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Die Ferguson-Wut erfasst mehrere US-Städte

Der Todesschütze von Michael Brown wird nicht angeklagt, entschied eine Geschworenenjury. In Ferguson kommt es zu Plünderungen und Schüssen. Die US-Luftfahrtbehörde hat Flüge über der Stadt verboten.

Fordern politisches Engagement statt Konsum: Protestzug durch die Saint Louis Galleria mall. (28. November 2014)
Fordern politisches Engagement statt Konsum: Protestzug durch die Saint Louis Galleria mall. (28. November 2014)
Joshua Lott/Getty Images, AFP
Angespannte Ruhe: Eine Lichterkette vor dem Polizeipräsidium in Ferguson. (27. November 2014)
Angespannte Ruhe: Eine Lichterkette vor dem Polizeipräsidium in Ferguson. (27. November 2014)
Reuters
Die Menschen in Ferguson sind nach dem Entscheid aufgebracht. (24. November 2014)
Die Menschen in Ferguson sind nach dem Entscheid aufgebracht. (24. November 2014)
Reuters
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Der weisse Polizist Darren Wilson muss sich für seine Todesschüsse auf den unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Michael Brown in der US-Kleinstadt Ferguson (Missouri) nicht vor Gericht verantworten. Eine Geschworenenjury sehe keine hinreichenden Beweise für eine Straftat. Das gab die Staatsanwaltschaft in Clayton bekannt.

(Video: Youtube/FOX 29 Philly)

Die drei schwarzen und neun weissen Geschworenen beschäftigten sich rund drei Monate lang mit dem Fall. Für eine Anklageerhebung hätten neun der zwölf Geschworenen dies fordern müssen. Sie hätten jedes einzelne Beweisstück und jede Zeugenaussage genauestens überprüft, sagte Staatsanwalt Robert McCulloch. Mittlerweile ist auch das fast 5000-seitige Protokoll aufgetaucht, in dem die Anhörungen der 60 Zeugen dokumentiert sind (Darren Wilsons Aussage ab Seite 196).

Feuerwehr musste flüchten

Nach dem Verzicht auf eine Anklage sind die Proteste in der US-Stadt Ferguson in Gewalt umgeschlagen. Zwölf Gebäude stehen in Flammen. Polizeichef Jon Belmar sagte, es seien mindestens 29 Personen festgenommen worden. Die Krawalle seien schlimmer als je zuvor, er selbst habe etwa 150 Schüsse gehört. Die Polizei habe aber nicht geschossen. Von ernsthaften Verletzungen habe er keine Kenntnis, weder auf Seiten der Polizei noch bei den Demonstranten.

In einer Nachbarstadt wurde ein Polizist von einer Kugel getroffen. Der Beamte sei am Arm verletzt worden, schwebe aber nicht in Lebensgefahr, teilte die Polizei mit. Es sei noch unklar, ob der Vorfall in University City mit den Unruhen im benachbarten Ferguson zusammenhänge.

Eine Reporterin des Nachrichtensenders CNN berichtet, dass in ganz Ferguson so viele Feuer brannten, dass die Feuerwehr zeitweise mit dem Löschen nicht mehr nachkam. In einem Fall hätten Feuerwehrleute vor Schüssen flüchten müssen und seien nicht mehr zurückgekehrt.

(Video: Reuters)

Demonstranten warfen Steine und Flaschen auf die Polizei, die mit dem Einsatz von Tränengas reagierte, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Schaufenster und Autoscheiben wurden eingeschmissen. CNN zeigte Bilder von Plünderungen. Auch Journalisten wurden angegriffen: Eine CNN-Korrespondentin wurde gemäss Angaben ihres Senders von einem Stein am Kopf getroffen. «Guardian»-Korrespondent Paul Lewis berichtet auf Twitter, wie er und seine Kollegen von einer «Gang» angegriffen und geschlagen wurden und einem die Brieftasche geklaut wurde. Lewis spricht von einem «Kriegsgebiet».

