Helden trotz Höllenangst

Inmitten des Terrors von Christchurch fassten einige Moscheebesucher den Mut, anderen zu helfen. Sie berichten von den schlimmsten Momenten ihres Lebens.

Bewies Mut: Abdul Aziz erzählt, wie er sich dem Schützen in Christchurch in den Weg stellte. (Video: Reuters)

Der Turm der Masjid-An’Nur-Moschee wird am Samstagabend nur erhellt vom abwechselnd roten und blauen Licht der Dachscheinwerfer eines Polizeiautos, das hinter einer Absperrung steht.

Davor haben die Bewohner von Christchurch eine improvisierte Gedenkstätte aus Blumen, Kuscheltieren und mit Grussbotschaften versehenen Pappschildern errichtet. Im Halbkreis stehen die Anteilnehmenden nun um diese schaurige Kulisse herum, an einem der zwei Orte, an denen 31 Stunden zuvor ein grausamer Anschlag auf die muslimische Gemeinde Neuseelands verübt wurde.

Wer von der Terrorattacke auf zwei Moscheen in Christchurch berichtet, schreibt natürlich und zu Recht die kaum fassbaren Geschichten der 50 Ermordeten und weiteren 50 Verletzten. Aber es gibt auch die Geschichten derer, die durch ihren mutigen Einsatz Schlimmeres verhindert haben und die einer trauernden Stadt die Hoffnung auf das Gute im Menschen zurückgeben.

«Alle versuchten, nach draussen zu kommen»

Einer der Helden von Christchurch ist Mirwais, ein afghanischer Muslim, der seit 2002 in Neuseeland lebt. Er besuchte mit einer Gruppe von Freunden aus der afghanischen Gemeinschaft das Freitagsgebet der Moschee. Zwei von ihnen sind heute tot, drei sind verwundet.

Mirwais erzählt trotz der Umstände mit fester Stimme: «Kurz nachdem wir zu beten begonnen hatten, hörte ich die ersten Knaller. Ich habe den Schützen gesehen, als er in die Eingangshalle trat, und bin sofort mit vielen anderen in Richtung eines Notausganges an der Nordseite der Moschee gerannt. Alle versuchten, nach draussen zu kommen, daher bildeten sich Gruppen – er schoss zuerst auf die, in der ich war, und traf die Menschen vor mir, die meisten von ihnen waren sofort tot. Dann drehte er sich zu der anderen Gruppe und schoss auf diese. Daher konnte ich aus dem Gebäude rennen und mich verstecken.»

Bildstrecke: Terroranschlag in Neuseeland

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Der Mann, der auf Mirwais und dessen Glaubensgemeinde schoss, war der mutmassliche Terrorist Brenton T. (28), ein Australier mit einem Wohnsitz auf der Südinsel Neuseelands. Wenige Minuten bevor er den ersten Schuss abfeuerte, hatte T. ein rechtsradikales Manifest an verschiedene Mailadressen verschickt, unter anderem an Premierministerin Jacinda Ardern. Ausserdem hatte er das Manifest in ein Onlineforum hochgeladen. Dann hatte er sich eine Helmkamera aufgesetzt, einen Livestream gestartet und mit seiner Waffe die Moschee betreten.

«Als ich realisierte, dass jemand versucht, uns umzubringen, warf ich mich auf den Jungen, der neben mir sass, und umschloss ihn mit meinem Körper.»

Weil der Schütze nach einigen Minuten zu seinem Auto zurückkehrte, vermutlich um eine andere Waffe zu holen, konnte Mirwais aus seinem Versteck laufen. Er kletterte über einen Zaun auf das Nachbargrundstück, dort blieb er einige Minuten, doch weil er erneut Schüsse hinter sich hörte, flüchtete er weiter und kam schliesslich in das Haus eines Nachbarn, in das auch ein anderes Opfer geflüchtet war: «Ich sah einen älteren Mann mit einer Schusswunde in der Hüfte liegen, neben ihm stand sein Sohn und weinte. Ich rief dem Bewohner des Hauses zu, er solle mir ein Handtuch bringen, um die Blutung zu stoppen.»

Mirwais wickelte geistesgegenwärtig das Handtuch um den Mann, dann instruierte er dessen Sohn, er solle fest auf die Wunde drücken. In seiner Panik rannte Mirwais anschliessend blutüberströmt wieder nach draussen, «ich wollte nach Hause zu meiner Frau und ihr sagen, dass es mir gut geht».

«So haben wir es gemeinsam überlebt»

Während Mirwais bereits aus der Nachbarschaft der Moschee geflohen war, stieg Brenton T. in sein Auto und fuhr einige Minuten durch Christchurch zur zweiten, deutlich kleineren Moschee der Stadt in der Linwood Avenue, wo zu dieser Zeit der 25-jährige Mohamed mit einer kleinen Gruppe Muslimen betete.

«Um 13.40 begannen wir mit dem Freitagsgebet, doch nachdem wir das erste Gebet beendet hatten, hörten wir Schüsse», erzählt Mohamed am Samstagabend, er möchte, wie Mirwais, seinen Nachnamen nicht in der Öffentlichkeit nennen. «Als ich realisierte, dass jemand versucht, uns umzubringen, warf ich mich auf den Jungen, der neben mir sass, und umschloss ihn mit meinem Körper.»

Der Junge, den Mohamed unter sich begrub – wie sich später herausstellte ein zwölfjähriges Mitglied der muslimischen Gemeinde von Christchurch –, begann laut zu schreien, er rief nach seinem Vater, der mit ihm in die Moschee gekommen war. «Ich drückte ihm meine Hand auf den Mund, denn ich war mir sicher, dass der Attentäter auf die zielen würde, die schrien. So haben wir es gemeinsam überlebt», erzählt Mohamed.

Immer wieder pausiert er zwischen den Sätzen, seine Worte sind abgehackt. Er spricht nicht, als würde er sich als Held fühlen, während er sich an die wahrscheinlich schlimmsten Momente seines Lebens erinnert.

«Ich ergriff eine Shotgun»

Auch diesmal verlässt Brenton T. die Moschee, um aus seinem Auto eine weitere Waffe zu holen. Dort jedoch wartet Abdul Aziz auf ihn, ein weiterer Held des Attentats. Aziz hatte nicht wie Mohamed im Hauptraum gebetet, den der Attentäter als Erstes betreten hatte.

«Ich hatte gesehen, wie er in die Moschee ging, und bin nach draussen gerannt, dort stand sein Auto mit den Waffen auf dem Beifahrersitz. Ich ergriff eine Shotgun, die jedoch keine Kugeln mehr hatte, dann kam er aus dem Gebäude, sah mich mit dem Gewehr in der Hand, rannte panisch an mir vorbei und verfluchte mich. Ich versuchte ihn mit dem Gewehr zu stoppen und haute damit gegen sein Auto, doch er konnte davonfahren.»

Abdul Aziz versuchte, den Mörder zu stoppen. Foto: Keystone

Hätte Aziz nicht so mutig gehandelt, wären wahrscheinlich noch weitere Menschen gestorben. Dasselbe gilt für zwei Polizeibeamte, die das verdächtige Auto von der Strasse rammten und den Attentäter in Gewahrsam nehmen konnten. Aziz sagt im Gespräch, er habe so gehandelt, wie jeder handeln sollte. Auch er sei traumatisiert, aber er wolle seine Geschichte erzählen, um andere zu inspirieren.

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