Er ist wieder entkommen

Seit Jahrzehnten ist der italienische Ex-Terrorist Cesare Battisti auf der Flucht. Der verurteilte Mörder kann noch immer auf mächtige Beschützer zählen.

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Sandro Benini@BeniniSandro

Jair Bolsonaro, der am 1. Januar 2019 sein Amt als brasilianischer Präsident antritt, hat Italien ein Geschenk versprochen. Bloss ist es unauffindbar. Das «Geschenk», wie sich das designierte Staatsoberhaupt ausdrückte, ist ein Mann namens Cesare Battisti: 64 Jahre alt, Ex-Terrorist, Mörder, Schriftsteller, seit fast vier Jahrzehnten auf der Flucht vor der italienischen Justiz. Mitte Dezember landete auf dem Flughafen Guarulhos in São Paulo eine italienische Militärmaschine mit drei Beamten, um Battisti abzuholen.

Es schien, als würde das Szenario eintreten, das der Flüchtende fürchtet wie nichts in seinem Leben: ausgeliefert zu werden und in einem italienischen Gefängnis die lebenslange Haft abzusitzen, zu der er 1985 wegen vierfachen Mordes verurteilt wurde – in Abwesenheit, notabene. Bloss hat Battisti dieses Schicksal schon oft gedroht auf seiner Flucht durch Länder und Kontinente. Und stets konnte er am Ende tun, wofür ihn die Angehörigen seiner Opfer hassen und ihn Italiens Öffentlichkeit verachtet: mit höhnischer «Ihr kriegt mich ja doch nicht»-Attitüde in eine Kamera grinsen. Und behaupten, er sei kein Mörder, sondern Opfer einer politisch motivierten Justiz. Genau dies könnte zu Beginn von Bolsonaros Amtszeit wieder geschehen.

Die Twitter-Wut von Matteo Salvini

Am 14. Dezember hatte Italiens Innenminister Matteo Salvini auf Twitter geschrieben: «Ein lebenslänglich Verurteilter, der an den Stränden Brasiliens das Leben geniesst und dabei seine Opfer verhöhnt, das macht mich wütend! Ich werde es Präsident Bolsonaro hoch anrechnen, wenn er Italien dabei hilft, Gerechtigkeit zu schaffen, indem er Battisti eine Zukunft in den heimischen Kerkern ‹schenkt›.» Worauf es genau 19 Minuten dauerte, bis Bolsonaro antwortete. Der italienische Innenminister, schrieb Bolsonaro auf Portugiesisch und Italienisch, könne auf ihn zählen. Schon während des Wahlkampfes hatte der Rechtsnationalist versprochen, als Präsident würde er Battistis Freiheit im Schutze brasilianischer Behörden ein Ende bereiten.

Cesare Battisti ist für den italienischen Rechtsstaat eine offene Wunde. Er steht symbolhaft für die «anni di piombo», die bleiernen 1970er-Jahre, in denen linke und rechte Gewaltakte Italien beinahe zerrissen hätten und die undurchsichtige Komplizenschaft zwischen Geheimdiensten und Terrorgruppen die Trennlinie zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Staat und organisiertem Verbrechen verwischte. Battistis blosse Existenz erinnert an Versäumnisse, ungelöste Fragen und Zweifel, obwohl er im Drama jener Zeit nur eine Nebenrolle spielte.

Ermöglicht wurde Battistis jahrzehntelange Flucht durch die Heuchelei linker Politiker und die Doppelmoral progressiver Intellektueller, denen seine Verbrechen lässlich erschienen, weil ihn die «richtige Ideologie» angetrieben und die Schriftstellerei ihn nachträglich geadelt hatte. Für die heutigen rechten Regierungen in Italien und Brasilien wären Verhaftung und Auslieferung Battistis ein später Triumph, nicht nur über einen linken Gewalttäter, sondern über jene, die den linken Terrorismus aus Sicht von Salvini, Bolsonaro und deren Anhängern letztlich zu verantworten haben: die Mitglieder und Ideologen der 68er-Bewegung.

