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Präsident von Muellers Gnaden?

Der Vize-US-Präsident glaubt an einen Plan von ganz oben. Nun muss er nur noch abwarten.

Martin Luther King Day: Am nationalen Gedenk- und Feiertag besuchen Donald Trump (r.) und Mike Pence Kings Gedenkstätte in Washington. (21. Januar 2019)
Martin Luther King Day: Am nationalen Gedenk- und Feiertag besuchen Donald Trump (r.) und Mike Pence Kings Gedenkstätte in Washington. (21. Januar 2019)
Pete Marovich, Keystone
Der Bürgerrechtler wurde 1968 ermordet. Unvergessen bleibt seine Rede «I Have a Dream», die er am 28. August 1963 vor mehr als 250'000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington hielt.
Der Bürgerrechtler wurde 1968 ermordet. Unvergessen bleibt seine Rede «I Have a Dream», die er am 28. August 1963 vor mehr als 250'000 Menschen vor dem Lincoln Memorial in Washington hielt.
Keystone
Martin Luther King III unterstrich in seiner Reaktion, dass sein Vater ein Brückenbauer und nicht – bezüglich der von Trump geforderten Grenzmauer zu Mexiko – ein Mauerbauer war.
Martin Luther King III unterstrich in seiner Reaktion, dass sein Vater ein Brückenbauer und nicht – bezüglich der von Trump geforderten Grenzmauer zu Mexiko – ein Mauerbauer war.
Carolyn Kaster, Keystone
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Weil er am Sonntag kurz vor dem US-Gedenktag für Martin Luther King aus dessen berühmtester Rede zitierte, um Donald Trumps Mauerbau zu rechtfertigen, musste Vizepräsident Mike Pence viel Kritik einstecken. Immerhin las Dr. King den DDR-Bonzen 1964 bei einem Besuch Ost-Berlins die Leviten wegen der Berliner Mauer. Er war kein Freund künstlicher Barrieren.

Aber Pences Anmassung war nur ein kleiner Ausrutscher, hundertprozentig gedeckt vom grossen Plan des lieben Gottes, dem zufolge der fromme Pence eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten werden wird, obwohl ihn der konservative Kolumnist George Will als US-Amerikas «abstossendste Figur» bezeichnet hat.

In einer neuen Biografie des Vizes wird jedenfalls berichtet, sein biblisches Lieblingszitat sei Jeremia 29, 11. Der liebe Gott sagt dort, er allein wisse, «was ich mit euch vorhabe». Ralph Reed, ein einflussreicher christlicher Evangelikaler und Freund von Pence, stimmt zu: «Wenn du Mike Pence bist und du glaubst, was er glaubt, dann weisst du, dass Gott einen Plan hatte.»

Im Rückblick sah dieser Plan vor, dass ein unbeliebt gewordener Gouverneur des Staates Indiana, dessen Karriere der von Diego Maradona zu ähneln begann, von Donald Trump zum Vize-Präsidentschaftskandidaten erkoren wird.

Unbeweglich, hölzern, stumm, aber mit Ehrgeiz

Als Trump kurz vor der Präsidentschaftswahl 2016 beinahe über seine Grapscherei weiblicher Geschlechtsteile gestolpert wäre, erklärte sich Mike Pence sofort bereit, die republikanische Präsidentschaftskandidatur zu übernehmen. Condoleezza Rice sollte als Vize neben ihm wirken, Trump in der Versenkung verschwinden. Der Plan sah das nicht vor, doch traut Trump seinem Vize seitdem nicht mehr so richtig über den Weg. Wenngleich dieser stets devot zu ihm aufblickt: Bei einer legendär gewordenen Kabinettssitzung 2017 pries Pence im Verlauf einer dreiminütigen Laudatio Trump im Schnitt alle zwölf Sekunden. Trotzdem muss der Vize gelegentlich wie ein Möbelstück wirken, um nicht zusätzlich Argwohn zu erregen. Unbeweglich, hölzern und stumm verharrt er dann neben dem Präsidenten, ein Mann ohne Eigenschaften, aber mit beträchtlichem Ehrgeiz.

Denn Pence will im Gegensatz zum allerersten Vizepräsidenten aus Indiana, einem gewissen Schuyler Colfax, erkannt werden, falls er zufällig auf einem Bahnhof stirbt. Als Colfax, ehemals Vize des Präsidenten Ulysses Grant, an einem kalten Wintertag auf einem Bahnsteig plötzlich verschied, wusste niemand, wer er war. Erst als der Tote durchsucht wurde, stellte sich heraus, dass es sich um einen Ex-Vizepräsidenten handelte.

Das aber entspricht Gott sei Dank nicht dem Plan. Ihm zufolge wird Mike Pence eines Tages Präsident werden. Im Plan sind die Mechanismen dafür leider geschwärzt, sodass in Washington grosses Rätselraten hinsichtlich der Modalitäten herrscht. Wird Pence Präsident, weil Trump zeitlebens zu viele Hamburger verdrückt hat und wie Schuyler Colfax umfällt? Oder wird er Präsident von Robert Muellers Gnaden, nachdem der Kongress Trump in den Ruhestand versetzt hat?

2025 ist es so weit

Vielen Amerikanern sind die Modalitäten gleichgültig: Am Tag von Mike Pences Amtseinführung werden sie in Ohnmacht fallen. Sie wünschen Donald Trump lieber eine dritte Amtszeit als Pence eine erste. Alle Präsidenten müssen jedoch gemäss der Verfassung nach zwei Amtszeiten abtreten. In Übereinstimmung mit dem Plan wird Mike Pence also im Januar 2025 auf den Stufen des Kapitols in Washington als Präsident eingeschworen werden.

Alexandria Ocasio-Cortez wird es ihm nicht streitig machen können: Die demokratische Abgeordnete ist 2024 noch immer nicht alt genug für die Präsidentschaft. Dem Plan zufolge muss sie bis 2028 warten, wenn Pence amtsmüde sein wird. Damit geht alles wunderschön auf. Schliesslich steht der liebe Gott über den Parteien. In Anlehnung an Kaiser Wilhelm II. würde er sagen, er kenne keine Demokraten und Republikaner, sondern nur Amerikaner. Er ist unparteiisch, auch wenn Mike Pence es wahrscheinlich so nicht stehen lassen würde.

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