Wie lange kann Trump die Saudis noch decken?

Die Verdächtigen im Fall Khashoggi sollen aus dem direkten Umfeld des saudischen Kronprinzen stammen – das bringt Trumps Position ins Wanken.

Der Fall Khashoggi: Was bis jetzt bekannt ist. (Video: AFP, AP, Tamedia)
Martin Kilian@tagesanzeiger

Dem Präsidenten schienen die Umstände wie bei Brett Kavanaugh: «Du bist schuldig, bis Deine Unschuld erwiesen worden ist», setzte sich Donald Trump am Dienstag für die bedrängten Saudis ein, derweil sich die Indizien häuften, dass der Journalist Jamal Khashoggi auf Weisung höchster Stellen im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde.

Lächelnd plauderte US-Aussenminister Mike Pompeo, angeblich zur Wahrheitsfindung in Riad eingeflogen, mit dem saudischen Kronprinzen und Machthaber Muhammad bin Salman, einmal mehr plapperte Trump die saudischen Unschuldsbeteuerungen nach. Riads anfängliche Lüge, man habe mit dem Mord nichts zu tun, war durch eine neue Lüge ersetzt worden: Ausser Kontrolle geratene Killer hätten Khashoggi ohne Wissen des Kronprinzen getötet, hiess es.

Noch arbeitete Riad an einer dritten Version des Hergangs in Istanbul, als sich die Wahrheit in den Abendstunden des Dienstag und in der Nacht zum Mittwoch in der «New York Times» und anderen US-Medien Stück um Stück Bahn brach: Der saudische Journalist und Kolumnist für die «Washington Post» sei im saudischen Konsulat in Istanbul entweder bei einem Verhör oder beim Versuch einer Entführung gestorben, seine Leiche zerstückelt worden.

USA wussten von Entführung

Unter Berufung auf türkische Quellen berichtete die «New York Times», zu den Verdächtigen zählten sowohl Leibwächter des Kronprinzen als auch ein ihm nahestehender Mitarbeiter des saudischen Sicherheitsapparats. Auch ein auf Autopsien spezalisierter Arzt, der beim saudischen Innenministerium arbeite, habe sich unter den 15 Saudis befunden, die in zwei privaten Jets in Istanbul eingeflogen seien. Die Zeitung identifizierte fünf der Saudis anhand von Fotos, die sie in der Nähe von Kronprinz Muhammad bin Salman zeigten.

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Ein Informant mit Kontakt zu US-Geheimdiensten bestätigte berneroberlaender.ch/Newsnetz in Washington, dass die Regierung Trump von der türkischen Regierung über diesen Sachverhalt informiert worden sei. US-Geheimdienste hätten überdies auf Grund abgefangener Kommunikation bereits vor Wochen von saudischen Plänen für eine Entführung Khashoggis nach Saudiarabien gewusst.

Warum also gibt der Präsident vor, davon keine Ahnung zu haben? Und warum glaubte er in den vergangenen Tagen den saudischen Unschuldsbeteuerungen und Ausflüchten? Trump führt seit längerem einen Feldzug gegen kritische Journalisten und hat sie als «Volksfeinde» bezeichnet. Khashoggi war Journalist und damit gewiss keine Figur, für die der US-Präsident Sympathien gehegt hätte.

Sympathien für Autokraten

Sympathien empfindet der Präsident bekanntlich schon eher für Autokraten wie Rodrigo Duterte oder Kim Jong-un. Muhammad bin Salman ist gleichfalls ein Autokrat und zudem ein enger Freund von Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner.

Trumps Behauptung, man müsse Riad pfleglich behandeln, um die saudischen Waffenbestellungen bei US-Rüstungskonzernen in Höhe von angeblich 110 Milliarden Dollar nicht zu gefährden, ist unsinnig: Es gibt keine saudischen Aufträge in dieser Grössenordnung, es gibt lediglich unverbindliche Absichtserklärungen sowie tatsächliche amerikanische Lieferungen im Wert von rund 14 Milliarden Dollar.

Video: Freundliches Verhältnis

US-Aussenminister Mike Pompeo trifft König Salman in Riad. (Video: SDA/AP)

Was also hat es mit Trumps Nachsicht auf sich? Am Erdöl kann es nicht liegen: Nicht einmal zehn Prozent des amerikanischen Öls kommt aus Saudiarabien, die USA sind dank des Ölschiefers inzwischen der grösste Ölförderer der Welt. Waren die Saudis Team Trump etwa beim Wahlkampf 2016 auf bislang unbekannte Weise zu Diensten, wofür sich der Präsident jetzt erkenntlich zeigen möchte? Will Donald Trump in Saudiarabien Geld verdienen und die Weichen für entsprechende Geschäfte seiner Familie nach dem Ende seiner Präsidentschaft stellen?

Oder beabsichtigt der Präsident, im Verein mit Riad einen Krieg gegen den Iran anzuzetteln, und möchte die saudischen Verbündeten deshalb nicht vor den Kopf stossen? Ist Trump willens, dafür die Ermordung eines in den USA lebenden Journalisten durch einen Unrechtsstaat entgegen amerikanischen Traditionen in Kauf zu nehmen? Die kommenden Stunden und Tage werden zeigen, wie der Präsident reagieren wird, falls sich die Beweise gegen Saudiarabien und dessen Kronprinzen weiter verdichten.

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