Die Mordopfer von Battisti sind ein Metzger und ein Juwelier sowie zwei Polizisten.

Hätte ein Schriftsteller oder ein Drehbuchautor die Figur Battisti erschaffen, würde man deren Fantasie wohl als überhitzt bezeichnen. 1954 in Cisterna di Latina bei Rom geboren, bricht er das Gymnasium nach drei Jahren ab. Seine kriminelle Laufbahn beginnt er mit Schlägereien, Vandalenakten, Überfällen. Er wird verhaftet und lernt 1977 im Gefängnis einen linksextremen Ideologen kennen. Noch während der Haft tritt er der kleinen Gruppierung «Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus» bei.

Laut italienischen Ermittlungen ist er nach seiner Freilassung an vier Morden beteiligt. Die Opfer sind ein Metzger und ein Juwelier, deren Geschäfte die Mitglieder der Gruppierung bei «proletarischen Enteignungen» ausrauben, ausserdem zwei Polizeibeamte. Zweimal habe Battisti selber geschossen, einmal habe er Schmiere gestanden, ein andermal sei er Drahtzieher gewesen.

Von Linksterroristen und Intellektuellen bewundert

Nach erneuter Festnahme gelingt Battisti 1981 die Flucht aus dem Gefängnis und nach Frankreich. Er taucht in Paris unter, lernt seine zukünftige Ehefrau kennen, flieht weiter nach Mexiko. 1990 kann er nach Frankreich zurückkehren, weil die Regierung unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand reumütigen italienischen Terroristen Asyl gewährt. Seine teilweise autobiografisch inspirierten Krimis und die Erinnerungen an seine Flucht publizieren so angesehene Verlage wie Gallimard und Grasset, was die Angehörigen seiner Opfer als Verhöhnung empfinden.

Battisti bewundern in Paris nicht nur die Mitglieder der linksterroristischen italienischen Diaspora, sondern auch viele einheimische Intellektuelle. Er gilt ihnen als einer, der, anders als sie selber, nicht nur mit Worten kämpft. Zu Battistis Autobiografie schreibt der Philosoph Bernard-Henri Lévy das Vorwort.

2010 verhinderte er die Auslieferung von Cesare Battisti an Italien: Brasiliens linker Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Foto: Reuters

Als die französische Regierung nach der Jahrtausendwende unter Präsident Jacques Chirac von der als Mitterrand-Doktrin bezeichneten Gnade gegenüber reuigen Terroristen abrückt, droht Battisti die Auslieferung. Die Linke demonstriert und verfasst wortmächtige Manifeste. Am 30. Juni 2004 beschliesst die französische Justiz, Battisti nach Italien zu überstellen. Doch er flieht erneut, diesmal nach Brasilien, wo er 2007 verhaftet wird.

Nun beginnt ein juristisch-diplomatischer Kleinkrieg, der bis heute andauert. Die Regierung erteilt Battisti politisches Asyl. Das Obergericht entzieht es ihm wieder und plädiert für die Auslieferung, überlässt die endgültige Entscheidung aber dem linken Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. An seinem letzten Amtstag, am 31. Dezember 2010, urteilt der ehemalige Metallarbeiter zu Gunsten Battistis. Der Geflohene hat innerhalb von Lulas Arbeiterpartei viele Sympathisanten. Italien ist so empört, dass es seinen Botschafter zu Konsultationen zurückruft. Doch Lula ist am Ende seiner zweiten Amtszeit derart populär, dass sein Gnadenakt keine Schatten auf ihn wirft.

Ein ironischer Nebenaspekt der bilateralen Konfrontation ist, dass der damalige italienische Premier Silvio Berlusconi die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen wegen Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung, Bestechung und anderem wortwörtlich mit demselben Argument zu entkräften versucht wie Battisti. Er sei das Opfer einer «politisierten Justiz».

