MH370 wird zum Spielball der Politik

Regierung und Opposition in Malaysia versuchen, sich mit dem verschwundenen Flugzeug zu profilieren. Im Mittelpunkt steht dabei der Pilot der vermissten Maschine.

In die Diskussionen um MH370 verwickelt: Der Oppositionsanführer Anwar Ibrahim (links) und der malaysische Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein.

In die Diskussionen um MH370 verwickelt: Der Oppositionsanführer Anwar Ibrahim (links) und der malaysische Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein.

(Bild: Keystone)

Gut eine Woche herrschte Waffenstillstand. Zu gross war die Betroffenheit nach dem Verschwinden des Flugzeugs mit 239 Menschen an Bord. Doch nun instrumentalisieren die beiden bitter verfeindeten politischen Lager in Malaysia die Angelegenheit für ihre Zwecke: Die Opposition stimmt in die internationale Kritik an der Regierung wegen der Informationspolitik und der ergebnislosen Suche ein. Regierungsanhänger schlachten dagegen die Verbindungen des Piloten zu Oppositionsführer Anwar Ibrahim für ihre Zwecke aus.

Die Politik in Malaysia hat sich in den vergangenen Jahren zu grossen Teilen dadurch definiert, dass die Regierung – immerhin seit rund fünf Jahrzehnten an der Macht – versuchte, ihre unangefochtene Position zu erhalten und den Aufschwung von Oppositionsparteien zu verhindern. Anwar, der Kopf der Opposition, verbrachte sechs Jahre wegen Korruption und Homosexualität im Gefängnis. Seine Anhänger, aber auch Menschenrechtsorganisationen im Ausland, sahen die Strafe jedoch als politisch motiviert.

Der Pilot Zaharie Ahmad Shah ist ein Anhänger Anwars und sogar entfernt verwandt mit ihm – er ist der Onkel von dessen Schwiegertochter. Zusätzlich angeheizt wurde das Thema von der britischen Boulevardzeitung «Daily Mail», die Zaharie einen «politischen Fanatiker» nannte. Das war Wasser auf die Mühlen der Anwar-Gegner.

Oppositionsführer verteidigt Pilot

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Maschine am 8. März absichtlich auf einen anderen Kurs gebracht wurde – eine Aktion, die nur eine Person mit sehr guten Pilotenkenntnissen ausführen kann. Der Hintergrund und das Umfeld Zaharies wurden durchleuchtet, seine Wohnung durchsucht. Bislang sind jedoch keine Beweise bekannt geworden, die den Piloten belasten.

Anwar selbst verteidigte den Piloten, warf Regierung und Medien vor, dass man ihn diskreditieren wolle. «Ich kann meine Abscheu nicht genug betonen, die ich vor denjenigen habe, die ohne irgendeinen Beweis Kapitän Zaharie beschuldigen», schrieb er in seinem Blog.

Von Regierungsseite wurde Anwar bislang nicht mit dem Verschwinden der Maschine in Verbindung gebracht. Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein erklärte diese Woche auf die Frage eines Journalisten, ob man eine Vernehmung des Oppositionspolitikers plane: «Wir sind sehr konsequent gewesen – vom ersten Tag an lag der Fokus der Regierung auf der Suche und Bergung. Davon werden wir nicht abweichen. Dieses Thema steht über der Politik.»

«Eine für das Land typische Schlammschlacht»

Einen Tag vor dem Verschwinden des Flugzeugs war Anwar zu einer weiteren Haftstrafe verurteilt worden. Abermals wegen Homosexualität soll er nun für fünf Jahre ins Gefängnis. Damit kann er bei einer Vorwahl in diesem Monat nicht antreten.

Sportminister Khairy Jamaluddin beschuldigt Anwar, selbst lanciert zu haben, dass Pilot Zaharie einer seiner Anhänger gewesen sei – um sich als Opfer zu stilisieren. «Schluss damit, Anwar», schrieb er auf seiner Facebook-Seite. «Es gibt keinen Grund, die Dinge zu verdrehen oder zu lügen. Du bist derjenige, der keinen Respekt vor Kapitän Zaharie hat.»

James Chin, Malaysia-Experte an der australischen Universität Monash, sieht in dem Fall eine für das Land typische Schlammschlacht um den polarisierenden Anwar. Solange es jedoch keine Beweise dafür gibt, dass Zaharie eine Rolle beim Verschwinden des Flugzeugs gespielt hat, wird die Opposition nach seiner Einschätzung keinen Schaden nehmen. «Wenn doch, wäre das jedoch ein schwerer Schlag für die Opposition», sagt Chin.

Lim Kit Siang, ein anderer Oppositionsführer, kritisierte die Regierung, weil sie am Dienstag nur ihre eigenen Abgeordneten über den aktuellen Stand der Suche informiert hatte. Das Thema sei von nationaler Bedeutung. «Man sollte dabei alle an Bord haben», sagte er.

Vertreter einer neuen Mittelklasse

Zaharie erscheint unter mehreren Aspekten als typischer Vertreter für eine neue Mittelklasse in Malaysia, die Alternativen zur bisherigen Regierung sucht und in Anwar und dessen liberaldemokratischer Partei PKR findet. Diese kämpfen für mehr Meinungsfreiheit und Demokratie, für ein Ende der Korruption und der Vetternwirtschaft.

Das Haus des Piloten befindet sich in einer geschlossenen Wohnanlage, seine Tochter studiert im Ausland, der 53-Jährige gilt als aktiver Nutzer der sozialen Netzwerke. Seine Freunde und Parteimitglieder bezeichnen ihn als Unterstützer der Partei, aber nicht besonders aktiv.

Ab und an sei Zaharie bei Veranstaltungen aufgetaucht, manchmal habe er selbst gebackene Reiskuchen mitgebracht, sagt Sivarasa Rasiah, ein Parteiführer. «Die Tatsache, dass er ein Mitglied der Partei ist, ist völlig irrelevant», fügt er an. «Ich würde der ‹Daily Mail› raten, vorsichtig zu sein, wenn sie lokale Polizeiquellen für solche Arten von Informationen verwendet. Es gibt Elemente in der malaysischen Polizei, besonders bei den Spezialkräften, die sehr politisch sind.»

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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