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Zehn Millionen Arbeitslose in den USA

Eine brutale Entlassungswelle überflutet das Land. Jeder vierte Haushalt mit tiefen Einkommen meldet bereits finanzielle Probleme.

Bereits diesen Monat verlieren eine Million Amerikaner ihren Job und müssen Arbeitslosengesuche stellen. Foto: Keystone
Bereits diesen Monat verlieren eine Million Amerikaner ihren Job und müssen Arbeitslosengesuche stellen. Foto: Keystone

Die Corona-Seuche hat wie ein Blitz in einen der stärksten Arbeitsmärkte der Nachkriegszeit eingeschlagen. Mehr als zehn Bundesstaaten meldeten gestern bis zu zehnmal mehr Arbeitslosengesuche als vor einer Woche. Hochrechnungen zeigen, dass die Arbeitslosenquote im kommenden Frühjahr bereits 6,5 Prozent erreichen könnte, fast doppelt so viel wie vor Ausbruch der Pandemie. Am härtesten trifft es jene der Dienstleistungsberufe, da sie oft nur Mindestlöhne erhalten und keine genügende Arbeitslosenversicherung und keine finanziellen Reserven haben.

In keinem westlichen Industrieland schlägt eine Krise rascher auf den Arbeitsmarkt durch als in den USA. Die Praxis des «Hire and Fire» ist in den Tieflohnberufen im Gastgewerbe, Tourismus und Detailhandel weitverbreitet; doch stehen seit dieser Woche auch Lehrer auf der Strasse, da sie für das vielerorts vorzeitig beendete Schuljahr nicht mehr voll bezahlt werden.

80 bis 90 Prozent der Stellen in den Hotels, den Casinos und Restaurants drohe das Aus, schätzt die Gewerkschaft Unite Here. Wie dramatisch die Lage für Köche, Servierer und Küchengehilfen ist, zeigt die Onlinereservierungsseite Open Table. Die Zahl der Restaurantbuchungen in den USA ist um 84 Prozent eingebrochen.

Es ist ein Kollaps

Eine Umfrage durch Marist sowie und die öffentlich-rechtlichen Medien NPR und PBS gibt einen Einblick in die Krise, die in den offiziellen Zahlen noch nicht zu sehen ist. Entlassungen oder Kurzarbeit melden demnach bereits 18 Prozent der Haushalte, doch jeder vierte Haushalt mit einem Einkommen von unter 50’000 Dollar klagt deswegen schon mit finanziellen Problemen. Eine abschwächende Wirtschaft gleitet üblicherweise in eine Rezession. Corona macht dies zu etwas Neuem: Dies ist ein Kollaps. Die Angst sitzt Beschäftigten in Dienstleistungsberufen, die dem Virus besonders stark ausgesetzt sind, im Nacken. Starbucks-Angestellte etwa forderten das Management diese Woche dringend auf, alle Lokale zu schliessen, um das Infektionsrisiko zu vermindern.

Wer die Stelle verliert, kann oft nicht auf eine ausreichende Arbeitslosenhilfe zählen. In Serviceberufen etwa haben nur 56 Prozent Anrecht auf Krankheitsgelder; und sogar nur 28 Prozent beziehen Arbeitslosengelder. «Die meisten Entlassenen werden weniger als die Hälfte ihres Lohns beziehen können», sagt Michele Evermore vom National Employment Law Center. Ohne Hilfe vom Staat wird es nicht gehen, umso weniger, als zwei Fünftel der Amerikaner auch ohne Corona-Krise nicht genug Reserven haben, um ungeplante Ausgaben von 400 Dollar zu decken.

Zwar bereitet der Kongress nun Hilfen vor, doch der Vollzug ist Sache der Bundesstaaten, die ihre Arbeitslosen sehr unterschiedlich und gerade in den ärmeren Regionen nur kärglich unterstützen.

Grösste Fabrikschliessung seit Zweitem Weltkrieg

Vor einer massiven Entlassungswelle steht auch die Autobranche, nachdem alle Hersteller – als Letzter gestern ebenfalls Tesla – die Produktion eingestellt haben. Der Flugzeugbauer Boeing – Gradmesser für den Zustand der US-Industrie – litt bereits vor der Seuche als Folge des Debakels um die Max-Maschinen an Auszehrung, brach aber in den letzten Tagen zusammen und wird an den Finanzmärken um drei Viertel tiefer bewertet als vor einem Jahr.

Den 150'000 Beschäftigten kündigte das Management diese Woche Entlassungen und Kurzarbeit an; wie tiefgreifend, ist noch offen. Sollte sich der Kongress nicht rasch auf eine Corona-Notrettung von bis zu 2000 Milliarden Dollar einigen, droht gemäss Finanzminister Steven Mnuchin eine Arbeitslosenwelle von 20 Prozent. Diese wäre doppelt so hoch wie in der Rezession von 2008 und ist realwirtschaftlich nicht stichhaltig begründbar. Real ist, bis Mitte nächsten Jahres mit einem Anstieg von 3,5 auf 6,5 Prozent Arbeitslose zu rechnen. Das heisst gemäss den Prognostikern von IHS Markit, dass die Zahl der Stellensuchenden von 5,8 auf gegen 10 Millionen steigen dürfte. Vorausgesetzt wird, dass die Seuche in zwei bis drei Monaten unter Kontrolle gebracht wird.

Schon diesen Sommer drohe drei Millionen Beschäftigten die Entlassung, schreibt das Economic Policy Institute. Und gemäss Kevin Hassett, Ex-Berater von Präsident Donald Trump, verliert bereits diesen Monat eine Million ihren Job. Bestätigt wurde die düstere Lage gestern durch die ersten aktuellen Zahlen aus mehreren grossen Bundesstaaten. So explodierte die Zahl der Arbeitslosengesuche in Michigan, Colorado und New York im Vergleich zu letzter Woche um das Zehnfache. In Texas ist der Ölboom abrupt geplatzt; die Zahl der Stellensuchenden in Houston nahm in einer Woche um das Vierfache zu.

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