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9-Jähriger entlarvt Polizei-Komplott in Pakistan

Stunden nachdem er seine Eltern und eine Schwester bei einer Schiesserei verloren hat, trägt ein pakistanischer Junge dazu bei, eine Verschleierung der Polizei zu enthüllen.

Seine Aussagen setzten den pakistanischen Justizapparat in Gang: Umair Khalil. (Bild: Screenshot Twitter)
Seine Aussagen setzten den pakistanischen Justizapparat in Gang: Umair Khalil. (Bild: Screenshot Twitter)

Eine pakistanische Anti-Terror-Einheit tötete letzten Samstag angeblich vier Terroristen südwestlich von Lahore. Die Terroristen, die in einer Geheimdienstoperation in einem Auto unterwegs gewesen sein sollen, stünden in Verbindung zur Miliz Islamischer Staat (IS), hiess es.

Die pakistanischen Sicherheitskräfte vom «Counter Terrorism Department» (CTD) hätten die Terroristen erschossen, nachdem diese das Feuer auf die Offiziere eröffnet hatten. Im Polizeibericht wurde der Einsatz als erfolgreiche Operation vermerkt. Zudem wurde erwähnt, dass zwei bewaffnete Männer auf einem Motorrad das Auto begleitet hätten; ihnen sei die Flucht gelungen.

Bei den Todesopfern handelte es sich um ein Ehepaar mittleren Alters, dessen Tochter und einen weiteren Mann. Letzter war der Autolenker namens Zeeshan Javed. Laut Behörden gehörte er zu einer IS-nahen Gruppe von Kämpfern; er sei bewaffnet gewesen und habe die Familie als Schutzschild benutzt.

Keine Terroristen, keine Waffen

Wenige Stunden nach dem vermeintlichen Schusswechsel erzählte der neunjährige Umair Khalil in einem Spital gegenüber Journalisten seine Version der Geschichte – und die unterschied sich sehr von der obigen: Er sei mit seiner Familie unterwegs zu einer Hochzeitsfeier gewesen. Im Auto sassen seine Eltern, drei Geschwister und ein Freund der Familie, der das Auto lenkte. Bei einer Mautstelle wurden sie von Polizisten angehalten. Mein Vater rief ihnen noch zu: «Nehmt das Geld, aber lasst uns gehen.»

Doch dann hätten die Beamten das Feuer eröffnet, so Umair. Seine Eltern, seine 12-jährige Schwester und der Freund der Familie wurden dabei getötet. Nur Umair Khalil, dessen Aussage im Spital auf Video festgehalten wurde, und zwei jüngere Schwestern überlebten.

Lokale Medien griffen den Fall auf. Unter Berufung auf Augenzeugen und auf weiteren Videoaufnahmen kamen sie unter anderem zum Schluss, dass die Reisenden kein Feuer auf die Polizei eröffnet hätten. ARY News berichtete sogar, dass nach den Schüssen Polizisten aus einem später dazugekommenen Polizei-LKW Sprengstoffjacken und Waffen im Fahrzeug der Opfer deponiert hätten. Roy Tahir, der Chef der CTD, soll bei der Vertuschungsaktion selbst Hand angelegt haben.

Videoaufnahmen von Augenzeugen hätten zudem gezeigt, wie die Polizei, nachdem sie bereits von hinten auf das Auto geschossen hatten, die drei noch lebenden Kinder aus dem Fahrzeug holten. Danach hätten die Polizisten noch einige Salven auf das Auto abgefeuert und seien dann mit den Kindern weggefahren.

Mit der Verbreitung dieser Nachrichten und den Handyfilmen in den sozialen Netzwerken verbreitete sich auch die öffentliche Empörung im Land. Premierminister Imran Khan drückte am Sonntag sein Entsetzen aus.

Er sei noch immer schockiert, als er die traumatisierten Kinder sah, deren Eltern vor ihren Augen erschossen wurden, schrieb Khan auf Twitter. Er versprach schnelle Ermittlungen in dem Fall. Und auch Usman Buzdar, der Ministerpräsident der Provinz Punjab, versprach Gerechtigkeit, als er die überlebenden Kinder im Spital besuchte.

Und die pakistanische Menschenrechtskommission teilte mit, dass sie über den jüngsten Vorfall, bei dem vier Personen durch eine Elitetruppe der Punjab-Polizei bei einer Terrorismusbekämpfung getötet wurden, «entsetzt» sei.

Bericht bestätigt Aussage des Jungen

Noch bevor ein Ermittlungsteam (The Joint Investigation JIT) seinen Bericht vorlegte, waren mehrere Polizeibeamte festgenommen worden. Am Dienstag sagte der Staatsminister des Bundesstaates Punjab, dass infolge der Ermittlungen mehrere leitende Beamte der Abteilung für Terrorismusbekämpfung von ihren Positionen entfernt worden seien und die fünf an der Schiesserei beteiligten Beamten vor Gericht gestellt würden.

Laut lokalen Medien stehe im JIT-Bericht, dass sich kein Zusammenhang zwischen der Familie Khalil und terroristischen Organisationen habe herstellen lassen. Alle Getöteten seien demnach unschuldig. Im Bericht würden die CTD-Beamten für die Ermordung der Familie verantwortlich gemacht.

Getötete Familie als «Kollateralschaden»

Der Justizminister von Punjab besteht indes darauf, dass die Polizeiaktion zu 100 Prozent korrekt abgelaufen und einer der Insassen ein Terrorist gewesen sei. Er erklärte die anderen Todesfälle als «Kollateralschaden».

Zwar bestätigen Nachbarn und Freunde des getöteten Fahrers eine Zugehörigkeit Zeeshans zu einer fundamentalistischen Gruppe, schlüssige Beweise, dass er Verbindung zum IS hatte, haben die Behörden jedoch bislang nicht vorgelegt.

Shaukat Javed, ein ehemaliger Chef der Polizei von Punjab, sagte gegenüber BBC Urdu, dass die Polizisten, die den Angriff verübt haben, «verantwortungslos und ausserhalb ihrer Macht» gehandelt hätten. Und obschon Hinweise des Geheimdienstes auf konkreten Informationen beruhten, «gab es Mängel im Ausführungsplan», sagte er.

Er denke, dass die Polizisten die Frauen und Kinder auf dem Rücksitz nicht sahen, sondern nur die beiden Männer vorne im Auto. «Als sie sich der Situation stellten, handelten sie ohne Anhaltspunkte. Das hätten sie nicht tun sollen», so Javed.

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