Das Dilemma mit «Big George»

Der Papst belässt den australischen Kardinal Pell trotz Verurteilung wegen Kinderschändung im Amt. Er suspendiert ihn nur, bis es «definitive Fakten» gebe.

Kardinal George Pell (l.) mit Papst Papst Benedikt XVI. am Weltjugendtag 2008 in Sydney. Foto: Getty Images

Kardinal George Pell (l.) mit Papst Papst Benedikt XVI. am Weltjugendtag 2008 in Sydney. Foto: Getty Images

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Selten zuvor hat ein Schuldspruch aus dem fernen Australien einen so lauten Widerhall erzeugt auf dieser Seite des Planeten. Die Verurteilung des Kurienkardinals George Pell erschüttert den Vatikan mit aller Wucht und stürzt ihn nur zwei Tage nach dem Ende des internationalen Missbrauchsgipfels in ein grosses Dilemma. Pell ist von einem Geschworenengericht in der Heimat für schuldig befunden worden, sich 1996 an zwei Chorknaben, damals 12 und 13 Jahre alt, sexuell vergangen zu haben. In der Sakristei der Kathedrale von Melbourne, nach dem Gottesdienst.

Er ist der bisher höchste katholische Kirchenmann, der wegen Missbrauchs überführt wurde. Unter Benedikt XVI. galt Pell als «Ratzingerianer», unter Franziskus als «Bergoglianer». Die Kardinalsweihe erhielt er aber von deren Vorgänger, Johannes Paul II. Es gab Zeiten, da galt der Australier als «papabile», als möglicher Papst, obschon es schon lange düstere Gerüchte und Klagen über ihn gegeben hatte.

Das Urteil fiel schon im Dezember, einstimmig. Doch da zu jenem Zeitpunkt noch offen war, ob die Staatsanwaltschaft Pell in weiteren Fällen den Prozess machen würde, verhängte die australische Justiz ein vorläufiges Berichtsverbot. Das ist so üblich, damit die Geschworenen im neuen Prozess sich nicht vom Urteil in einem anderen Verfahren beeinflussen lassen. Das Embargo wurde bald gebrochen. Und so gab der Vatikan schon am 12. Dezember bekannt, dass Pell nicht mehr dem Kardinalsrat angehöre, dem K9, wie Franziskus sein Reformgremium nannte. «Aus Altersgründen», hiess es im Bulletin, seien drei Mitglieder ausgeschieden. Das Alter war ein Vorwand, nicht nur im Fall des Australiers. Pell ist 77.

«Eine schmerzhafte Nachricht. Wir sind uns sehr bewusst, dass sie viele Menschen nicht nur in Australien schockiert hat.»Der Sprecher des Vatikanszu George Pells Verurteilung

Beurlaubt hat ihn der Papst schon im Juni 2017, als er angeklagt wurde. Pell sagte damals, er wolle seinen «Namen rein­waschen», verzichtete auf seine diplomatische Immunität und stellte sich einem weltlichen Gericht, was vor ihm noch nicht viele Prälaten getan hatten. Im Jahr davor, als die Royal Commission, die sich der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle angenommen hatte, Pell verhören wollte, weigerte er sich noch, nach Australien zu fahren. Er führte hohen Blutdruck und Herzprobleme ins Feld, ein Arzt riet vom langen Flug ab. Die Befragung fand dann doch statt, via Skype: Pell sass dafür in einem römischen Hotel.

Der Papst beliess ihn im Amt, er legte es nur auf Eis – wohl in der Hoffnung, Pell komme bald wieder heim mit reingewaschenem Namen. Die Verurteilung ändert nun nichts daran. Der Vatikan hat den Status Pells am Dienstag offiziell bestätigt. Der Kardinal bleibt also im Amt, ist aber suspendiert. Er darf weder öffentlich Messen feiern noch mit Minderjährigen in Kontakt treten, bis es «definitive Fakten» gebe. «Das ist eine schmerzhafte Nachricht», sagte ein Sprecher des Vatikans. «Wir sind uns sehr bewusst, dass sie viele Menschen nicht nur in Australien schockiert hat.» Doch Pell beteuere nach wie vor seine Unschuld und habe ein Recht darauf, sich bis zur letzten Instanz zu verteidigen.

