In Caracas eskaliert die Gewalt

Oppositionsführer Guaidó sucht im Kampf gegen Präsident Maduro die Entscheidung. Teile der Armee haben sich auf seine Seite gestellt.

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Sandro Benini@BeniniSandro

Begleitet von enthusiastischen Anhängern führen die beiden venezolanischen Oppositionellen Juan Guaidó und Leopoldo López gegenwärtig einen Demonstrationszug durch Caracas an. Interimspräsident Guaidó fordert die Bevölkerung und die Militärs dazu auf, «das Regime von Nicolás Maduro und die Usurpation der Macht definitiv zu beenden.» Das Volk solle so lange demonstrieren, bis sich Maduro zum Rücktritt gezwungen sehe.

Auf Twitter schrieb der 35-jährige Regimekritiker, die «Operation Freiheit» sei in ihre «Endphase» getreten. Schon vor Tagen hatte Guaidó für den 1. Mai zur «grössten Demonstration in der Geschichte Venezuelas» aufgerufen. Das Militär geht zunehmend gewalttätig gegen die Demonstranten vor, nicht nur in Caracas, sondern auch in anderen Teilen des Landes.

Video: Guaidó ruft zum Putsch auf

Der selbsternannte Präsident Venezuelas meldete sich live mit einer Botschaft von einem Militärflugplatz. Video: AFP

Die Uniformierten setzen Tränengas ein, und auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie ein gepanzertes Fahrzeug in eine Menschenmenge rast. In der Nähe des Luftwaffenstützpunktes La Carlota im Osten der Hauptstadt schleuderten vermummte Regierungsgegner Steine und Molotowcocktails auf Nationalgardisten. Im Fernsehen sagte Verteidigungsminister Vladimir Padrino: «Wir machen die Opposition für jede Art der Gewalt und des Blutvergiessens verantwortlich».

Begonnen hatte der jüngste Akt der venezolanischen Tragödie im Morgengrauen. «Der Moment ist gekommen», sagte Venezuelas Interimspräsident Juan Guaidó, als er sich s kurz vor sechs Uhr in Caracas in einer Videobotschaft an die Bevölkerung wandte. Neben Guaidó stand Leopoldo López, sein politischer Ziehvater. In der Nacht von Montag auf Dienstag war López aus dem Hausarrest befreit worden, in dem er seine 14-jährige Haftstrafe absass. Offensichtlich hatten sich an der Aktion auch reguläre Streitkräfte beteiligt.

Video: Chronik zum Putschversuch

Die Lage im südamerikanischen Land eskaliert. Video: AFP

Damit schien einzutreten, was sich die Opposition so sehr gewünscht und wozu Guaidó immer wieder vergeblich aufgerufen hatte, nachdem der Vorsitzende der Nationalversammlung am 23. Januar 2019 interimistischer Präsident geworden war: Dass sich Teile des Militärs vom sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro abwenden - zumindest so viele, um eine Aktion wie jene der vergangenen Nacht zu wagen. Entscheidend dürfte nun sein, wie gross Guaidós Rückhalt bei den Uniformierten wirklich ist. Und ob ihn auch hochrangige Offiziere unterstützen.

In den frühen Morgenstunden hielten sich Guaidó und López in der Flugwaffenbasis La Carlota in Caracas auf. Laut den Berichten venezolanischer Medien waren sie in Begleitung mehrerer Uniformierter. Im Gespräch mit Journalisten behauptete López, bedeutende «zivile und militärische Sektoren» hätten sich gegen Maduro gestellt. Die Opposition habe regelmässig mit diesen Gruppierungen kommuniziert. An seiner Befreiung aus dem Hausarrest seien Funktionäre des Geheimdienstes beteiligt gewesen. Im Internet verbreitete Videoaufnahmen von Augenzeugen zeigten, wie sich Militärfahrzeuge um die Einrichtung postierten.

