Zum Hauptinhalt springen

Musterschüler, Superman, Spion

Cameron Ortis, Chef der Nachrichtendienste bei der kanadischen Bundespolizei, soll Geheimnisse verkauft haben.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, ist dies das grösste Leck, das je im kanadischen Geheimdienst entdeckt wurde: Cameron Ortis. Foto: PD
Sollte sich der Verdacht bestätigen, ist dies das grösste Leck, das je im kanadischen Geheimdienst entdeckt wurde: Cameron Ortis. Foto: PD

Er ist ein Überflieger, war ein ausgezeichneter Schüler und Student, machte eine steile Karriere. Manche seiner ehemaligen Kollegen beschreiben ihn gar als «Clark Kent», also als Superman – gut aussehend, unerschütterlich aufseiten der Guten, immer korrekt, verlässlich, diskret und mit geradezu übermenschlichen Fähigkeiten. Cameron Ortis ist Direktor der nationalen Koordinierungsstelle für Geheiminformationen bei der kanadischen Bundespolizei RCMP (Royal Canadian Mounted Police). Er ist einer der wichtigsten Geheimnisträger seines Landes. Und, vermutlich, ein Verräter.

Vor einer Woche wurde der 47-Jährige in seinem Büro in der Hauptstadt Ottawa von seinen RCMP-Kollegen festgenommen. Der Verdacht: Ortis hat Geheiminformationen verkauft, etwa an ein südamerikanisches Drogenkartell. Er soll Staatsgeheimnisse einem feindlichen Staat oder einer Terrorgruppe angeboten haben. In seiner Wohnung wurden riesige Datenmengen entdeckt. Sie sind so geheim, dass die ermittelnden Polizeibeamten sie nicht einsehen dürfen.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, ist dies das grösste Leck, das je im kanadischen Geheimdienst entdeckt wurde. Ortis hatte Zugang zu den am besten gehüteten Informationen des Staates. Er kannte die Identitäten von zentralen Mitarbeitern, Zugangscodes und Arbeitsmethoden. Sollten diese Daten an Feinde Kanadas weitergeleitet werden, würde das «SCHWEREN» Schaden anrichten, heisst es in einem gemeinsamen Bericht mehrerer kanadischer Nachrichtendienste, aus dem der TV-Sender CBC News zitiert.

Über seine Motivation ist nichts bekannt

Nicht nur Kanada ist betroffen, sondern auch die anderen Mitglieder der sogenannten Five Eyes, der internationalen Spionageallianz, zu der auch die USA, Grossbritannien, Australien und Neuseeland gehören. Die fünf tauschen Erkenntnisse untereinander aus – Ortis hatte Zugriff darauf. Premierminister Justin Trudeau, der sich gerade im Wahlkampf befindet, versuchte, die Freunde zu beruhigen. «Wir nehmen diese Vorwürfe ausgesprochen ernst», sagte er. «Wir stehen zu Fragen der Sicherheit in ständigem Kontakt mit unseren Alliierten.»

Der entscheidende Hinweis, der Ortis zum Verhängnis wurde, kam aus den USA. Dort hatte die Bundespolizei FBI nach einer jahrelangen Operation einen Kanadier verhaftet und ins Gefängnis gebracht, der mit einem globalen Netz von Computern verschlüsselte Handykommunikation für Verbrecherkartelle in aller Welt angeboten hatte. Unter dessen Daten fanden sich Hinweise, dass ihm Informationen aus dem Innersten der kanadischen Nachrichtendienste angeboten worden waren. Nur wenige Personen kamen dafür infrage. Ortis wurde schnell identifiziert.

Über seine Motivation ist nichts bekannt. Ortis stammt aus einer gläubigen Familie, sein Vater ist Prediger. Er soll Schulden von etwa 70'000 Franken haben. Ist das genug für einen solchen Verrat? Ortis hat seine Doktorarbeit zur Cyberkriminalität geschrieben, kennt sich in Asiens Unterwelt und in Hackerkreisen gut aus, spricht Chinesisch. Auch gegen russische Geldwäscher hat er ermittelt. Er ist in Fachkreisen ausgezeichnet vernetzt. Niemand kann sich vorstellen, dass er sein Land verraten hat. Ortis hat eine Aussage verweigert. Er schweigt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch