«Wieso ich Trump noch immer gut finde»

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass US-Präsident Donald Trump für einen kleinen oder grossen Skandal sorgt. Meine ehemalige Gastmutter in den USA, Abby Benson, ist trotzdem nach wie vor von ihm als US-Präsident überzeugt.

So wie diese Trump-Anhängerinnen steht auch Abby Benson, die Gastmutter unserer Autorin, nach einem wilden halben Jahr mit Trump als Präsident weiterhin voll hinter ihrem Idol.

So wie diese Trump-Anhängerinnen steht auch Abby Benson, die Gastmutter unserer Autorin, nach einem wilden halben Jahr mit Trump als Präsident weiterhin voll hinter ihrem Idol.

(Bild: Keystone)

Mirjam Comtesse

Abby Benson ist eine typische Trump-Wählerin, war es aber nicht immer. Die 74-Jährige lebt in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Pennsylvania, hat drei erwachsene Kinder und arbeitete früher als Kleinkindbetreuerin.

Vor fast 20 Jahren lebte ich bei ihr als Austauschstudentin. Wir redeten viel über Politik und das Leben, standen uns nahe. Damals wählte sie strikt Demokraten. Doch im Lauf der Jahre änderte sie ihre Meinung, wurde immer Rebublikaner-freundlicher und schliesslich sogar zur glühenden Trump-Anhängerin.

Sie erklärte dies damals einerseits mit der schlechten Wirtschaftslage und andererseits mit ihrem Patriotismus. Trump als erfahrener Unternehmer könne den kleinen Leuten helfen, fand sie. «Bei ihm spürt man auch, dass es ihm wichtig ist, dass wir stolz sein können auf unser Land.»

Was sagt sie jetzt, nach einem halben Jahr US-Präsident Trump? Ist sie ernüchtert? Trump scheint kaum etwas auf die Reihe zu kriegen. Fast jeden Tag gibt es Meldungen über gescheiterte Projekte, politische Skandale und abrupte Personalwechsel. Stimmt der Eindruck, dass im Weissen Haus das Chaos regiert?

Abby Benson wischt solche Einwände vom Tisch. «Die Mainstream-Medien vermitteln den Eindruck, als gäbe es Chaos im Weissen Haus», sagt sie. Das seien «Fake-News». Ich staune, dass sie nicht einmal gewillt ist, auf die Argumente einzugehen. Dann gesteht sie aber doch, dass es ein paar Ungereimtheiten gab. Die Schuld sieht sie allerdings nicht beim Präsidenten. «Die Demokraten sind schlechte Verlierer. Sie bezahlen Leute, um Unruhe zu stiften», sagt sie.

Auch hinter den Vorwürfen, Trumps nächstes Umfeld pflege illegale Verbindungen zu Russland, stünden die Demokraten. Ob dies Fakt oder Behauptung ist, kann kaum jemand überprüfen. Aber wie sieht es aus mit Tat­sachen, über die man nicht debattieren kann? Die Mauer etwa, die Donald Trump an der Grenze zu Mexiko bauen wollte, ist nirgends in Sicht. Damit hat er ein zentrales Wahlversprechen bislang nicht erfüllt. Abby Benson relativiert: «Es gibt dringendere Anliegen.» Sie betont, die Polizei habe zumindest entlang der Grenze grössere Machtbefugnisse erhalten, um Leute leichter verhaften zu können. Ihr Schluss: «Deshalb kommen jetzt weniger Mexikaner zu uns.»

Auch den Einreisestopp für Menschen aus sechs überwiegend muslimischen Ländern, den «Muslim ban», konnte der Republikaner nicht durchsetzen. Hier weicht die Rentnerin ­meiner Frage, ob das ein Misserfolg sei, einfach aus: Es sei nie darum gegangen, Muslime am Einreisen zu hindern. «Trump wollte einfach unterbinden, dass Leute aus bestimmten Ländern kommen, bis wir ein besseres System haben, um sicherzu­stellen, dass nicht die Falschen einreisen.»

Und wie betrachtet sie die Kündigung des Pariser Klimaabkommens, welche die Welt geschockt hat? Sehr pragmatisch. «US-Wissenschaftler haben dem Präsidenten geraten, das Ab­kommen aufzukündigen», meint Abby Benson. In Bezug auf den Klimawandel gebe es nicht ge­nügend Informationen. «Die USA haben zu viel gezahlt, jetzt wollen sie ein besseres Abkommen aus­handeln.»

Alles in allem, so betont die 74-Jährige, sei sie zufrieden mit der Regierung Trump. «Der Stellenmarkt ist besser als vorher. Letzte Woche hat meine Tochter eine Gehaltserhöhung in der Höhe von 25'000 Dollar im Jahr erhalten. Und mein Enkelkind bekam kürzlich einen Vollzeitjob in einem Detailhandelsgeschäft, das bisher noch nie jemanden zu 100 Prozent angestellt hat.»

Sie ist überzeugt, dass dies direkt auf die Bemühungen von Präsident Trump zurückgeht. «Er trifft die Chefs von unterschiedlichsten Unternehmen, um herauszu­finden, was deren Bedürfnisse sind.» Davon profitierten auch die Arbeitnehmer, findet Abby Benson. Ihr Fazit: «Ich habe den Eindruck, Trump orientiert sich an den Interessen der Leute, nicht an denen der Regierung.»

Wie sieht es auf der persönlichen Ebene aus? Vielen Europäern behagt insbesondere das Auftreten des Republikaners nicht. Er ist der Platzhirsch, der sich überall durchsetzen will und Minister, die ihm im Weg stehen, auch mal rüde zur Seite schubst. «Trump ist eben ein Geschäftsmann, kein Politiker», betont Abby Benson. «Das lässt ihn arrogant wirken.» Sie entschuldigt seine ungehobelte Art also damit, dass er im Gegensatz zu einem Profipolitiker keine aufgesetzten Höflichkeitsfloskeln verwendet.

Eine Grundsatzfrage mehr, in der sich die verfeindeten Lager kaum einig werden: Ist Trumps Benehmen einfach authentisch oder zeugt es von Charakterschwäche? Die Antworten dürften in den USA wie in Europa ­entlang der Trennlinie zwischen den Trump-Befürwortern und den Trump-Gegnern verlaufen.

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