Militäreinsatz beim Umsturzversuch in Venezuela. Video: Twitter/Carla Angola

Es dauerte rund eine Stunde, ehe Venezuelas Kommunikationsminister Jorge Rodríguez auf die frühmorgendliche Videoansprache des Oppositionsführers reagierte. Auf Twitter schrieb er, eine «kleine Gruppe verräterischer Militärs» habe sich zu einem Staatsstreich verleiten lassen. Die Armee sei dabei, ihn niederzuschlagen. Vier Stunden später meldete sich auch der sozialistische Präsident Nicolás Maduro zu Wort. Er beteuerte, die Armeeführung habe ihm ihre «totale Loyalität» versichert.

Aussenminister Jorge Arreaza behauptete, die kolumbianische Regierung stecke hinter dem Putschversuch, während Boliviens Präsident Evo Morales die USA bezichtigte, in Venezuela «Gewalt und Tod» verbreiten zu wollen. Die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodríguez bezeichnete die übergelaufenen Soldaten als «Verräter und Faschisten.»

Der amerikanische Aussenminister Mike Pompeo sowie der Nationale Sicherheitsberater der US-Regierung, John Bolton, stellten sich hingegen bedingungslos hinter Guaidó und die rebellierenden Militärs. Antonio Tajani, Präsident des Europäischen Parlaments, sprach von einem «historischen Moment für die Rückkehr der Demokratie und der Freiheit nach Venezuela». Luis Almagro, der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, begrüsste es, dass sich Militärs «hinter die Verfassung und den interimistischen Präsidenten Juan Guaidó» gestellt hätten. Der republikanische US-Senator Marco Rubio, der als einer der ausländischen Koordinatoren des Kampfes gegen Maduro gilt, forderte den venezolanischen Verteidigungsminister Vladimiro Padrino auf, sich «auf die richtige Seite der Geschichte» zu stellen.

Verwirrung über einen General

Padrino scheint jedoch nicht daran zu denken, antwortete er doch auf Twitter: «Das sind Feiglinge! Wir werden unbeirrt die verfassungsrechtliche Ordnung und den Frieden der Republik verteidigen.» In sämtlichen Kasernen und sonstigen Militäreinrichtungen herrsche Ruhe, niemand widersetze sich den Befehlen der Offiziere.

Im Verlaufe des Tages kamen indessen Zweifel an der Version des regimetreuen Verteidigungsministers auf. Denn laut der venezolanischen Zeitung «El Nacional» werden die Armeeangehörigen, die sich der Opposition angeschlossen haben, von General José Adelino Ornela Ferreira kommandiert. Der hochrangige Militär war ein enger Vertrauter von Hugo Chávez. In sozialen Netzwerken zirkulierte ein angeblicher Aufruf des Generals. Darin beteuert er, in Venezuela sei kein Militärputsch im Gange. Vielmehr hätten sich verfassungstreue Soldaten hinter den rechtmässigen Präsidenten Juan Guaidó gestellt. Später bestritt Ornela Ferreira jedoch via Twitter, sich der Oppositionsbewegung angeschlossen zu haben.

Gegenwärtig ist unklar, wie gross der Rückhalt der Opposition bei den Militärs ist. Die Solidaritätsbekundungen des Verteidigungsministers Padrino zugunsten der sozialistischen Regierung deuten darauf hin, dass Maduro nach wie vor auf die Treue der Armeeführung zählen kann. Sollte sich jedoch in den nächsten Stunden herausstellen, dass tatsächlich grössere Teile des Heeres oder des zivilen Machtapparates die Seiten gewechselt haben, droht dem Land ein Bürgerkrieg.

Auch Guaidó und López riskieren viel. In den vergangenen Wochen hat die oppositionelle Bewegung viel von ihrem anfänglichen Schwung verloren, die von Nahrungsmittelknappheit, Stromausfällen und Wassermangel zermürbte Bevölkerung liess sich immer weniger zu Massendemonstrationen gegen Maduro mobilisieren. Sollten die beiden Oppositionsführer den Machtkampf heute verlieren, könnte sie dies sie nach den Ereignissen der vergangenen Nacht ihre Freiheit kosten.

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