Kokaingeschäft tätig ist. Foto: Ariana Cubillos (AP)

Amerikanische Ermittler sind überzeugt, dass Cabello nicht nur Politiker ist, sondern auch der Boss einer Verbrecherorganisation, die im internationalen Kokaingeschäft tätig ist. Foto: Ariana Cubillos (AP)

Sandro Benini@BeniniSandro

Ausgerechnet er. Ausgerechnet mit Diosdado Cabello soll die US-Regierung über eine Lösung der venezolanischen Krise verhandelt haben – mit einer der zwielichtigsten Figuren im an Finsterlingen reichen Latein­amerika. Die Nachrichtenagentur AP meldete, die Amerikaner hätten ­Cabello Garantien angeboten, wenn er sich vom sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro abwende. Cabello dementierte, doch vergangene Woche räumte Maduro ein, dass es «seit Monaten» Kontakte mit Washington gebe – allerdings ohne zu bestätigen, dass Cabello daran beteiligt ist. Das liess die Temperatur in der Gerüchteküche ansteigen. Hatte Cabello hinter dem Rücken des Präsidenten intrigiert? Oder hatte er auf dessen ­Anordnung Kontakte geknüpft? Oder logen die Amerikaner, um die mächtigsten Exponenten der venezolanischen Regierung gegeneinander aufzuhetzen?

Beim 56-jährigen Diosdado Cabello ist nichts sicher und alles möglich. Er war einer der treuesten Gefolgsleute von Hugo Chávez, hatte er doch schon 1992 an dessen gescheitertem Putschversuch gegen die damalige Regierung teilgenommen. Der einstige Berufs­offizier war im Verlaufe seiner ­politischen Karriere Vizepräsident, Innen- und Justizminister, Minister für Infrastruktur, für öffentliche Bauten, Parlamentspräsident und Gouverneur des Bundesstaates Miranda. Gegenwärtig ist Cabello Präsident der Verfassunggebenden Versammlung – jenes illegitimen Organs also, das Maduro an die Stelle des demokratisch gewählten Parlaments gesetzt hat. Und mit dem er Venezuela endgültig zur Diktatur verkommen liess.

Politiker und Drogenboss

Cabellos Macht beruht auf seinen Verbindungen zum mächtigen Militärapparat. Seit neun Jahren moderiert der gedrungene, kurzhalsige Politiker eine wöchentliche Fernsehsendung. Da lässt Cabello wie ein Mann aus dem Volk mal einen Vulgärausdruck fallen, tanzt Salsa, setzt sich eine Mütze mit den venezolanischen Nationalflaggen auf den vierschrötigen Schädel. Vor allem aber beschimpft und denunziert er politische Gegner. Schon mehrmals sind Regimekritiker kurz nach Cabellos verbalem ­Sperrfeuer verhaftet worden. Seine Sendung gilt bei Oppositionellen als inoffizielles TV-Strafgericht.

Schon mehrmals sind Regimekritiker kurz nach Cabellos verbalem ­Sperrfeuer verhaftet worden.

Es gibt Hinweise, dass Cabello nicht nur Politiker ist, sondern auch der Boss des «Kartells der Sonnen» – einer von venezolanischen Machthabern geführten Verbrecherorganisation, die im internationalen Kokaingeschäft tätig ist. Das bezeugen verhaftete Drogendealer, übergelaufene Militärs, sein langjähriger Sicherheitschef, die ehemalige venezolanische ­Staatsanwältin. Auch amerikanische ­Ermittler sind überzeugt davon. ­Cabello tut die erdrückenden Indizien als Verleumdung des imperialistischen Feindes und rachsüchtiger Verräter ab.

Eine Niederlage musste Cabello einstecken, als der sterbenskranke Hugo Chávez bei seinem letzten TV-Auftritt im Dezember 2012 nicht ihn zum Nachfolger erkor, sondern Nicolás ­Maduro. Seither kursiert das Gerücht, Cabello warte nur darauf, Maduro zu stürzen. Vielleicht hat seine angebliche Rolle bei den Verhandlungen mit den USA etwas damit zu tun. Doch bisher hat sich das Szenario, wonach Venezuelas Regierung an internen Machtkämpfen zerbrechen könnte, stets als Wunschtraum erwiesen.

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