Weltmacht gegen «Zwergenbande»

Die USA rutschen immer tiefer in den Treibsand der nahöstlichen Konflikte. Erfolge aber stellen sich nur schwer ein.

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Martin Kilian@tagesanzeiger

Die amerikanische Strategie zur Bekämpfung militanter Islamisten im Nahen Osten hat in den vergangenen Wochen mehrere Rückschläge erlitten. Zwar ist der Vormarsch der IS-Terrormiliz im Irak aufgehalten worden, auch haben US-Luftangriffe auf Öl-Infrastrukturen die wirtschaftliche Grundlage des IS erschüttert. In Syrien wie auch im Jemen sind militärische und politische Ziele aber nicht erreicht worden.

Im Gegenteil: Von Washington unterstützte Milizen haben im syrischen Bürgerkrieg seit Beginn des Novembers schwere Niederlagen gegen radikale Jihadisten hinnehmen müssen, derweil im Jemen schiitische Houthis bereits im September die Hauptstadt Sanaa besetzten. Noch Ende September hatte das Weisse Haus den mit Drohnen und Sonderkräften von einer US-Basis in Djibouti aus geführten Kampf gegen al-Qaida im Jemen als «nützliches Modell» für den Krieg gegen den IS im Irak und in Syrien angepriesen.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Jemen sowie die mögliche Abspaltung der Südregion um Aden erhöhen jedoch die Gefahr, dass das verarmte Land wie Somalia zu einem «Failed State» wird. Zumal sich der Verdacht erhärtet, dass die Houthi-Rebellen Unterstützung aus dem Iran erhalten und im Jemen somit eine weitere Front im Ringen zwischen Saudiarabien und dem Iran eröffnet wird.

US-General spielt die Gefahr durch den IS herunter

Der iranische Parlamentsabgeordnete Ali Reza Zakani, der dem obersten Religionsführer Ali Khamenei nahesteht, pries in einer Rede vor der Majilis den Vormarsch der Houthi: «Drei arabische Hauptstädte» seien bereits «in den Händen des Iran», und Sanaa werde die vierte sein, so Zakani. US-Dienste analysieren derzeit, ob die Houthi-Milizen von der mit Teheran verbündeten libanesischen Hizbollah Hilfe erhalten und inwieweit der ehemalige jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh mit den Houthis zusammenarbeitet.

Der Vorsitzende des US-Generalstabs, Martin Dempsey, spielte unterdessen bei einem Besuch im Irak, wo er sich vergangene Woche «Eindrücke aus erster Hand» verschaffen wollte, die IS-Gefahr herunter: Die Terrormiliz sei «eine Bande von Zwergen». Allerdings räumte der General ein, dass der Kampf gegen den IS «Jahre» dauern werde. Dempseys Aussage ist umso bemerkenswerter, als Washington nicht einmal über genaue Informationen hinsichtlich der Stärke des IS verfügt. Die CIA korrigierte die Zahl der IS-Kämpfer mehrmals nach oben und geht derzeit von rund 30'000 aktiven Jihadisten aus.

Der gleiche Fehler wie einst in Vietnam?

In einem Interview mit dem britischen Journalisten Patrick Cockburn vermutete der Stabschef des kurdischen Regionalpräsidenten Massud Barzani, der IS habe aufgrund von Rekrutierungserfolgen in den von der Miliz besetzten Gebieten im Irak und Syrien «Hunderttausende Kämpfer». In Washington wird diese Zahl als übertrieben zurückgewiesen, so schwach aber ist die US-Aufklärung hinsichtlich des IS, dass amerikanische Dienste tagelang rätselten, ob IS-Führer al-Baghdadi bei einem Luftangriff verletzt oder gar getötet worden sei.

Dieser Mangel an Informationen schürt den Verdacht, wie schon einmal in Vietnam unterschätze die US-Regierung auch diesmal die Feindesstärke. Im Vietnamkrieg hatte Oberbefehlshaber William Westmoreland die Anzahl von Vietcong und nordvietnamesischen Einheiten vorsätzlich untertrieben, bis die Tet-Offensive im Winter 1968 ihre tatsächliche Stärke zeigte. Was beim aktuellen Konflikt erschwerend hinzukommt: Es verdichten sich Hinweise, dass der IS und die gleichfalls radikalislamistische Al-Nusra-Front in Syrien kooperieren.

Dort mussten von Washington alimentierte und mit Waffen ausgerüstete prowestliche Milizen seit Monatsanfang schwere Verluste hinnehmen. In der nordwestlichen Provinz Idlib rieb die Al-Nusra-Front «moderate» Rebellen Anfang November völlig auf, wobei den Jihadisten von Washington gelieferte panzerbrechende Tow-Raketen in die Hände fielen. Ausserdem berichtete die türkische Website «Hürriyet News» gestern unter Berufung auf eine türkische Regierungsquelle, Verbände der prowestlichen Free Syrian Army hätten die umkämpfte Stadt Aleppo aufgegeben.

Kann es ohne US-Truppen funktionieren?

Diese Niederlagen seien «ein guter Indikator für die Schwierigkeiten, die auf uns zukommen», kommentiert der demokratische Kongressabgeordnete Adam Schiff, ein Mitglied des nachrichtendienstlichen Ausschusses im Repräsentantenhaus, die Vorgänge in Syrien. Die CIA bildet derzeit monatlich rund 400 syrischen Rebellen in Jordanien aus, das Pentagon will ein ähnliches Programm auflegen, sobald der Kongress die dafür nötigen Gelder bewilligt hat. Allerdings werden laut Insidern in Washington mindestens zwei Jahre vergehen, bis die Verbände einsatzbereit sind.

Geht es nach dem Willen Washingtons, sollen diese Einheiten sowohl das Assad-Regime als auch den IS in Syrien bekämpfen. Denn beide seien «voneinander abhängig», ja, sie befänden sich in einer «symbiotischen» Beziehung, so Aussenminister John Kerry kürzlich. Skeptiker in der US-Hauptstadt bezweifeln jedoch, dass die vom Pentagon und der CIA ausgebildeten Verbände es ohne den Einsatz von US-Truppen mit zwei Feinden aufnehmen können.

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