«Das ist die seltsame Geschichte eines Mörders, den die Justiz verurteilt, aber die Politik gerettet hat.»Magazin «L'Espresso»

Und wenn Battisti tatsächlich weniger schwere Verbrechen begangen hätte, als man ihm vorwirft? Der Italiener gibt zu, Mitglied der «Bewaffneten Proletarier für den Kommunismus» gewesen zu sein. Was er stets bestritten hat, ist die Beteiligung an den vier Morden. Doch es gibt keine begründeten Zweifel, dass das von sämtlichen Instanzen bestätigte Urteil rechtmässig ist, und Battistis Klage, die italienische Justiz verletze seine Grundrechte, wies der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte 2006 zurück. «Der Fall Cesare Battisti ist die seltsame Geschichte eines Mörders, den die Justiz verurteilt, aber die Politik gerettet hat», schreibt das linksliberale italienische Magazin «L'Espresso» am 14. Dezember.

Ein Mensch, dessen Schicksal von der Politik abhängt, kann sich niemals sicher fühlen. Dass Jair Bolsonaro am 28. Oktober 2018 im zweiten Wahlgang zum neuen brasilianischen Präsidenten gewählt wird, muss für Battisti gewesen sein, als gingen sein Schlafgemach, sein Wohnzimmer und sein Vorgarten gleichzeitig in Flammen auf. Es ist aber nicht Bolsonaro, der am 14. Dezember Battistis Auslieferung anordnet, sondern der abtretende Präsident Michel Temer. Tags zuvor hat die Justiz gegen den Italiener Haftbefehl erlassen.

Seit 37 Jahren wartet er, dass es vorbei: Alberto Torregiani, Sohn eines Mordopfers von Battisti. Foto: Getty Images

Der italienische Journalist Paolo Manzo ist für die Zeitung «Il Giornale» bereits Ende Oktober nach Cananéia gereist, dem Städtchen an der Küste des Bundesstaates São Paulo, wo Battisti in einem kleinen Haus lebt. Es ist leer. Manzo sucht eine Imbissbude auf, in der Battisti «jeden Nachmittag sein Bier trinkt und einige ‹petiscos› isst, kleine Vorspeisen mit Würstchen, wie sie die Brasilianer gerne zusammen mit Getränken bestellen». Der Wirt behauptet, Battisti seltsamerweise schon seit Tagen nicht mehr gesehen zu haben. Manzo erwähnt auch, wie lobend sich viele in Cananéia über den Justizflüchtling äussern. «Für mich ist er ein guter Mensch, der Fehler begangen, aber dafür bezahlt hat», sagt ein Einwohner.

Manzos Artikel trägt den Titel: «Battisti ist schon aus Brasilien geflohen. Bei ihm zu Hause ist niemand mehr.» Und genau so ist es auch, als eineinhalb Monate nach Manzos Besuch in Cananéia ein Polizeikommando den Ex-Terroristen verhaften will.

Höchstwahrscheinlich in Bolivien untergetaucht

Wo ist Cesare Battisti? Laut brasilianischen Geheimdiensten ist er höchstwahrscheinlich nach Bolivien geflüchtet. Boliviens Präsident Evo Morales und – mehr noch – Vizepräsident Álvaro García Linera, ein Marxist und ehemaliger Guerillero, stehen dem Italiener ideologisch nahe.

Die italienische Militärmaschine, die den Geflohenen in São Paulo abholen sollte, ist mittlerweile zurück über den Atlantik geflogen. Alberto Torregiani, der Sohn des Juweliers, den die bewaffneten Proletarier damals umgebracht haben, sagte in italienischen Medien: «Erst wenn ich sehe, wie er aus einem Flugzeug steigt und ins Gefängnis kommt, werde ich denken: Es ist vorbei.» Darauf wartet er seit 37 Jahren. Und er wird weiter warten.

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