Verdacht besteht seit den 70er-Jahren

Pells Personalie ist eine besonders gewichtige. Er ist der Chef des Sekretariats für Wirtschaft, zuständig für alle finanziellen Aktivitäten des Vatikans, inklusive des IOR, der sagenumwobenen Vatikanbank. Wollte man das Organigramm des Vatikans mit einer weltlichen Staatsspitze vergleichen, sähe das so aus: Ganz oben sitzt der Papst als absoluter Monarch; darunter kommt Pietro Parolin, der «Staatssekretär Seiner Heiligkeit», so etwas wie Premier- und Aussenminister in Personalunion; gleich darunter rangiert George Pell, der Superminister für Wirtschaft und Finanzen. Darum nennt man ihn die «Nummer drei» des Vatikans.

Die Schaffung des Sekretariats für Wirtschaft ist bis heute eine der revolutionärsten Handlungen im bisherigen Pontifikat von Jorge Mario Bergoglio. Sie trug ihm zu Beginn seiner Amtszeit viel Lob ein. Es hiess, Franziskus kappe endlich alte Seilschaften in der übel beleumdeten römischen Kurie. Pell schien da die ideale Besetzung zu sein, auch körperlich. In der Jugend hatte er in Australian Football gespielt, eine härtere Variante von Rugby. Wegen seiner imposanten Körpergrösse und dem nicht minder auffälligen Ego nannte man ihn auch «Big George». Immer markig im Auftritt, gerne auch polemisch. Der Anpacker würde sich nicht scheuen, dem alten System notfalls die Knochen zu brechen, konnte man damals lesen. Machtintrigen? Die würde er locker wegstecken mit seiner rustikalen Art.

Doch dann holte Pell die Vergangenheit ein. Verdachtsfälle gab es schon aus seiner Zeit als Priester in Ballarat, seinem Heimatort im Bundesstaat Victoria, in den Siebzigern. Er soll damals Kinder im Schwimmbad sexuell belästigt haben. Sein Fall wirft die Frage auf, wie einer wie Pell Karriere machen konnte in der Kirche bis hart ans Bein des Stuhls Petri. Oder einer wie Theodore McCarrick, früher Erzbischof von Washington, ein serieller Missbrauchstäter, der erst vor einer Woche in den Laienzustand versetzt wurde. Was läuft schief in der Personalpolitik des Vatikans? Verfiel die Kirche bisher ihrer Selbstlüge, dass im Grunde alles nicht so arg ist, dass die Medien die Skandale aufbauschten, dass es schliesslich überall in der Gesellschaft Missbräuche gibt? Oder war Franziskus einfach zu gutgläubig?

Leeres Bekenntnis

Neben Pell entliess der Papst im Dezember auch den chilenischen Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa aus dem K9. Der ist zwar tatsächlich schon 85 Jahre alt. Doch wahrscheinlich wurde er nicht deshalb aussortiert. In seiner Heimat wird Errázuriz vorgeworfen, er habe jahrelang Täter aus dem anvertrauten Klerus gedeckt und die Strafverfolger mutwillig in die Irre geleitet. Täuschte er etwa auch den Papst?

Als Franziskus im vergangenen Jahr Chile besuchte, verstörte er die Gläubigen damit, dass er mit harschen Worten einen Bischof verteidigte, dem vorgeworfen wird, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben. Später entschuldigte er sich. Er sei mangelhaft informiert gewesen. Die passende Unterrichtung wäre die Aufgabe des Kardinals gewesen.

Der Vorfall in Chile lastete schwer auf der Glaubwürdigkeit des Papstes. Die Welt fragte sich, ob Franziskus es tatsächlich ernst meine mit seinem Bekenntnis, die Schande des Missbrauchs mit aller Macht zu bekämpfen. Die Kinderschutzkonferenz war ein Versuch, diesem Bekenntnis Nachdruck zu verleihen und es konkret zu machen. Es blieb beim Versuch.

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