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Langfristige Folgen noch nicht absehbar

In einem öffentlichen Brief hat der kubanische Altrevolutionär angekündigt, sein Amt als Staatschef abzutreten. Nachfolger wird vermutlich sein Bruder Raúl.

Seit sich Fidel Castro vor gut eineinhalb Jahren einer schweren Magenoperation unterziehen musste und die Macht provisorisch seinem Bruder Raúl übergeben hat, beliefert er die kubanischen Zeitungen regelmässig mit politisch-philosophischen Betrachtungen. Vor einigen Tagen kündigte er in einem Artikel an, er werde bald ein Thema aufgreifen, das viele seiner Landsleute interessieren dürfte.

Das Werweissen, was er damit meinte, hat nur kurz gedauert. Gestern gab der historische Anführer der kubanischen Revolution in der Parteizeitung «Granma» mit einem Brief bekannt, dass er nun auch offiziell von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurücktreten werde: «Ich würde mein Gewissen verraten, wenn ich eine Verantwortung übernähme, die absolute Beweglichkeit und totalen Einsatz erfordert – Voraussetzungen, die ich aus körperlichen Gründen nicht erfüllen kann.»

Am kommenden Sonntag wählt das kubanische Parlament den Vorsitzenden des Staatsrates, der zugleich auch Staatschef ist. Nach der Wahl wird die Spitze der kubanischen Machtpyramide zum ersten Mal seit fast fünfzig Jahren nicht von Fidel Castro, sondern aller Voraussicht nach von dessen Bruder Raúl besetzt sein.

Wie einschneidend sich dieser Wechsel auswirken wird, ist ungewiss, denn de facto führt Raúl Castro die Amtsgeschäfte bereits seit Fidels Erkrankung. Der um fünf Jahre jüngere Raúl gilt als pragmatischer als sein Bruder, verfügt jedoch nicht im Ansatz über dessen Charisma. Jahrzehntelang führte er als Verteidigungsminister eine Existenz in Fidels Schatten, wobei er die ihm treu ergebenen Streitkräfte zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor machte. Mehrere Hundert Betriebe, von der Landwirtschaft bis zum Tourismus, werden von den als vergleichsweise effizient geltenden Militärs gemanagt. Es ist vor allem Raúl Castros unangefochtener Position zu verdanken, dass die von manchen erwarteten internen Machtkämpfe nach Fidels Erkrankung ausgeblieben sind und sich das Regime als erstaunlich stabil erwies.

Für das chinesische Modell

Seit langem vermuten politische Beobachter, dass Raúl Castro das so genannte chinesische Model vorschwebt: Eine Einparteienherrschaft im Zeichen des Kapitalismus. Die wirtschaftlichen Reformen, die er seit seiner faktischen Machtübernahme durchgesetzt hat, sind zwar nach wie vor eher zaghaft, deuten jedoch in diese Richtung. Gleichzeitig hat er die kubanische Öffentlichkeit zu einer kritischen Debatte über die Revolution aufgefordert, allerdings ohne vom Allmachtsanspruch der kommunistischen Partei abzurücken oder den Druck auf die Dissidenten zu mindern. In welchem Ausmass er dabei unter dem informellen Einfluss seines älteren Bruders steht, ist unklar.

Im Moment deutet alles darauf hin, dass sich Raúl Castro zumindest vorläufig an der Macht halten kann. Dabei kommen ihm zwei Umstände zugute: Solange Fidel lebt, lebt auch der Mythos der Revolution. Darüber hinaus kann Raúl Castro auf die milliardenschwere Wirtschaftshilfe seines venezolanischen Verbündeten Hugo Chávez zählen. Allerdings ist auch Fidels Bruder schon 77 Jahre alt, und es ist fraglich, ob das Regime dereinst unter jüngeren Exponenten wie dem Vizepräsidenten Carlos Lage oder dem gegenwärtigen Aussenminister Felipe Pérez Roque weiterexistieren könnte. Kubas Zukunft wird sich wohl erst entscheiden, wenn beide Castro-Brüder definitiv abgetreten sind.

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