Ein weinendes Mädchen bewegt Amerika – auch Trump?

US-Behörden trennen Hunderte illegal eingewanderte Eltern von ihren Kindern. Ein Fall wird nun zum Symbol der Tragödie.

Die Szene trug sich am vergangenen Dienstag im Grenzort McAllen in Texas zu. (12. Juni 2018)

Die Szene trug sich am vergangenen Dienstag im Grenzort McAllen in Texas zu. (12. Juni 2018)

(Bild: AFP John Moore/Getty)

Marc Chéhab@marcchehab

Die US-Behörden haben im Zuge der rigorosen Einwanderungspolitik von Präsident Donald Trump seit Oktober 2017 damit begonnen, illegal über die Grenze gelangten Eltern ihre Kinder wegzunehmen und diese in Heimen unterzubringen. Am Freitag hatte die US-Regierung mitgeteilt, dass allein zwischen dem 19. April und dem 31. Mai fast 2000 Kinder von ihren Eltern getrennt wurden.

Nun entwickelt sich das Foto eines weinenden Kindes zum Symbol der Familientragödien, die sich an der US-Südgrenze abspielen. Die Aufnahme zeigt ein zweijähriges Mädchen aus Honduras, das alleine neben zwei Erwachsenen steht und verständnislos nach oben schaut – offenbar hat das Kind Angst vor der Person in den beigen Cargohosen.

Ein zweijähriges Mädchen aus Honduras wird zum Symbol von Trumps harter Immigrationspolitik. (12. Juni 2018) Foto: John Moore/Getty Images/AFP

Die Szene trug sich am vergangenen Dienstag im Grenzort McAllen in Texas zu und wurde von Getty-Fotograf John Moore festgehalten, der seit nunmehr zehn Jahren über die Migrationsströme aus Lateinamerika in die USA berichtet. «Ich habe diesen Abend Grenzwächter fotografiert, die Asylsuchende beobachteten, als sie in der Nacht den Rio Grande in die USA überquerten», erklärte Moore im Gespräch mit CNN. Auf der Nordseite des Flusses versammelte die Grenzwache die Migranten und nahm ihre Namen auf.

Die Grenzwache nimmt die Namen der Personen auf, die illegal die Grenze in die USA überquert haben – darunter das Mädchen im berühmten Foto. (12. Juni 2018) Foto: John Moore/Getty Images/AFP

Der Fotograf konnte sich kurz mit der Mutter unterhalten. Sie und ihre Tochter stammen aus dem über 2000 Kilometer entfernten Honduras und waren rund einen Monat lang unterwegs gewesen, bis sie die USA erreichten. Diese Reise sei «schwierig und oft gefährlich», erklärte Moore dazu. «Sie haben also wohl schon einiges durchgemacht.»

Honduras ist nach Nicaragua das zweitärmste Land Zentralamerikas. Wegen Bandenkriegen im Zusammenhang mit dem Drogenhandel ist es gemessen an der Tötungsrate eines der unsichersten Länder der Welt.

Die Mutter musste für die Durchsuchung ihr Kind aus den Armen geben – und da begann das kleine Mädchen zu weinen. (12. Juni 2018) Foto: John Moore/Getty Images/AFP

Die Asylsuchenden seien von der Grenzwache durchsucht worden, bevor sie in die Busse stiegen – «um in ein Abwicklungszentrum gebracht zu werden, wo Eltern und Kinder womöglich getrennt werden», so Moore. Die Mutter musste für die Durchsuchung ihr Kind aus den Armen geben – und da begann das kleine Mädchen zu weinen.

«Ich glaube, die Familien dort hatten keine Ahnung, dass sie bald getrennt werden.»John Moore, Getty

Moore habe schon sehr viele Fotos von Familien gemacht, die an der US-Südgrenze Asyl suchten. «Dieses Foto sieht dem, was ich bereits gesehen habe, sehr ähnlich», so der Fotograf. «Es ist nicht abnormal, dass Kleinkinder Trennungsangst haben – aber diese Situation mit der Trennung von Familien gibt dem Ganzen eine neue Bedeutung.»

Der Fotograf glaubt, dass die Familien an der Grenze «keine Ahnung» davon hatten, dass sie bald getrennt werden. «Ich merkte, dass sie in den schwierigen Umständen ihrer Reise die Nachrichten nicht mitgekriegt haben. Aber ich wusste es.» Obwohl er also solche Szenen bereits gesehen habe, sei das Fotografieren deswegen sehr schwierig für ihn geworden – «als Journalist, als Mensch und als Vater».

Was mit der Mutter und ihrem Kind passiert ist, bleibt unklar. Ein Sprecher der Grenzwache sagte am Samstag zu Buzzfeed, die Behörde untersuche den Fall und könne noch keine Auskunft geben. Der Sprecher mutmasste aber, dass ein so junges Kind wohl kaum von seiner Mutter getrennt würde.

Auch Moore wusste am Sonntag im Interview mit NPR nicht mehr: «Ich weiss es nicht, aber ich würde es sehr gerne wissen. Seit ich diese Bilder gemacht habe, denke ich oft an diesen Moment – das ist jedes Mal sehr emotional», so der Fotograf.

«Frau Trump hasst es...»

Die Praxis der Familientrennung wird von den oppositionellen Demokraten massiv kritisiert. Sie ist aber auch in Trumps Republikanischer Partei, die traditionell die Familienwerte hochhält, umstritten. Die republikanische Senatorin Susan Collins kritisierte auf CBS, die Kinder, die durch die Abschreckungsmassnahme «traumatisiert» würden, seien nur «unschuldige Opfer». Die Praxis verstosse daher gegen «die Werte in diesem Land».

Im Repräsentantenhaus zirkulierten zwei Gesetzesentwürfe zur Einwanderung, über die möglicherweise in den kommenden Tagen abgestimmt werden soll. Neben einem Hardliner-Entwurf gibt es einen Kompromissvorschlag, der eine Einschränkung der legalen Zuwanderung, aber auch ein Ende der Familientrennungen vorsieht.

Auch ausserhalb der Politik ist die Kritik gross. Ungewöhnlicherweise hat sich First Lady Melania Trump in die Debatte eingeschaltet: «Frau Trump hasst es zu sehen, wie Kinder von ihrer Familie getrennt werden, und hofft, dass sich die beiden Lager im Kongress endlich auf eine erfolgreiche Einwanderungsreform einigen können», sagte ihre Sprecherin Stephanie Grisham zu CNN.

Der populäre Komiker Stephen Colbert widmete dem Thema am Donnerstag einen dezidiert seriösen Block seiner sonst humoristischen Late-Night-Show und griff dabei vor allem Justizminister Jeff Sessions an. «Wenn wir das in unserem Namen zulassen, sind wir ein nutzloses Land», so Colbert.

Das Boulevardblatt «New York Daily News» druckte dann am Samstag Moores Foto auf der Frontseite ab und titelte dazu: «Gefühllos. Seelenlos. Feige. Trump.» Im Editorial dazu schreibt die Zeitung: «Schlimmer als die ekelerregende Grausamkeit der Einwanderungspolitik von Präsident Trump ist nur die feige Unehrlichkeit, mit der er versucht, sie dem amerikanischen Volk zu verkaufen.»

Die Zeitung nimmt Bezug auf den Versuch Trumps, den Demokraten die Schuld für die Praxis zuzuschieben. Diese seien für ein Gesetz verantwortlich, das die Familientrennungen vorschreibe, so der Präsident. «Ich hasse es, dass die Kinder weggenommen werden. Die Demokraten müssen ihr Gesetz ändern. Das ist ihr Gesetz», so Trump.

Diese Behauptung ist nicht korrekt: Es gibt kein US-Gesetz, das die Trennung von Eltern und Kindern an der Grenze zwingend vorschreibt. Die US-Behörden hatten dennoch bereits im Oktober 2017 im Zuge einer «Nulltoleranz»-Politik gegenüber der illegalen Zuwanderung damit begonnen, Migranten, die illegal die Grenze überschreiten – auch diejenigen, die Asyl suchen – strafrechtlich zu verfolgen. Da Kinder nicht in einem Bundesgefängnis festgehalten werden dürfen, werden sie ihren Eltern weggenommen und in die Obhut des Amts für Flüchtlingsumsiedlung gegeben.

Die Zahl der getrennten Familien ist vor allem seit Anfang Mai stark angestiegen, nachdem Justizminister Sessions die umstrittene Praxis offiziell proklamierte. Insgesamt wurden seit Oktober 2017 rund 2700 Kinder von ihren Eltern getrennt – knapp 2000 davon in den letzten sechs Wochen.

Zunächst schien es, als würde der Präsident einlenken und als wolle er die Trennung von Familien stoppen. Am Montag dann wiederholte er die Behauptung, dass die Demokraten an der Praxis Schuld seien. Zudem sagte er: «Die USA werden kein Migrantencamp oder Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung sein», so Trump. «Man sieht doch, was in Europa passiert. Das können wir nicht zulassen – nicht unter meiner Aufsicht.» Der Präsident sagte, er wolle ein «leistungsbasiertes» Immigrationssystem.

«Von der Regierung genehmigter Kindesmissbrauch»

Neben der Kritik innerhalb der USA hat auch der Menschenrechtskommissar der Vereinten Nationen, Zeid Ra’ad al-Hussein, die Trennung von Familien als «skrupellos» angeprangert. Schon der Gedanke, dass ein Staat versuche, Eltern abzuschrecken, indem er ihre Kinder einem solchen «Missbrauch» aussetze, sei skrupellos, sagte Zeid am Montag bei einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf.

Zeid sprach unter Berufung auf den Verband der Kinderärzte in den USA von einem «von der Regierung genehmigten Kindesmissbrauch», der «irreparable Schäden» und «lebenslange Konsequenzen» zur Folge haben könne. Er forderte die US-Regierung auf, die «gewaltsame Trennung» der Kinder von ihren Eltern «sofort» zu beenden und die UN-Kinderrechtskonvention zu ratifizieren.

  • loading indicator

(Mit Informationen der Nachrichtenagenturen AFP und SDA.)

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt