Ein Wachhund für die Tech-Industrie

Zuerst hat er sie geschwächt, nun will er sie stärken: Internetpionier Craig Newmark steckt viel Geld in unabhängige Medien.

Vom Saulus zum Paulus: Craig Newmark. Foto: Keystone

Vom Saulus zum Paulus: Craig Newmark. Foto: Keystone

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Craig Newmark war mit seiner Inserateplattform Craigslist der erste von zahlreichen Unternehmern im Silicon Valley, die seit 2000 das Geschäftsmodell der Zeitungen untergraben haben. Doch nun beschleunigt er seinen Kurs zugunsten des kritischen Journalismus. Seine jüngste Investition kommt «Consumer Reports» zugute, der wichtigsten Konsumentenpublikation des Landes. Sie will Elektronikgeräte systematisch darauf hin testen, ob sie ahnungslose Familien am Fernseher oder über die Internetrouter ausspähen.

«Ich schaue gerne Fernsehen, aber ich hasse es, wenn der Fernseher mich beobachtet», erklärt Newmark seinen Entscheid, «Consumer Reports» mit sechs Millionen Dollar zu unterstützen, der grössten Spende seit der Gründung der Zeitschrift 1936. Eine breit angelegte Untersuchung der Zeitschrift hatte letztes Jahr gezeigt, dass einige TV-Modelle von Samsung gehackt und der digitale Streamingdienst Roch ebenso leicht missbraucht werden konnten. Jeder einigermassen begabte Software-Programmierer konnte gemäss dem Bericht solche Geräte hacken, die laufenden Programme anzapfen und Nutzerdaten entwenden. Der Bericht zwang Samsung, die betroffenen Geräte zurückzuziehen und besser gegen Datendiebstahl abzusichern. Dabei benutzte der Hersteller die Richtlinien von Digital Standard, entwickelt von mehreren Non-Profit-Organisationen.

Warnung vor dem Tech-Koloss

Die Tech-Giganten von heute sollten ebenfalls mit klaren Warnhinweisen versehen sein, meint Newmark. «Die neue Technologien sind weit zudringlicher und graben sich tiefer in die Privatsphäre ein als alle anderen Technologien. Deshalb hoffe ich, die Diskussion über unsere Rechte und unsere Verpflichtungen gegenüber der Technologie voranzutreiben.»

Newmark hatte 1995 mit einem E-Mail-Rundversand an Freunde und Bekannte in San Francisco begonnen und daraus die grösste digitale Kleininserate-Plattform der Welt gemacht. Craigslist ist heute in 70 Ländern und in der Schweiz in fünf Städten aktiv. Jedem Versuch der Grosskonzerne, die Website aufzukaufen und kaltzustellen, widersetzte er sich. Aus seiner Sicht spielte Craigslist ohnehin nur eine kleine, kaum messbare Rolle beim Untergraben des Einnahmenmodells der Zeitungen. Zur Hauptsache verantwortlich seien die Tech-Giganten. «Deshalb ist meine ganze Aufmerksamkeit heute darauf ausgerichtet, das Vertrauen in den Journalismus wiederherzustellen.» Letztes Jahr schon steckte Newmark 20 Millionen Dollar in die Medienausbildung der New Yorker Stadtuniversität und eine Million Dollar ins progressive Magazin «Mother Jones».

«Es reicht nicht, zu wissen, dass die Privatsphäre verletzt wird. Die Konsumenten wollen wissen, welche Alternativen sie haben.» Craig Newmark

«Die Konsumenten suchen mehr denn je nach einem vertrauenswürdigen und unabhängigen Partner, der ihnen die Richtung weisen kann», sagt «Consumer Reports»-Chefin Marta Tellado dem Fachmagazin «Fast Company». Ziel sei es, Tech-Konzerne wie Facebook und Google durch die kritische Beobachtung vonseiten «Consumer Reports» und anderer Organisationen anzustacheln, dem Datenschutz mehr Gewicht zu geben. Tatsache ist aus ihrer Sicht, dass die technologische Entwicklung an einem Punkt angelangt ist, an dem Konsumenten nicht mehr begreifen können, wie stark sie manipuliert würden. «Es reicht nicht, zu wissen, dass die Privatsphäre verletzt wird. Die Konsumenten wollen wissen, welche Alternativen sie haben.» Deshalb sollen die Hersteller von TV-Geräten, Internetroutern, Heimthermostaten und digitalen Hausassistenten wie Siri und Alexa als Erstes unter die Lupe genommen werden. Systematisch sollen die Datenschutz- und Offenlegungsversprechen nachgeprüft und die Datenverwertung untersucht werden. Die Resultate will «Consumer Reports» mit einem Rating bewerten und publik machen. Unabhängige Cyber-Security-Firmen haben den Auftrag, diese Berichte nachzuprüfen, bevor sie publiziert werden.

Verhandlung um faire Einnahmen

Die Initiative kommt keine Sekunde zu früh. Bekannt ist seit kurzem, dass Google im vergangenen Jahr 4,7 Milliarden Dollar Gewinn mit Inhalten machte, die von Journalisten geschrieben, von Google übernommen und mit digitaler Werbung ausgebeutet wurden. Nicht weniger als 40 Prozent der Klicks auf die Trending-Plattform von Google wurden dank den Berichten und Analysen von Medien ausgelöst, die indessen für ihren Aufwand mit Brosamen entschädigt wurden.

Die 4,7 Milliarden Dollar in die Kasse von Google waren fast so viel, wie die gesamte Newsbranche letztes Jahr in den USA mit digitalen Inseraten selber erwirtschaften konnte. Dabei sei die Schätzung für Google noch konservativ, erklärte David Chavern, Präsident der News Media Alliance. Google wie auch Facebook legen keine detaillierten Umsatz- und Gewinnzahlen zur Internetsuche offen. Die Hoffnung liegt gemäss Chavern nun auf dem US-Kongress. Dort liegt ein Gesetzesentwurf vor, der Zeitungsverlegern eine Frist von vier Jahren geben will, um kollektiv mit Google, Facebook und anderen Plattformen über eine faire Aufteilung der Werbeeinnahmen zu verhandeln.

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