Gegen Hillary, Bill und den Rest

Donald Trump verwandelt die zweite Präsidentschaftsdebatte in St. Louis zu einem bizarren Spektakel. Statt sich um moderate Wähler aus den Swing-States zu bemühen, holte er zum Rundumschlag gegen Clintons aus.

Psychologische Kriegsführung: Donald Trump rezitierte in St.?Louis mehrmals die Fehltritte von Hillary Clintons Ehemann Bill in den 90er-Jahren.

Psychologische Kriegsführung: Donald Trump rezitierte in St.?Louis mehrmals die Fehltritte von Hillary Clintons Ehemann Bill in den 90er-Jahren.

(Bild: Keystone)

Er schnaufte und schniefte, krallte sich an seinem Stuhl fest oder rückte seiner zierlichen Gegnerin mit grimmiger Mine bedrohlich auf die Pelle. Wer nur die Bilder verfolgte, erlebte einen aggressiven Mann, der eine Frau bedrängte. Nicht einen Kandidaten, der versuchte, Wählerinnen zu überzeugen, dass er nicht die Person ist, die in einem Videomitschnitt damit prahlte, wie sie eine ver­heiratete Frau zum Geschlechtsverkehr nötigen wollte.

Dafür hätte Donald Trump an diesem denkwürdigen Abend von St. Louis Reue und so etwas wie Demut unter Beweis stellen müssen. Stattdessen schlug er um sich. Und warf jede Konvention über Bord, die bisher den politischen Diskurs in den USA geprägt hat.

Vier Damen präsentiert

Wie vor einem Wrestlingduell versuchte er seine Gegnerin mit psychologischer Kriegsführung zu zermürben. Dafür präsentierte Trump unmittelbar vor der Debatte in einem düsteren Hotelraum vier Damen, die Jahrzehnte zurückliegende Vorwürfe gegen Hillary Clintons Ehemann Bill erhoben. Viele davon längst er­ledigt oder als wenig stichhaltig widerlegt.

Das kuriose Quartett sass anschliessend auf der Zuschauertribüne und verfolgte, wie der Mann, der damit prahlt, mit Frauen machen zu können, was er will, versuchte, seine auf Video eingestandene sexuelle Belästigung als «Gerede in der Umkleidekabine» aus der Welt zu reden.

Es dauerte genau sechzehn Minuten, bis Trump in die 90er-Jahre zurückkehrte, um die Fehltritte Bill Clintons in Erinnerung zu rufen. Nur: Der Ex-Präsident steht nicht zur Wahl, sondern Hillary, die unter den Eskapaden ihres Mannes gelitten hat. Genau davor hatten erfahrene Strategen der Republikaner gewarnt, weil der Kandidat damit bloss moderate und unabhängige Wähler abschreckte, die er in den Swing-States dringend braucht.

Doch Trump stellt ein anderes Kalkül auf. Er bedient in St. Louis den Clinton-Hass der konservativen Basis, um damit die innerpartei­lichen Forderungen nach einem Rücktritt von der Spitzenkandidatur abzuwürgen.

«Diktator» statt Präsident

«Hat jemand jemals so etwas gesehen?», fragt der erfahrene Analyst der «Washington Post», Dan Balz, und liefert die Antwort gleich hinterher. Trump habe den Wahlkampf auf ein Niveau gebracht, «das sich niemand vorstellen konnte, als er begann». Er bestätigte in der Bürgersprechstunde die schlimmsten Befürchtungen der Amerikaner, die vor einer Präsidentschaft Trumps warnen. «Er hat offenbart, dass er nicht für das Amt des Präsidenten antritt, sondern als Diktator», schreibt Ezra Klein auf «Vox», der nicht für Übertreibungen bekannt ist.

Dass der Republikaner damit drohte, seine Macht als Präsident zu nutzen, Clinton wegen ihrer ­E-Mail-Affäre strafrechtlich zu verfolgen, fiel nicht nur Klein als beispiellos auf. «Es ist verdammt gut, dass jemand mit dem Temperament Donald Trumps nicht für das Recht in den USA zuständig ist», feuerte Hillary zurück. Worauf der Kandidat bekräftigte, dass er sich darum nicht scherte: «Du wärst im Gefängnis!»

In dem bizarren Spektakel bekamen auch die Moderatoren ihr Fett ab. «Ich würde gern wissen, Anderson, warum du nicht nach den ­E-Mails fragst», beschwerte sich Trump, obwohl es genau darum in der vorherigen Fragerunde ging. Wie eine beleidigte Leberwurst klagte er dann über die angebliche Parteilichkeit der Moderatoren Anderson Cooper und Martha Raddatz: «Einer gegen drei.» Auch das ist eigentlich ein Tabu für eine erfolgreiche Debattenstrategie. Doch einmal mehr ist Trump ganz einfach gegen Clinton und den Rest.

Nicht einig mit Pence

Dass er auch noch seinen Vizekandidaten Mike Pence im Regen stehen liess, macht seine Aufgabe im Wahlkampf nicht einfacher. «Er und ich haben nicht darüber gesprochen, und ich stimme nicht damit überein», sagte er zur Kritik von Pence an der russischen Haltung im Syrien-Konflikt.

Indem Trump in St. Louis seinen Anhängern gab, was sie von ihm wünschen, immunisierte er sich gegen die innerparteilichen Kri­tiker. Für die Republikaner insgesamt geriet die Debatte zu einem Desaster. Gemäss der CNN-Er­hebung siegte Clinton mit 57 zu 34 Prozent, eine Yougov-Umfrage sieht sie mit 47 zu 42 Prozent vorn.

Berner Zeitung

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