Das Endspiel um Afghanistan hat begonnen

Seit 17 Jahren sind die Amerikaner und ihre Verbündeten im Land. Wie geht es weiter, wenn die Soldaten abziehen?

Afghanische Kinder am Rand von Jalalabad auf den Überresten eines Panzers aus der Sowjetzeit.

Afghanische Kinder am Rand von Jalalabad auf den Überresten eines Panzers aus der Sowjetzeit.

(Bild: Reuters Parwiz)

Das Endspiel hat begonnen. Um die Zukunft eines Landes, das oft mit ansehen musste, wie fremde Mächte über sein Schicksal bestimmen. Wiederholt sich die Geschichte? Seit 17 Jahren sind die Amerikaner und ihre Verbündeten in Afghanistan – aber den Krieg werden sie militärisch nicht mehr gewinnen. Diese Erkenntnis hat die US-Regierung dazu veranlasst, mit einem bisherigen Prinzip zu brechen: dass der afghanische Friedensprozess in afghanischer Hand liegen soll.

Trumps Sondergesandter Zalmay Khalilzad war auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein gefragter Gesprächspartner, auch wenn er sich mit öffentlichen Äusserungen zurückhielt. Er hat sich nun bereits mehrmals bilateral mit den Taliban getroffen, ohne dass die afghanische Regierung am Verhandlungstisch Platz nehmen durfte. Zudem mischt Russland kräftig mit im afghanischen Friedensprozess, ein Land mit eigener Afghanistan-Vergangenheit: Die Rote Armee zog vor knapp dreissig Jahren geschlagen aus Afghanistan ab. In Moskau hat es in den vergangenen Wochen bereits Konferenzen unter Beteiligung der Taliban gegeben, ebenfalls ohne die Kabuler Regierung. Auch an diesem Montag ist Präsident Ashraf Ghani nicht eingeladen, wenn sich die Islamisten und der US-Topdiplomat Khalilzad auf Einladung des pakistanischen Premierministers Imran Khan in Islamabad treffen werden.

Die gewählte afghanische Regierung ist nur Zuschauer

Pakistan habe seine Verbindungen zu den Taliban genutzt, um sie davon zu überzeugen, an den Verhandlungstisch zu kommen, sagte Aussenminister Shah Mehmood Qureshi der Süddeutschen Zeitung am Rande der Sicherheitskonferenz. «Ein friedliches, stabiles Afghanistan ist in unserem Interesse, und wir würden davon sehr profitieren», sagte er. Seine Regierung beabsichtige keineswegs, sich in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einzumischen, letztlich müssten die Afghanen selbst über ihre Zukunft und die Bedingungen für eine Machtteilung entscheiden, bei der alle afghanischen Fraktionen «ein Stück des Kuchens» abbekommen.

Aber wie der afghanische Kuchen verteilt wird – darüber hat die afghanische Regierung bislang keine direkte Mitsprache. Zwar betont US-Diplomat Khalilzad immer wieder, dass seine Aufgabe auch darin liege, einen afghanischen Friedensprozess vorzubereiten. Trotzdem ist die gewählte afghanische Regierung bisher nur Zuschauer. Dafür zeichnet sich immer deutlicher ab, was Khalilzad für die USA anstrebt: Er soll mit den Taliban Bedingungen über einen Abzug der USA ausloten und im Gegenzug sollen die Taliban garantieren, dass Afghanistan nicht wieder Rückzugsgebiet für ausländische Terroristen wird.

In München sickerte noch ein Wunsch der Amerikaner durch, der die Verbündeten beunruhigt: Khalilzad soll dem Vernehmen nach dafür sorgen, dass die Nato-Partner und andere Alliierte der USA Washingtons finanzielle Verpflichtungen am Hindukusch übernehmen. Das liefe auf einen kompletten Rückzug der Amerikaner aus dem längsten Kriegseinsatz ihrer Geschichte hinaus: militärisch und finanziell.

Was, wenn Trump einen Alleingang plant?

Noch steht Khalilzad am Anfang seiner Gespräche mit den Taliban, noch gibt es keine Gewissheit, dass der Gesprächsprozess nicht wieder entgleist. Aber beenden die Amerikaner ihre militärische Mission, endet damit auch unmittelbar das Nato-Engagement, und damit der deutsche Einsatz mit etwa 1300 Soldaten. Wie Deutschland sind auch alle anderen Nationen auf die Logistik der USA angewiesen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach das in München erstaunlich offen an: «Ich möchte wirklich nicht erleben, dass wir dann eines Tages dastehen und einfach weggehen müssen, weil wir dort natürlich sehr vernetzte Kapazitäten haben», sagte sie.

Die Sorge der Verbündeten ist gross, dass Trump einen Alleingang plant, also mit den Taliban bilateral einen Deal aushandeln lässt und die Nato-Partner dann vor vollendete Tatsachen stellt. Noch schlimmer wäre das für die afghanischen Sicherheitskräfte: Sie hängen finanziell von den USA ab. Es ist kaum vorstellbar, dass die anderen Nato-Mitglieder sich über ihre zugesagten finanziellen Verpflichtungen hinaus so massiv engagieren werden, wie es die Amerikaner bislang tun.

Pakistan hat ein grosses Zwischenziel erreicht

Im Machtpoker um Afghanistans Zukunft rückt nun also Pakistan, der jahrelang vom Westen angeprangerte Schlüsselspieler in den Fokus – auch wenn die für Montag geplante Konferenz in letzter Minute abgesagt wurde. Islamabad hatte im Herbst den Taliban-Führer Mullah Baradar aus dem Hausarrest entlassen und damit, wie Aussenminister Qureshi sagte, dem Wunsch der USA entsprochen. Baradar wolle Frieden, er sei in den Rängen der Taliban respektiert. Auch sei den Islamisten klar, dass sie nicht wieder ganz Afghanistan regieren könnten, betonte Qureshi. Seine Regierung bemühe sich, sie davon zu überzeugen, sich nicht nur mit den Amerikanern, sondern auch mit der Kabuler Regierung an einen Tisch zu setzen.

Pakistan hat mit diplomatischer Finesse ein grosses Zwischenziel erreicht: es verhandelt mit über die Zukunft im Nachbarland, während der afghanischen Regierung nur die Zuschauerrolle bleibt. Präsident Ghani betont zwar, er vertraue Khalilzad als Makler für afghanische Interessen, aber hinter vorgehaltener Hand klingt Kabuls Position etwas anders.

«Khalilzad darf es nicht zulassen, dass andere Spieler den Prozess übernehmen und versuchen die Lücke zu füllen, wenn die USA abziehen», sagte ein ranghoher afghanischer Regierungsbeamte. Nur ein afghanisch geführter Friedensprozess werde dem Land auch tatsächlich Frieden bringen. «Alles andere verursacht Chaos», sagte der Regierungsbeamte.

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