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Die Kindergartencops von Rio de Janeiro

In den brasilianischen Armenvierteln hat die Polizei einen schlechten Ruf. Die Bevölkerung misstraut ihr, weil sie meist zusätzliche Gewalt ins Quartier bringt. Nun poliert die Polizei ihr Image auf: Mit Kindergartencops.

Eingeklemmt zwischen zwei Polizisten: Ein junger Brasilianer verschafft sich vor einem Fussballstadion den Überblick.
Eingeklemmt zwischen zwei Polizisten: Ein junger Brasilianer verschafft sich vor einem Fussballstadion den Überblick.
Keystone
Flucht vor dem Feuer: Ein Polizist rennt von einem Bus weg, den Drogendealer in Rio angezündet haben.
Flucht vor dem Feuer: Ein Polizist rennt von einem Bus weg, den Drogendealer in Rio angezündet haben.
AFP
Harte Arbeit für wenig Geld: Ein Arbeiter in Santa Marta trägt einen Zementsack.
Harte Arbeit für wenig Geld: Ein Arbeiter in Santa Marta trägt einen Zementsack.
AFP
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Eigentlich wollte Leonardo Bento einen Polizisten verprügeln. Nur deshalb schrieb er sich für den kostenlosen Karatekurs ein, den die neue «Friedenspolizei» in den Favelas von Rio de Janeiro anbietet. Bento hoffte, es dem Karatelehrer richtig zeigen zu können. Das wäre wenigstens eine kleine Rache dafür gewesen, dass die Polizei vor fünf Jahren seinen Bruder erschossen hatte. Doch so weit kam es nicht, wie Bento der «New York Times» erzählt. Denn es geschah etwas Unerwartetes: Der 22-Jährige freundete sich mit dem Karatelehrer an.

«Ich realisierte, dass Polizisten ebenfalls Menschen und keine Monster sind, wie ich es bisher glaubte», sagt Bento gegenüber der Zeitung. Der junge Brasilianer ist kein Einzelfall: In den Slums von Rio herrscht Misstrauen gegenüber der Polizei, die sich immer wieder harte Strassenkämpfe mit den Drogenkartellen liefert – manchmal wochenlang. Die «Friedenspolizisten» sollen das schlechte Image der Ordnungshüter aufpolieren. Sie haben die Aufgabe, nach jahrzehntelanger Gewalt, die in den Augen vieler Bewohner auf die harte Hand der Militärpolizei zurückgeht, das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen.

Aufbruch dank WM und Olympia

Anlass für den «Friedenseffort» der Polizei sind zwei bevorstehende Grossveranstaltungen: die Fussballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Die Sicherheit in den Städten soll bis dann besser und das Vertrauen in die Polizei grösser sein. Erste Erfolge hat die Polizei bereits verbuchen können. In einen der gewalttätigsten Slums – in die sogenannte City of Gods, die durch den gleichnamigen Film Berühmtheit erlangte – getraute sich die Polizei früher nicht mehr hinein, heute spielen dort wieder unbekümmert Kinder auf der Strasse.

Doch noch immer haben viele der 120'000 Favela-Einwohner Mühe damit, in den Polizisten keine Feinde zu sehen. Einerseits werfen sie ihnen vor, den Stadtteil jahrelang aufgegeben und der Macht der Drogenkartelle ausgeliefert zu haben. Andererseits kreiden sie der Polizei die blutigen Feldzüge gegen die Drogenbanden an, die das Leben mancher Unschuldiger gekostet haben. Auch in künftigen Operationen dürfte das wieder geschehen, weshalb sich die Polizei vermehrt von ihrer menschlichen Seite zeigen will: 12 Einheiten mit insgesamt 315 Friedenspolizisten sind zurzeit unterwegs. Sie spielen in den Strassen mit den Kindern und geben den Jugendlichen und Erwachsenen gratis Selbstverteidigungs-, Englisch- oder Musikkurse.

Nur eine Eintagsfliege?

Viele der Friedenspolizisten werden direkt ab der Polizeiakademie rekrutiert – bevor sie sich in den Slums einleben und der Versuchung verfallen, ihren bescheidenen Polizistenlohn mit Drogengeldern aufzubessern. Leonardo Bento hofft, dass sie längerfristig im Quartier bleiben. Doch bis jetzt handelt es sich erst um ein Pilotprojekt. Und laut «New York Times» glauben viele Bewohner, dass die «Friedenspolizisten» nach den Olympischen Spielen wieder so schnell verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.

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