Trump wäre lieber bei Kim

Der G-7-Gipfel ist für den US-Präsident lästig – statt einem historischen Deal winkt nur Kritik.

Sechs gegen einen: Der Streit um die von US-Präsident Donald Trump verhängten Strafzölle dürfte die G7-Beratungen dominieren. Video: Tamedia/AFP
Martin Kilian@tagesanzeiger

Eigentlich will er nicht. Aber es führt kein Weg daran vorbei, weshalb Donald Trump am Freitag brav zum G-7-Gipfel im ländlichen Québec erscheinen wird. Es behagt ihm nicht, dass man ihn dort nicht feiern, sondern wahrscheinlich anmeckern wird. Die anderen sechs könnten auf ihn eindreschen wegen Trumps aggressiver Handelspolitik. Oder wegen seines Ausstiegs aus dem Atomabkommen mit dem Iran.

Aus Angela Merkel wird Trump nicht schlau, Theresa May zählt gleichfalls nicht zu seinen Favoriten. Und mit dem kanadischen Gastgeber Justin Trudeau hat sich Trump telefonisch ebenso überworfen wie mit Emmanuel Macron. Als sich Trudeau darüber aufregte, dass Trump Strafzölle auf kanadischen Stahl und kanadisches Aluminium aus Gründen der «nationalen Sicherheit» verhängte, wurde das Telefonat heftig.

Kanadier seien Seite an Seite mit US-Amerikanern in zwei Weltkriegen gefallen, sagte Trudeau. Trump erinnerte den Kanadier daraufhin an den Krieg von 1812, als britische Soldaten aus Rache für den US-Angriff auf den kanadischen Ort York das Weisse Haus abfackelten. Die Soldaten stammten aus Grossbritannien, Kanada war eine britische Kolonie. Und Trudeau war sich offenbar keiner Schuld bewusst und obendrein nicht sicher, ob Trump scherzte.

Der philosophische Minimalansatz des Präsidenten

Mit Emmanuel Macron lief es nicht besser, trotz der Romanze zwischen ihm und Trump. Auch hier geriet das Telefonat aus den Fugen, wohl weil Macron Trumps Strafzölle als «illegal» brandmarkte. Macron wollte anschliessend nicht sagen, wie laut die Unterhaltung wurde. «Wie Bismarck schon sagte: Wenn wir anfangen, den Leuten zu erklären, wie Würste gemacht werden, essen sie keine mehr», äusserte sich der Franzose am Dienstag über seine Konfrontation mit Trump.

Das Problem der Sechserbande mit dem Siebten wird verschärft, weil sie immer noch nicht kapiert hat, wie Trump verhandelt. «Bei jedem Deal muss er gewinnen, und du musst verlieren», beschreibt der Wirtschaftsjournalist Joe Nocera, ein langjähriger Kenner Trumps, den philosophischen Minimalansatz des Präsidenten. Ausserdem reicht es nicht, dass du verlierst: Du musst Trumps Verhandlungsgeschick Tribut zollen.


Bilder: Frostige Stimmung zwischen Trump und Macron

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Ob das Beschlossene eingehalten wird, bestimmt Trump. Die römische Mahnung, Verträge seien einzuhalten («Pacta sunt servanda»), prallt jedenfalls nicht erst seit der Aufkündigung des Iran-Deals an ihm ab. Seine Geschäftspartner wussten ein Lied davon zu singen. Denn oft weigerte er sich, den vereinbarten Preis zu zahlen. Verklagen Sie mich doch!

Gegenschläge erregen erst recht Trumps Unmut

Mit dem Handel verhält es sich ebenso: Trump sieht die hohen US-Handelsdefizite – und will sie auf Biegen und Brechen herunterhandeln. Wer zurückschlägt und Strafzölle auf US-Produkte erhebt, erregt erst recht seinen Unmut. Denn Vergeltungsmassnahmen sind «unfair» – ein Lieblingswort des Präsidenten, das er oft in seinen Tweets verwendet.

Trumps US-Amerika ist stets ein Opfer der Machenschaften anderer. Mexiko schickt Vergewaltiger. Die Deutschen überfluten das Land mit Audis und BMW. China stiehlt sich zur Weltherrschaft. Kanada erschwert den Import von US-Milchprodukten. Und überhaupt breiten sich undankbare Handelspartner auf dem amerikanischen Markt zum Schaden der Amerikaner aus. Beim G-7-Gipfel wird Trump jedenfalls nicht nachgeben. Auch wenn dadurch das gemeinsame Abschlusscommuniqué ausfallen wird.


Er ist bereit für das Treffen: Dieser Trump-Doppelgänger wird – wie viele andere – nach Singapur reisen.


Die Veranstaltung in Québec ist sowieso nur eine lästige Sache. Trumps Kopf ist am Freitag bereits in Singapur, wo er am Dienstag Kim Jong-un treffen wird. Dort muss er sich nicht Merkels und Macrons Gemecker anhören, dort winkt ein historischer Deal.

In Singapur wird Trump mit seinem Verhandlungsgeschick vielleicht einlösen, was die Schar seiner Bewunderer in Washington schon jetzt von ihm behauptet. Dass er nämlich «in 500 Amtstagen die US-Führung auf der Weltbühne wiederhergestellt» habe, wie Trumps Aussenamt neulich twitterte.

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