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«Ich bin das Risiko wegen meines Sohnes eingegangen»

Eine Studentin wird Polizeichefin in einer der gefährlichsten Kleinstädte Mexikos und sagt der Drogenmafia den Kampf an. Alles nur für das Wohl ihres Sohnes, sagt die 20-jährige Marisol Valles.

Bekam den Job, weil ihn sonst niemand wollte: Marisol Valles. Doch kurz darauf gab sie auf.
Bekam den Job, weil ihn sonst niemand wollte: Marisol Valles. Doch kurz darauf gab sie auf.
AFP
Die neue Polizeichefin suchte den Kontakt zur Bevölkerung: Besuch bei einer Schulklasse.
Die neue Polizeichefin suchte den Kontakt zur Bevölkerung: Besuch bei einer Schulklasse.
AFP
Valles im Gespräch mit der Bevölkerung.
Valles im Gespräch mit der Bevölkerung.
AFP
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Sie hat ein Baby und lebt in einer der unsichersten Gegenden Mexikos. Doch als wäre das nicht schon nervenaufreibend genug, hat Marisol Valles auch noch einen der gefährlichsten Jobs, den es in ihrer Umgebung wohl gibt: Die 20-jährige Studentin der Kriminologie trat am Mittwoch ihr Amt als Polizeichefin in einer Kleinstadt nahe der Grenze zu den USA an, wo sich Drogenkartelle brutale Kämpfe liefern und wo immer wieder auch Sicherheitskräfte ermordet werden.

«Sie war die einzige, die den Job angenommen hat», heisst es im Bürgermeisteramt von Praxedis Guadalupe Guerrero, einer Stadt mit knapp 10'000 Einwohnern in der Nähe von Ciudad Juárez, der Hochburg des mexikanischen Drogenkrieges. Im 30 Kilometer entfernten Ciudad Juárez studiert Valles Kriminalwissenschaften, und praktische Erfahrungen kann sie jetzt reichlich sammeln. Die verheiratete Frau mit der schwarzen Brille und den schulterlangen Haaren ist entschlossen, sich von den Kriminellen nicht einschüchtern zu lassen: «Wir haben heute alle Angst in Mexiko», sagt Valles. «Wir können die Angst nicht siegen lassen.»

Die Menschen sollen ohne Angst nach draussen gehen

Praxedis Guadalupe Guerrero liegt im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuaha am Ufer des Grenzflusses Rio Grande inmitten eines Netzes aus verschlungenen Pfaden, über welche die Drogenschmuggler ihre Ware in die USA bringen. Im Juárez-Tal wurden in diesem Jahr bislang mehr als 2500 Menschen ermordet. Nicht trotz, sondern wegen ihres kleinen Sohnes habe sie die Arbeit angenommen, berichtet die 20-Jährige. «Ich bin das Risiko eingegangen, weil ich möchte, dass mein Sohn in einer anderen Gesellschaft lebt als wir heute. Ich möchte, dass die Menschen ohne Angst nach draussen gehen können, wie früher.»

Als Chefin unterstehen Valles 19 Polizisten, darunter neun erst kürzlich rekrutierte Frauen. Während für den Kampf gegen die Drogenkartelle die Bundespolizei und die Armee zuständig sind, kümmern sich Valles und ihre Mitarbeiter um die allgemeine Sicherheit in der Stadt. Ein Teil ihrer Strategie für mehr Sicherheit ist es, nachbarschaftliche Beziehungen zu stärken. Valles hofft, dass die Stadt einmal so sicher ist wie zu Zeiten, die sie selbst nur aus Erzählungen kennt. Früher seien die Bewohner von Praxedis abends auf den Strassen spazierengegangen, sagt die Polizeichefin. «Sie kannten sich, sie trafen und unterhielten sich.»

Sie sucht die Nähe zum Volk

Die Nähe zu den Menschen suchte Valles gleich an ihrem ersten Arbeitstag, an dem sie Schulen und Bürger besuchte. «Ich wurde gut empfangen, und ich weiss, dass die Menschen mir dabei helfen werden, Lösungen für die Sicherheitsprobleme zu finden», berichtet sie.

Bislang bekommt allerdings selbst die Armee, die seit dem Amtsantritt von Präsident Felipe Calderón Ende 2006 massiv gegen die Drogenkartelle vorgeht, die Situation nicht in den Griff. Immer wieder gibt es Horrormeldungen über Massengräber mit Opfern des Drogenkrieges, über ermordete Bürgermeister und schwere Schiessereien, bei denen auch Unbeteiligte wie Kinder zu Tode kommen.

Korrupte Polizisten

Nicht selten machen unterbezahlte, korrupte Kleinstadt- oder Dorfpolizisten gemeinsame Sache mit den Kriminellen. Die Regierung plant derzeit, 160'000 Kommunalpolizisten aus 2500 Gemeinden unter die Aufsicht der bundesstaatlichen Behörden zu stellen, die als weniger korrupt gelten.

Leicht fiel Valles die Entscheidung für den riskanten Job nicht, sie nahm sich einen Monat Bedenkzeit und beriet sich mit ihrer Familie. Dann fasste sie den Entschluss: «Junge Menschen müssen sich in ihren Gemeinden engagieren», sagt sie. «Ich habe keine Erfahrung, aber die Erfahrung kommt bei der Arbeit.»

(AFP)

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