In Mexiko kommen Zweifel am offiziell verbreiteten Tathergang auf

Das regierungskritische Magazin «Proceso» behauptet in seiner jüngsten Ausgabe, die offizielle Version über das Schicksal der 43 vermissten Studenten aus Iguala könne nicht stimmen.

  • loading indicator
Sandro Benini@BeniniSandro

Zunächst ein kurzer Rückblick: Am 26. September ermorden Gemeindepolizisten und Killer des Drogenkartells Guerreros Unidos (Vereinigte Krieger) bei Unruhen in der gut 100'000 Einwohner zählenden Stadt Iguala sechs Personen, darunter drei Absolventen des Lehrerseminars in Ayotzinapa. Ausserdem nehmen Gemeindepolizisten 43 Studenten fest und lassen sie verschwinden.

In den folgenden Wochen stösst man in der Umgebung von Iguala auf mehrere Massengräber, doch ergeben forensische Analysen, dass es sich um andere Opfer des Drogenkrieges handelt. Am 7. November verkündet Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam den Eltern der 43 jungen Männer, was geschehen sei. Er stützt sich dabei auf die Zeugenaussagen von drei verhafteten Mitgliedern der Guerreros Unidos sowie auf Ermittlungsergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Ein Scheiterhaufen aus Holz und Autopneus

Demnach liefert Igualas Gemeindepolizei die Studenten kurz nach ihrer Verhaftung den Schergen der Drogenmafia aus. Diese bringen sie zu einer Mülldeponie in der Nähe des Dorfes Cocula, richten sie hin und verbrennen die Leichen. Mit Benzin, Holz und vor allem mit Autoreifen entfachen sie ein Feuer, das von Mitternacht bis weit in den folgenden Nachmittag hinein brennt. Schliesslich zermalmen die Mörder die übriggebliebenen Knochen ihrer Opfer, stecken sie in Abfallsäcke und werfen sie in den Fluss San Juan.

Die Ermittler finden auf der Mülldeponie zwar menschliche Überreste, doch geben sie zu wenig DNA für eine Identifizierung her. Ein Speziallabor in Innsbruck klärt gegenwärtig ab, ob es sich um die Verschwundenen handelt. Bis Resultate vorliegen, kann es Wochen, ja Monate dauern.

«Proceso» zählt nun mehrere Ungereimtheiten auf, unter anderem:

► Bewohner von Cocula beteuern gegenüber einer Journalistin des Magazins, sie hätten in der fraglichen Nacht und am folgenden Tag nichts gehört, gesehen oder gerochen. Ein stundenlang brennendes, mit Autoreifen entfachtes Feuer müsste jedoch weit herum zu sehen sein und vor allem sehr viel schwarzen Rauch entwickeln.

► Laut mehreren Dorfbewohnern sowie meteorologischen Aufzeichnungen hat es in der angeblichen Mordnacht heftig geregnet, was das vollständige Verbrennen der Leichen stark erschwert haben muss.

► Das Magazin zitiert einen Experten, demzufolge etwa drei bis vier Autoreifen und 25 Liter Benzin notwendig sind, um einen menschlichen Körper unter freiem Himmel vollständig einzuäschern – bei starkem Regen sogar eher mehr. Die Täter hätten also rund 150 Reifen und über tausend Liter Benzin gebraucht. Auf der Mülldeponie fanden sich aber nicht annähernd die Überreste so vieler Autoreifen.

► Hingegen fanden argentinische Forensiker Knochenteile, die schon älter sind und deshalb zu anderen Opfern gehören müssen. Die Experten aus Argentinien wurden zugezogen, weil die Angehörigen mexikanischen Gerichtsmedizinern misstrauen.

► Die mexikanische Drogenmafia hat ihre Opfer bisher stets in Massengräbern verscharrt. Das von Generalstaatsanwalt Karam geschilderte Vorgehen wäre deshalb einzigartig.

Wie plausibel die von «Proceso» vorgebrachten Zweifel sind, lässt sich schwer abschätzen. Entscheidend ist: Sie schüren den in Mexiko ohnehin allgegenwärtigen Argwohn gegenüber offiziellen Behauptungen zusätzlich. In der Vergangenheit haben sich von Polizei, Regierung oder sonstigen Behörden verbreitete Versionen zu Kriminalfällen, Skandalen und anderem schon mehrmals als kreuzfalsch herausgestellt – sei es, weil die Verantwortlichen stümperhaft ermittelten, sei es, weil sie die Öffentlichkeit irreführen wollten. In Mexiko hält man alles für möglich und glaubt nichts.

Angehörige hoffen weiter

Diese Misstrauenskultur ist es auch, welche die Angehörigen noch immer hoffen lässt, ihre Söhne könnten am Leben sein. Indessen kommt es in Mexiko weiterhin täglich zu Massenkundgebungen, deren Hauptforderung unverändert lautet: «Wir wollen sie lebend zurück.»

Der Fall der 43 verschwundenen und vermutlich ermordeten Studenten hat sich für die mexikanische Regierung ohnehin zu einer Krise ausgeweitet, welche die ganze sechsjährige Amtszeit des Präsidenten Enrique Peña Nieto zu vergiften droht. Sollte sich nun auch noch herausstellen, dass sich die Dinge anders zugetragen haben als gegenüber den Familienangehörigen geschildert, wäre das Desaster perfekt.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt