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Töten wie früher

In den USA wollen Befürworter der Todesstrafe angesichts der Giftknappheit zurück zu Strick, elektrischem Stuhl und Erschiessungskommando.

Zurück zu alten Hinrichtungsmethoden: In Owensbroro im Bundesstaat Kentucky fand 1936 in den USA die letzte öffentiche Hinrichtung am Galgen statt. Der 22-jährige Afroamerikaner Rainey Bethea soll eine 70-jährige weisse Frau vergewaltigt haben. (Archivbild Keystone).
Zurück zu alten Hinrichtungsmethoden: In Owensbroro im Bundesstaat Kentucky fand 1936 in den USA die letzte öffentiche Hinrichtung am Galgen statt. Der 22-jährige Afroamerikaner Rainey Bethea soll eine 70-jährige weisse Frau vergewaltigt haben. (Archivbild Keystone).

Bob Lampert, oberster Gefängnisdirektor von Wyoming, hat ein Problem. Ihm gehen die Medikamentenmischungen aus, mit denen zum Tode Verurteilte in den USA üblicherweise hingerichtet werden. Ein Exportverbot der Europäischen Union und die unter politischem Druck versiegende heimische Produktion sind daran schuld. Der Vorrat sei aufgebraucht, sagte Lampert vor Politikern, die Vollstreckung der Höchststrafe in Wyoming gefährdet: «Deshalb habe ich den Behörden empfohlen, alternative Exekutionsmethoden zu erwägen, zum Beispiel ein Erschiessungskommando.» Die Justiz hat einen Ausschuss mit der Sache betraut.

Tod durch Erschiessungskommando ist schrecklich, geht aber rasch. Wyoming möchte nicht wie andere US-Bundesstaaten mit neuen Medikamentencocktails experimentieren und dabei hässlich scheitern. In Ohio dauerte es im Januar 15 lange Minuten, bis der verurteilte Mörder Dennis McGuire nach Luft zu ringen aufhörte. Und in Oklahoma musste im April die Exekution von Clayton Lockett abgebrochen werden, weil der Todeskandidat aus der Betäubung erwacht war und sich unter Schmerzen aufzusetzen versucht hatte. Der Mann starb dann trotzdem, nach 43 Minuten, an einem Herzinfarkt.

«Wie Folter»

Diese Zwischenfälle lösten in den USA Betroffenheit aus. Präsident Barack Obama, der die Todesstrafe befürwortet, nannte die verpatzte Hinrichtung von Oklahoma «tief verstörend». Eine Augenzeugin sagte, der Vorgang habe «wie Folter» ausgesehen. Der öffentliche Rückhalt für Hinrichtungen schwindet. In den letzten sechs Jahren haben sechs Bundesstaaten die Todesstrafe abgeschafft, weitere drei die Durchführung ausgesetzt. Die mit Boykottdruck erzeugte Prä­pa­rate­knapp­heit hat Anteil an dieser Entwicklung.

Umso entschlossener agieren die verbleibenden Befürworter: Sie wollen sich nicht von ein paar Drogisten aufhalten lassen, sondern zurück zur Brachialtechnik. Wie in Wyoming wird auch in Utah über Erschiessungskommandos nachgedacht – noch 2010 hatte Utah eine Hinrichtung so vollzogen. Andere Staaten haben den Strick oder die Gaskammer als Alternativen in ihren Gesetzen stehen. Und dann ist da noch Old Sparkey, der elektrische Stuhl. Letzte Woche hat Bill Haslam, der Gouverneur von Tennessee, ein Gesetz unterzeichnet, wonach sein Bundesstaat Hinrichtungen künftig auch gegen den Willen der Verurteilten wieder auf dem Stuhl durchführen kann. Dies für den Fall, dass einmal keine Spritzen mehr verfügbar sind.

Damit scheint ein böses Stück Geschichte zurückzukehren. Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl sind wüste Prozeduren – zahlreich sind die Berichte von brennenden Köpfen, blutenden Augen, verkohlter Haut. Das ist Stoff für Horrorfilme und Geisterbahnen, aber nichts für den Justizvollzug: Als Ende der 70er-Jahre die Giftspritze in den USA aufkam, nahmen Öffentlichkeit und Politik die scheinbar saubere und schmerzfreie Methode dankbar auf, der Stuhl verlor an Bedeutung.

Ein verzweifelter Rückgriff

Ganz verschwunden ist er nie. In acht US-Bundesstaaten kann der Verurteilte bis heute wählen, ob er per Spritze oder Strom sterben möchte. In den letzten zehn Jahren entschieden sich sieben Männer für den Stuhl; zuletzt wurde im Januar 2013 Robert Gleeson in Virginia so hingerichtet. Alleinige Methode ist der Stuhl aber nirgends mehr; in Florida wurde hastig die Giftspritze zugelassen, nachdem einem Mörder bei der Elektrokution 1999 das Gesicht verbrannt war und sich der Oberste Gerichtshof für den Fall interessiert hatte. In Nebraska, wo der Stuhl am längsten ohne Konkurrenz war, verbot ein Gericht ihn 2008: Die Elektrokution verletze als «grausame und ungewöhnliche Strafe» die Verfassung.

Der Rückgriff auf die alten Methoden ist verzweifelt. Er soll die Todesmaschinerie unter erschwerten Bedingungen am Laufen halten. Der Effekt dürfte gegenteilig sein: Klagen und Proteste sind so gut wie sicher. Das Journal «Scientific American» hofft, dass die «klinische Fassade» der Hinrichtungen endlich zerschlagen wird. Exekutionen seien niemals «medizinische Vorgänge» – auch nicht dann, wenn Spritzen im Einsatz seien. Die Rückkehr zu Strang und Stuhl müsse der Bevölkerung vor Augen führen, was Hinrichtungen wirklich seien: barbarisch, in jedem Fall.

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