Trump will Kim noch näher kommen

Seit Trumps erstem Treffen mit dem nordkoreanischen Diktator hat sich in Sachen Abrüstung wenig getan. Nun steht Trump unter Druck, vom Gipfel in Vietnam ein zählbares Resultat mitzubringen.

Sag es mit Blumen: Vietnams Hauptstadt Hanoi wird für den Gipfel zwischen Donald Trump und Kim Jong-un gerüstet. Foto: Getty Images

Sag es mit Blumen: Vietnams Hauptstadt Hanoi wird für den Gipfel zwischen Donald Trump und Kim Jong-un gerüstet. Foto: Getty Images

Alan Cassidy@A_Cassidy
Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Bevor er sich ins Flugzeug nach Vietnam setzte, schwelgte Donald Trump noch einmal in Vorfreude auf sein Treffen mit Kim Jong-un – ganz so, als handle es sich dabei um ein Rendez-vous zwischen Liebhabern, die sich lange nicht mehr gesehen haben. Es möge seltsam klingen, sagte der US-Präsident am Sonntagabend an einer Galaveranstaltung im Weissen Haus, «aber ich habe zu ihm eine sehr, sehr gute Beziehung aufgebaut. Wir verstehen uns blendend.» Immer wieder redete Trump zuletzt auch über die «wunderschönen Briefe», die ihm der nordkoreanische Diktator geschrieben hatte, er zeigte sie Besuchern im Weissen Haus. «Wir haben uns verliebt», sagte Trump vergangenen Herbst.

Wenn Trump nun am Mittwoch in Hanoi zum zweiten Mal auf Kim trifft, wird aus der Begegnung allerdings mehr resultieren müssen als nur warme Worte. Auf ihrem ersten Gipfel in Singapur im vergangenen Juni hatten sich die beiden Männer auf eine Erklärung geeinigt, die vage gehalten war. Von einer neuen Beziehung zwischen den USA und Nordkorea war darin die Rede, von einer gemeinsamen Suche nach einer Friedensordnung, und von einer «kompletten Denuklearisierung» der koreanischen Halbinsel. In Washington liess sich Trump dafür als Sieger feiern: Von Nordkorea gehe «keine nukleare Bedrohung» mehr aus, sagte er.

Risikofaktor Trump

Zählbare Fortschritte gab es bei der nuklearen Abrüstung allerdings keine. Das sagen nicht Trumps Kritiker, das sagen seine engsten Minister und Berater. «Sie haben ihre Versprechen bisher nicht erfüllt», sagte John Bolton, der Nationale Sicherheitsberater, im Dezember über die Nordkoreaner. Es sei unwahrscheinlich, dass Kim seine Atomwaffen aufgebe, sagte US-Geheimdienstkoordinator Dan Coats im Januar vor dem Kongress. Selbst US-Aussenminister Mike Pompeo, stets darum bemüht, dem Präsidenten nicht öffentlich zu widersprechen, sagte am Wochenende in einem TV-Interview: Ja, von Nordkorea gehe sehr wohl noch eine nukleare Bedrohung aus.

Die Frage ist also, wie ein erfolgreicher Gipfel in Hanoi aussehen könnte. Trump selbst spielte die Bedrohung, die vom Regime in Pyongyang ausgeht, zuletzt hinunter – und dämpfte die Erwartungen an das Treffen. «Ich habe es nicht eilig», sagte er am Sonntagabend. Er verwies darauf, dass Nordkorea seit 2017 keine Atombomben mehr getestet habe. Das sei an sich schon ein Erfolg. «Solange es keine Tests gibt, sind wir glücklich.»

Uneinigkeit bei Definitionen

Innerhalb seiner Administration klingt es jedoch etwas anders. In Hintergrundgesprächen skizzierten Regierungsvertreter zuletzt, worauf sie im Vorfeld des Treffens hingearbeitet haben: eine Konkretisierung der Deklaration von Singapur. Das könnte erstens heissen, dass sich die USA und Nordkorea bereit erklären, gegenseitige Verbindungsbüros in Washington und Pyong­yang zu eröffnen. Das könnte zweitens heissen, dass Trump und Kim eine Erklärung unterzeichnen, die den formal noch immer andauernden Koreakrieg beendet. Und das könnte drittens heissen, dass sich beide Staaten auf eine Roadmap für weitere Gespräche einigen.

Immer wieder redete Präsident Trump über die «wunderschönen Briefe», die ihm Kim schrieb.

Schwieriger wird dagegen etwas anderes: die gemeinsame Definition dessen, was mit «Denuklearisierung» überhaupt gemeint ist. Diese Definition gibt es bis heute nicht. Ziemlich sicher teilt die Trump-Regierung nicht die Auffassung, die Kim zugeschrieben wird: dass nämlich eine Denuklearisierung auch den Rückzug der US-Truppen aus Südkorea beinhaltet. Besonders im Pentagon sorgen sich jedoch viele, dass Trump genau dazu Hand bieten könnte, um einen prestigeträchtigen Deal mit Kim zu verkünden.

Bleiben die Sanktionen?

US-Aussenminister Pompeo sagte am Sonntag, es gebe viele Dinge, die Kim tun könnte, um seinen Willen zur Abrüstung zu demonstrieren. Trump werde versuchen, von Kim «ein echtes, überprüfbares» Zugeständnis zu erhalten. Ein Schritt könnte dabei das Versprechen Nordkoreas sein, seinen Nuklearkomplex Yongbyon abzubauen. Im Gegenzug würde Kim wohl auf die Aufhebung von Sanktionen drängen, die gegen Nordkorea in Kraft sind. Dies hatte Pompeo bisher abgelehnt: Der «Kern» der Sanktionen werde intakt bleiben, sagte er bei CNN und liess damit zumindest ein bisschen Spielraum offen.

Auf welche Weise Trump Kim überzeugen will, unterstrich der Präsident mit einem Tweet vor seinem Abflug. Nordkorea habe die Wahl: Es könne abrüsten und zur Wirtschaftsmacht aufsteigen – oder weitermachen wie bisher. «Der Vorsitzende Kim wird eine weise Entscheidung treffen!»


Südkorea hofft auf erfolgreichen Gipfel

Kaum jemand blickt derzeit so gespannt nach Vietnam wie der südkoreanische Präsident Moon Jae-in. «Alle Koreaner sind geeint im Wunsch auf einen erfolgreichen Gipfel», sagte Moon am Montag. Dieses zweite Treffen zwischen Nordkoreas Machthaber und dem US-Präsidenten werde das entscheidende. Die Beziehungen zwischen Südkorea und den USA, zwischen den beiden Korea und zwischen den USA und Nordkorea seien noch nie so gut gewesen. Moon, dessen Eltern während des Koreakriegs in den Süden geflohen waren, hat die Entspannung im Herbst 2017 mit einem geheimen Gesprächsangebot eingeleitet, nachdem Kim Jong-un Nordkoreas Atom- und Raketentests für beendet erklärt hatte. Kim antwortete ihm in seiner Neujahrsansprache 2018 mit einem Friedensangebot. Dann fädelte Moon den ersten Gipfel von Donald Trump mit Kim ein; seither hat er Kim selber dreimal getroffen.

«Kriegsende-Erklärung»

Moon hofft, Trump und Kim einigten sich in Hanoi auf eine «Kriegsende-Erklärung». Das wäre ein informeller Friedensschluss. Nord- und Südkorea hätten sich mit dem Abkommen ihrer Armeen vom September, künftig auf jede Feindschaft zu verzichten, bereits auf eine solche Erklärung verständigt, teilte Moons Sprecher mit. An einem formellen Friedensvertrag müssten dann auch China und Südkorea beteiligt werden. Zudem müsste ein solcher vom US-Kongress abgesegnet werden.

Moon weiss die meisten Südkoreaner hinter sich. Dennoch steht der Präsident Südkoreas innenpolitisch unter Druck. Er ist nicht für eine Entspannung mit Nordkorea gewählt worden, sondern um die Wirtschaft zu sanieren. Südkorea hat insbesondere ein Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit. Da hat Moon bisher nichts erreicht. (nh)

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt