Die Lunge der Welt ist in Gefahr

Im Amazonas lodern seit Wochen riesige Feuer. Der Wald kann weniger CO2 aus der Luft filtern – mit dramatischen Auswirkungen auf das Weltklima.

Luftaufnahmen aus dem Bundesstaat Rondônia, der an Amazonas grenzt, zeigen das Ausmass des Feuers und der Schäden. Video: AP

Mehr als 70'000 Brände wurden 2019 im Amazonas-Regenwald registriert, allein gegenwärtig sollen mehrere Tausend Feuer lodern. Die Rauchwolken reichen inzwischen bis in die etwa 2500 Kilometer entfernte Metropole São Paulo und sind sogar vom Weltraum aus zu sehen. Schon jetzt sind die Schäden immens und die Waldbrände eine ernsthafte Bedrohung für das Klima – und zwar weltweit.

Es gibt schliesslich gute Gründe, warum der im Norden Südamerikas liegende, knapp sechs Millionen Quadratkilometer umfassende Amazonas-Regenwald oft als "grüne Lunge" der Erde bezeichnet wird. Vereinfacht gesagt fungiert der Wald als gigantische Klimaanlage. Er entzieht der Luft schädliches Kohlendioxid, liefert überlebenswichtigen Sauerstoff und sorgt durch Wolkenbildung für eine weltweite Abkühlung der Atmosphäre.


«Stirbt der Amazonas, droht eine Klimakatastrophe»Der ETH-Professor Tom Crowther erklärt, welche Folgen die Waldbrände in Brasilien auf die Erderwärmung haben.


Die wichtigste Funktion: Kohlendioxidspeicherung. Pro Jahr nimmt der Wald Hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) auf und reduziert so die globale Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre. Das geschieht durch Fotosynthese. Bei diesem physiologischen Prozess, der in den Blättern stattfindet, wird Kohlendioxid aus der Luft gefiltert und zusammen mit Wasser in organische Verbindungen umgewandelt. Dadurch wird das Kohlendioxid dauerhaft im Holz gespeichert. Grundsätzlich betreiben alle Pflanzen Fotosynthese, den Löwenanteil davon verrichten jedoch Bäume.

Im Jahre 2014 beherbergte der Wald Schätzungen zufolge rund 400 Milliarden Bäume. Mittlerweile dürfte diese Zahl jedoch geringer sein, denn nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF wird pro Minute eine Fläche von 35 Fussballfeldern abgeholzt. Die derzeit lodernden Waldbrände tragen zusätzlich zur Vernichtung von Bäumen bei.

Sollen bei der Bekämpfung der Brände helfen: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro erwägt den Einsatz von Soldaten. Bild: Eraldo Peres/AP

Besonders verheerend: Jeder Baum, der den Flammen zum Opfer fällt, kann nicht nur kein weiteres CO2 aufnehmen, sondern gibt auch seine gesamte Menge an gespeichertem Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre ab. Je nach Grösse kann ein einzelner Baum mehrere Tonnen Kohlenstoff enthalten. Ein grossflächiger Verlust von Regenwald führt also unweigerlich zu einer erhöhten CO2-Konzentration in der Luft, was die fortschreitende globale Erwärmung massiv verstärkt.

Dazu regulieren Bäume auch den Wasserkreislauf der Erde. Bei starker Sonneneinstrahlung beginnen Bäume zu "schwitzen", ein einziger Baum kann dann bis zu 1000 Liter Wasser pro Tag in die Atmosphäre abgeben. Dies führt zur Bildung riesiger Wolkenfelder, die die weltweite Atmosphäre abkühlen. Südlich des Amazonas verursachen diese Wolken starke Niederschläge, was zu äusserst fruchtbaren Böden führt.


Rund 200 Personen demonstrieren für den AmazonasDie massiven Waldbrände im Amazonas haben in Zürich Hunderte auf die Strasse gebracht.


Zusammengenommen wird klar: Bäume spielen eine essenzielle Rolle für das Weltklima. Anfang Juli kamen Forscher der ETH Zürich zu dem Schluss, dass durch grossflächige Baumpflanzungen zwei Drittel der von Menschen verursachten CO2-Emissionen aufgenommen werden könnten. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin Science schrieben, müsste dazu etwa eine Fläche von der Grösse der USA neu bepflanzt werden. Ob das tatsächlich realisierbar ist, bezweifeln einige Experten.

Was dagegen unstrittig ist: Die Waldbrände sind nicht nur eine Bedrohung für das Klima auf der Erde, sondern auch für die heimische Flora und Fauna. Der Regenwald gilt als ein Ort immenser Artenvielfalt und beherbergt Abertausende von Tieren und Pflanzen. Viele Tier- und Pflanzenarten drohen daher, unwiederbringlich verloren zu gehen. Manche davon womöglich, bevor sie überhaupt entdeckt wurden.

Weltweit kommt es zu Protesten, wie hier in Turin. Bild: Bertorello/AFP

«Erst wenn der letzte Baum tot, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen», werden wir merken, dass man Geld nicht essen kann, steht auf diesem Plakat während einer Demo in New York. Bild: Angela Weiss/AFP

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