Die Proteste weiten sich im ganzen Land aus. In der Nähe von San Francisco haben Demonstranten eine Autobahn blockiert. Dutzende von Menschen liefen zwischen den Autos auf der Fahrbahn bei Oakland und hielten die Hände und Transparente hoch, wie Fernsehbilder zeigten. Polizisten versuchten, die Demonstranten abzudrängen und weitere von der Strasse fernzuhalten.

In vielen weiteren Städten, von Chicago über Houston und New York, sind Friedensmärsche geplant, wie das «Wall Street Journal» berichtet. Auf dem Union Square in New York hätten Hunderte das Urteil der Geschworenen verfolgt. Danach seien sie spontan und in Begleitung der Polizei in Richtung Times Square marschiert. Es kam zu Verkehrsbehinderungen.

Flugverbotszone errichtet

Im Herzen von Philadelphia marschierten Hunderte Demonstranten und riefen «Keine Gerechtigkeit, kein Frieden, keine rassistische Polizei!» In Los Angeles versammelten sich etwa 100 Menschen im Leimert-Park. Nach Angaben der Behörden blieben die Proteste zunächst ruhig. Doch die Polizei rüstete sich nach eigenen Angaben gegen mögliche gewaltsame Grossdemonstrationen.

Über dem Vorort der Grossstadt St. Louis im Bundesstaat Missouri kreisten Polizeihubschrauber. Wegen Schüssen in die Luft hat die US-Luftfahrtbehörde FAA eine temporäre Flugverbotszone errichtet. Fünf Anflüge seien gestrichen worden, teilte der Lambert-St. Louis International Airport auf Twitter mit. Mit mehr werde nicht gerechnet, Abflüge seien keine betroffen.

Obama ruft zur Ruhe auf

US-Präsident Barack Obama hat seine Landsleute nach der umstrittenen Jury-Entscheidung zur Ruhe und Ordnung aufgerufen. «Wir sind eine Nation, die auf Rechtsstaatlichkeit errichtet wurde. Deshalb müssen wir akzeptieren, dass diese Entscheidung von der Grand Jury gefällt wurde», sagte Obama am im Weissen Haus in Washington.

(Video: Youtube/The White House)

Der Präsident sagte weiter, es sei verständlich, dass einige Amerikaner «tief enttäuscht – sogar wütend» seien. Er verwies jedoch auf die Eltern des erschossenen schwarzen 18-Jährigen Michael Brown, die darum gebeten hatten, dass jegliche Proteste friedlich ablaufen sollten. Er rief die Öffentlichkeit auf, die Entscheidung zu akzeptieren und sich darauf zu konzentrieren, Fortschritte beim gegenseitigen Verständnis zwischen der Polizei und ihren Kommunen zu machen.

«Das wird nicht geschafft, indem Flaschen geworfen werden», sagte Obama. «Das wird nicht geschafft, indem Autoscheiben kaputtgeschlagen werden. Das wird nicht geschafft, indem dies als Entschuldigung für die Zerstörung von Eigentum gemacht wird.» Gegenstände zu beschädigen oder Personen zu verletzen bringe in dieser Hinsicht nichts.

Familie ist enttäuscht

Die Familie des Opfers Michael Brown kritisierten den Juryentscheid scharf. «Wir sind zutiefst enttäuscht, dass dem Mörder unseres Kindes keine Konsequenzen für sein Handeln drohen», hiess es in einer Stellungnahme von Browns Familie. Zugleich bekräftigten sie ihre Forderung, dass jeder Polizist in den USA künftig eine Kamera am Körper tragen muss.

Die Angehörigen riefen wiederholt zum Gewaltverzicht auf und baten die Demonstranten, ihre «Frustration» über die Entscheidung in Handlungen für einen «positiven Wandel» umzumünzen.

sda/AP/AFP/chk/rar

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