Zum Hauptinhalt springen

Mexiko: Selbstjustiz gegen Drogenbanden

Im Bundesstaat Guerrero greifen Bürgerwehren im Kampf gegen die Drogenbanden zur Selbstjustiz: Sie gehen Streife, nehmen Verdächtige fest und lassen sie aburteilen – von eigenen Gerichten.

Bürger greifen zu den Waffen: Ein Verdächtiger wird vor Gericht gestellt – unter dem Applaus der Anwohner. (8. Januar 2013)
Bürger greifen zu den Waffen: Ein Verdächtiger wird vor Gericht gestellt – unter dem Applaus der Anwohner. (8. Januar 2013)
AFP

Im Bergdorf El Meson im Südwesten von Mexiko wird ein Gefangener auf dem Dorfplatz vorgeführt. Ein Volkstribunal will ihm den Prozess machen, die Vorwürfe lauten auf Mord und Verstümmelung.

Er ist einer von 47 Männern, vier Frauen und zwei Minderjährigen die von Bürgermilizen gefangen gehalten werden. Angesichts der Gewalt der Drogenkartelle und der Untätigkeit der Behörden nehmen die Maisbauern in den Bergen des Bundesstaates Guerrero seit Anfang des Jahres die Justiz selbst in die Hand.

Angst vor den Banden

Angst und Schrecken verbreiten die Banden schon lange. Doch die Entführung von Eusebio Alberto Garcia am 5. Januar brachte das Fass zum Überlaufen. Der Ortsvorsteher der Gemeinde Rancho Nuevo wurde verschleppt, weil er die Bauern des Dorfes dazu aufrief, kein Schutzgeld mehr an die Kartelle zu zahlen. Einen Tag später griffen die Bürger zu den Waffen und befreiten ihn. Seitdem tragen Hunderte Menschen in dem Bundesstaat Jagdgewehre und Macheten, laufen Streife auf den Strassen und nehmen eigenmächtig Verdächtige fest. Manche sind kaum 14 Jahre alt und oft nur mit Bandanas oder Skimützen maskiert.

«Die Behörden kommen ihren Aufgaben nicht nach», sagt der Priester Mario Campos Hernandez. «Also nehmen die Leute Recht und Gesetz selbst in die Hand.» Vor Hunderten bewaffneten und maskierten Bürgern, Verwandten der Angeklagten und Opfern werden die Vorwürfe verlesen: Bandenzugehörigkeit, Mord, Entführung, Schutzgelderpressung und Drogenhandel. Ein zwölfjähriger Zeuge erzählt, wie ein Bandenführer ihn zum Auftragskiller ausbilden wollte. «Ich sah, wie er Menschen folterte, wie er sie tötete, wie er sie verstümmelte», sagt der Junge.

Jahrelange Zwangsarbeit

Von den Einwohnern bestimmte Richter sollen die Verdächtigen nun aburteilen. «Wir werden die Stadt komplett säubern», betont ein 27-jähriger Maskierter, der sich als Regionalkommandant vorstellt. «Die Leute wollen sie tot sehen, aber wir haben ein humanitäres Ziel. Sie werden ihre Schuld an der Gesellschaft wiedergutmachen.» So sehen manche Strafen jahrelange Zwangsarbeit vor.

Innenminister Miguel Angel Osorio Chong betonte inzwischen, Bürgerwehren «können in diesem Land keine Selbstjustiz üben», fügte aber gleichzeitig hinzu, sie könnten den Behörden helfen. Im Kampf gegen die Drogenkartelle stationierte Präsident Felipe Calderón 2006 rund 50'000 Soldaten im ganzen Land. Seither starben mehr als 70'000 Menschen bei skrupellosen Revierkämpfen.

Streifen sorgen für Sicherheit

Nach Angaben von Einheimischen ist das Leben in den Gemeinden von Guerrero sicherer geworden, seit Bürger Streife laufen. «Es gibt kein anderes Mittel», sagt ein 25-jähriger Familienvater, der nachts mit rund 30 anderen Männern an einem Kontrollpunkt in Tecoanapa Wache schiebt. «Wir wollen in Frieden leben und schlafen.» Auch die 19-jährige Monserrat Martinez sagt: «Jetzt hat sich die Lage beruhigt. Vorher sah man niemanden auf der Strasse. Die Nacht gehörte den Kriminellen.»

In den Bundesstaaten Michoacán und Chihuahua weiter im Norden gibt es Dörfer, die schon vor Jahren Kontrollpunkte errichteten. Vor einigen Tagen wurde der Bürgermeister der Stadt Nahutzen in Michoacán erschossen, als er mit seiner Frau in einem Restaurant beim Frühstück sass. Wilfrido Flores Villa war das 31. Stadtoberhaupt, das in Mexiko getötet wurde. Er hatte sich nach Angaben anderer Bürgermeister geweigert, Schutzgeld zu zahlen.

AFP/ses

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch