US-Katastrophenschutz will Städte retten – Landgemeinden nicht

Milliarden-Investitionen reichen nicht im Kampf gegen steigende Meeresspiegel. Den USA stehen harte Entscheide zwischen den Regionen bevor.

Opfer des Hurrikans Michael 2018: Ein Mann bittet in Springfield, Florida, um Hilfe. Foto: Keystone

Opfer des Hurrikans Michael 2018: Ein Mann bittet in Springfield, Florida, um Hilfe. Foto: Keystone

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Nach drei Jahren mit Überschwemmungen, Wirbelstürmen und Bränden in nie erlebter Intensität wächst unter US-Politikern und Behörden die Einsicht, dass die Klimakrise kein Zögern mehr erlaubt. Bereits aber stellt sich die bange Frage, ob genügend Mittel für ein Investitionspaket vorhanden sind, um die Küstenregionen von New York bis nach New Orleans abzusichern.

Während Grossstädte Notfallpläne und Gelder in der Höhe von Dutzenden von Milliarden Dollar vorbereiten, dürfte es kleineren, ärmeren Gemeinden schwerfallen, die erforderlichen Dämme und Pumpwerke zu finanzieren. Jüngste Schätzungen zeigen, dass neue Deiche, Mauern und Pumpwerke entlang der über 80'000 Kilometer langen amerikanischen Küste ein jahrzehntelanges Infrastrukturprogramm erfordern.

Präsident Donald Trump hat zwar ein solches Programm vorgeschlagen, doch war es weder auf die Klimakrise ausgerichtet, die er negiert, noch konnte er im US-Kongress eine Mehrheit organisieren. Dabei werden Investitionen immer dringender, wie eine Studie des Center for Climate Integrity zeigt.

In den kommenden 20 Jahren sind demnach mehr als 400 Milliarden Dollar nötig, um alle gefährdeten Lokalitäten an der Küsten gegen den steigenden Wasserspiegel abzusichern. Allein Florida sollte 77 Milliarden investieren; und 241 Städte mit mehr als 25'000 Einwohnern je müssen mindestens zehn Millionen aufbringen.

Augen zu vor den Kosten

Das ist nicht Geld zum Schutz gegen Extremereignisse, sondern gegen die jährlich wiederkehrenden Stürme. Diese Kosten umfassen zudem lediglich Bollwerke aller Art entlang der Küste, nicht die Anpassungen der Abwasser- und Trinkwasseranlagen sowie den Abriss und Neubau von bedrohten Häusern.

Das Center for Climate Integrity lobbyiert dafür, dass die Erdölkonzerne die Finanzierung der Projekte übernehmen, was der Umweltorganisation von der Branche den Vorwurf eingetragen hat, «eine Kollaborateurin in der Klimaverschwörung gegen die Energieindustrie» zu sein.

Die Schätzungen jedoch erscheinen plausibel. Im Klimabericht des US-Umweltministeriums 2018 werden die Kosten zur Abfederung des Klimawandels auf über 1000 Milliarden Dollar geschätzt. Besonders hohe Kosten erwarten die Experten der Regierung für die Golf- und Ostküste, was Trump indessen nicht zum Umdenken bewegte.

«Ich glaube es nicht», sagte er zum Bericht, und setzte anschliessend eine Kommission von Klimaskeptikern ein, die den Wandel nachweisen sollen. Dazu sagt Richard Wiles, Direktor des Center for Climate Integrity, lediglich, offenbar sei bereits die nächsten Generation von Klimaleugnern am Entstehen. «Es sind dies jene, die nicht wahrhaben wollen, mit was für Kosten wir rechnen müssen.»

71 Prozent fordern Notfallplan

Zu den am stärksten gefährdeten Regionen gehört Florida, New York und die Golfküste. Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio legte kürzlich einen Notfallplan mit einem Budget von zehn Milliarden vor. Geschützt werden soll primär das Finanzzentrum der Wallstreet und der US-Notenbank, und zwar so, dass der südliche Teil von Manhattan mit Erdaufschüttungen um 170 Meter weiter ins Meer erweitert wird. «Diese Pufferzone müssen wir bauen, weil wir keine andere Wahl haben», so de Blasio.

Auch Charleston in South Carolina sucht nach Finanzquellen, weil die Pumpsysteme für zwei Milliarden Dollar modernisiert werden müssen, um die Frischwasserversorgung zu sichern.

In Florida fordern gemäss Umfragen 71 Prozent der Einwohner einen Notfallplan, und der republikanische Gouverneur Ron DeSantis schuf zum ersten Mal zwei Topmanager, die den Bundesstaat auf die kommenden Probleme vorbereiten sollen. Riskant wird es erneut für New Orleans.

Es müsse geprüft werden, ob die Regierung ihre Mittel nur dort einsetze, wo am meisten Schäden verhindert werden können.

Nachdem der Wirbelsturm Katrina 2005 die Stadt verwüstet hatte, wurden für 14 Milliarden Dollar neue Pumpwerke und Dämme gebaut. Doch die Dämme haben sich inzwischen so stark gesenkt, dass das US Army Corps of Engineers kürzlich vor einer weiteren Katastrophe warnte. Bereits in vier Jahre könnten die Schutzvorkehrungen versagen, sollte sich ein Sturm wie Katrina wiederholen.

Die sich häufenden Warnungen stellen das Katastrophenministerium Fema vor eine heikle Frage. «Die zunehmende Häufigkeit, die erwarteten Schäden und Kosten erfordern, dass wir alles tun, um das Leiden zu mindern», erklärte Fema-Sprecherin Abigail Dennis der «New York Times». Doch selbst ein entschiedenes Handeln könnte nicht genügen, räumt die Behörde ein. Deshalb müsse geprüft werden, ob die Regierung ihre Mittel nur dort einsetze, wo am meisten Schäden verhindert werden können, sagte der frühere Fema-Direktor Graig Fugate.

Das erfordere harte Entscheide zwischen jenen Regionen, die schützenswert seien und solchen, die nicht völlig abgesichert werden könnten. Womit sich ein Wettstreit zwischen den Städten mit ausreichend Finanzreserven und ärmeren Regionen anbahnen könnte. «Städte, die sich schnell anpassen, werden die Arbeitsstellen und Fabriken der Zukunft anziehen», meint Eric Smith, Amerika-Chef von Swiss Re. «Es wird Gemeinden geben, die weit, weit zurückgelassen werden.»

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