Zum Hauptinhalt springen

Ist Raúl Castro der bessere Fidel?

Raúl Castro, der jüngere Bruder des schwer kranken Revolutionsführers, wird Fidel als Staatschef beerben. Gerade deshalb sind Abgesänge auf die kubanische Revolution verfrüht.

Lange war der Dichter und unabhängige Journalist Raúl Rivero der bekannteste auf Kuba ausharrende Dissident. 2003 wurde er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, durfte jedoch nach neunzehnmonatiger Haft gemeinsam mit seiner Familie ins spanische Exil ausreisen. Als er am Dienstag bei einer Onlinediskussion auf der Website der spanischen Tageszeitung «El Mundo» von einem Leser gefragt wurde, ob Fidel Castro tatsächlich auf die Herrschaft über die Insel verzichten werde, antwortete er: «Niemals. So lange Castro einen Funken geistiger Klarheit besitzt und sprechen kann, wird man ihm blindlings gehorchen. Er befiehlt weiter, bis zum letzten Moment.»

Wie fast alles, was über die Machtverhältnisse innerhalb des kubanischen Regimes gesagt wird, mutet Riveros Aussage spekulativ an. Bezeichnend ist sie dennoch. Obwohl der Dissident 62 Jahre zählt, existiert ein Kuba ohne den Máximo Líder lediglich in seinen Kindheitserinnerungen, und für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist Fidel seit eh und je die Verkörperung der Macht schlechthin. Die Aura der Zwangsläufigkeit, die Castro seiner Revolution zu verleihen vermochte, ist einer der Gründe, weshalb das kommunistische Regime während seiner bald fünfzigjährigen Geschichte nie ernsthaft in Gefahr geriet, durch eine Verschwörung oder einen Volksaufstand gestürzt zu werden.

In einem Punkt hat Rivero jedoch Recht: Die weit verbreitete Hoffnung, wonach Castros Verzicht auf das Amt als Staatspräsident und Revolutionskommandant eine neue Ära der kubanischen Geschichte einleitet, ist zumindest voreilig. Vielmehr wird durch den am Dienstag in der Parteizeitung «Granma» bekannt gegebenen Entscheid ein Zustand offiziell, der bereits seit Fidels schwerer Magenerkrankung im Juli 2006 anhält und durchaus noch einige Zeit fortdauern könnte: Der um fünf Jahre jüngere Bruder Raúl führt die Amtsgeschäfte, das Volk verhält sich ruhig, die diktatorischen Verhältnisse bleiben unangetastet. In welchem Ausmass Fidel seinen Nachfolger vom Krankenlager aus beeinflusst oder gar steuert, ist unbekannt. Allerdings haben hochrangige Regierungsvertreter unermüdlich beteuert, es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein wieder genesener Fidel an die Macht zurückkehre. Zumindest dieses Szenario ist endgültig vom Tisch, weshalb auf Kuba vielleicht nicht faktisch, aber doch symbolisch eine Epoche zu Ende geht.

Hardliner und reformorientiert

Ist Raúl Castro der bessere Fidel? Während Jahrzehnten galt die Nummer zwei des Regimes eher als Finsterling. Nachdem die Aufständischen den Diktator Fulgencio Batista 1959 ins Exil vertrieben hatten, gehörte Raúl im Unterschied zu seinem Bruder von Anfang an zu den Verfechtern einer kommunistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Darüber hinaus befürwortete er die Massenerschiessungen ehemaliger Batista-Anhänger und ging als Revolutionskommandant bei der Bekämpfung lokaler Widerstandsnester mit kompromissloser Härte vor. Während Fidel durch Charme und rhetorische Begabung glänzte, war Raúl stets das verkniffen-bürokratische Männlein im Schatten. Bis heute trägt er beim Volk den wenig schmeichelhaften Spitznamen «la china», die Chinesin - eine Anspielung auf seine leicht asiatisch wirkenden Gesichtszüge und die hartnäckig kursierenden Gerüchte, wonach er homosexuell sei.

Zugleich ist Raúl aber auch disziplinierter und pragmatischer als sein unberechenbarer Bruder. Als Verteidigungsminister ist es ihm gelungen, aus der Armee eine Art Holding zu machen, die zahlreiche Staatsbetriebe leitet. Nachdem die Insel in den 90er-Jahren auf die milliardenschwere Unterstützung der Sowjetunion hatte verzichten müssen und in eine schwere Wirtschaftskrise geraten war, war es laut vielen «Kubanologen» vor allem Raúl, der sich für Reformen einsetzte. Dabei soll es phasenweise zu erheblichen Spannungen mit Fidel gekommen sein.

In den letzten eineinhalb Jahren ist zunehmend deutlich geworden, auf welche Weise Raúl Castro die serbelnde kubanische Revolution vor dem endgültigen Untergang bewahren will: Weniger Personenkult, weniger Ideologie, gemässigtere Töne gegenüber dem historischen Erzfeind USA, mehr interne Kritik und eine - wenn auch zaghafte - Öffnung der Wirtschaft. Ernsthafte Anzeichen, dass er auch vom Einparteiensystem abrücken und eine Demokratisierung einleiten wird, gibt es allerdings keine. Es deutet einiges darauf hin, dass Raúl Castro mit dieser Politik zumindest vorläufig erfolgreich sein könnte. Die Treue der Armee verschafft ihm trotz mangelndem Charisma eine starke Stellung, und dank der umfangreichen Wirtschaftshilfe aus Venezuela hat sich die Lage der Bevölkerung in letzter Zeit etwas verbessert. Ausserdem wird das Regime gegenüber den Einheimischen weiterhin die so genannten «Errungenschaften der Revolution» rühmen: Die kostenlose medizinische Betreuung, das allen zugängliche Bildungssystem sowie ein Zivilschutz, der sich bei den regelmässig über die Insel hereinbrechenden Wirbelstürmen als relativ wirksam erwiesen hat.

Die wahre Stunde schlägt später

All diese Argumente ändern nichts an der unendlichen Mühsal des kubanischen Alltags, und als Rechtfertigung für eine Diktatur taugen sie schon gar nicht. Allerdings sind sie auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Wer das heutige Kuba bereist und mit den Leuten spricht, kommt nicht um die Feststellung herum, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung trotz des allgegenwärtigen Wunsches nach besseren ökonomischen Verhältnissen und grösserer individueller Freiheit nach wie vor nicht bereit ist, die Revolution endgültig abzuschreiben. Aus der Sicht Raúl Castros besteht also noch Hoffnung. Vermutlich schlägt auf Kuba die wahre Stunde der Entscheidung erst, wenn auch Fidels jüngerer Bruder abtritt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch