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Der Biss des Barracuda

U-Boot-Deal mit Australien: Frankreich erhielt den Zuschlag – ganz zum Ärger zweier anderer Länder. Wie die milliardenschwere Verhandlung zur Staatsaffäre geriet.

Milliardendeal: Konzeptbild der Barracuda-U-Boote, die der französische Rüstungskonzern DCNS für die australische Marine bauen wird.
Milliardendeal: Konzeptbild der Barracuda-U-Boote, die der französische Rüstungskonzern DCNS für die australische Marine bauen wird.
EPA/DCNS Group
Frühe Entwürfe: Konstruktionsplan des U-Boots Nautilus, das Robert Fulton für die französische Marine entwarf. Das Gestänge über dem Rumpf war für ein Segel vorgesehen. (1800)
Frühe Entwürfe: Konstruktionsplan des U-Boots Nautilus, das Robert Fulton für die französische Marine entwarf. Das Gestänge über dem Rumpf war für ein Segel vorgesehen. (1800)
Getty Images
Die Kosten für die modernen Unterwasserbastionen bleiben derweil enorm. So kostet ein U-Boot der Virginia-Klasse rund 2,5 Milliarden US-Dollar.
Die Kosten für die modernen Unterwasserbastionen bleiben derweil enorm. So kostet ein U-Boot der Virginia-Klasse rund 2,5 Milliarden US-Dollar.
US Navy
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François Hollande erhielt gestern jenen Telefonanruf, auf den er jahrelang gewartet hatte: Am anderen Ende der Leitung befand sich Malcolm Turnbull, der australische Premier. Er teilte dem französischen Staatspräsidenten mit, dass der Deal im Trockenen sei: Rund 38 Milliarden Euro ist Australien bereit dafür auszugeben. Der französische Rüstungskonzern Direction des Constructions Navales (DCNS) wurde auserwählt, den Rüstungsauftrag auszuführen: ein Dutzend neue U-Boote vom Typ Barracuda für die australische Marine.

Turnbull hätte theoretisch auch DCNS-Chef Hervé Guillou anrufen können. Doch die Vergabe für den Waffendeal sollte direkt der höchsten französischen Instanz verkündet werden. Die Gründe sind nachvollziehbar: Der Industriekonzern, der auf den Bau von Marineüberwasserschiffen und U-Booten spezialisiert ist, ist zu einem grossen Teil in staatlicher Hand. So handelt es sich um eine privatrechtliche Aktiengesellschaft, deren Hauptaktionär aber mit 64 Prozent des Kapitals der französische Staat ist. Zum anderen entwickelte sich die Vergabe des grössten australischen Rüstungsdeals in den vergangenen Jahren zu einer regelrechten Staatsaffäre.

Die Beteiligten im Wettstreit sind Deutschland, Frankreich und Japan. Sie alle – respektive die Rüstungsfirmen, die unter ihrer Flagge operieren – bemühten sich um das Geschäft. Die Vergabe an DCNS ist nun durchaus überraschend, da der Name der französischen Firma im Vorfeld der Vergabe verhältnismässig selten fiel. Noch vor zwei Jahren, damals unter Regie des damaligen australischen Premiers Tony Abbot, sprach vieles dafür, dass der japanische Konzern Mitsubishi den Zuschlag erhält.

Vergebens angeboten: Ein ähnlicher U-Boot-Typus wie dieser stand von japanischer Seite her im Rennen.
Vergebens angeboten: Ein ähnlicher U-Boot-Typus wie dieser stand von japanischer Seite her im Rennen.

Die Aussicht auf den milliardenschweren Deal trug wesentlich zur Abkehr Japans vom Pazifismus bei. Per Kabinettsbeschluss hatte Japans Premierminister Shinzo Abe den Verfassungsartikel 9 umgedeutet. Dieser sah vor, dass Japan nach dem Zweiten Weltkrieg dem Pazifismus verpflichtet sei. Fortan sollten Kriegsmaterialexporte jedoch erlaubt sein. Zu lukrativ schien das Geschäft. Entsprechend enttäuscht reagierte Japan nun auf die Absage. «Wir werden Australien um eine Erklärung bitten, warum unser Entwurf nicht gewählt wurde», sagte Aussenminister Gen Nakatani.

Noch nicht geäussert hat sich die deutsche Regierung. Doch der Frust dürfte auch in diesem Lager gross sein. Rüstungskonzern Thyssen-Krupp legte ein vergleichsweise günstiges Angebot vor: Für 14 Milliarden Euro hätte die Firma die zwölf Boote gebaut – also für weit weniger als DCNS. Auf der Lobbying-Ebene bemühte sich Thyssen-Krupp stark. Eine Delegation, angeführt vom Wirtschafts-Staatssekretär Uwe Beckmeyer, reiste letztes Jahr nach Australien, um den Auftrag an Land zu ziehen. Bemerkenswert auch, dass die Sache zur Chefsache erhoben wurde: Angela Merkel redete 2014 am G-20-Gipfel Abbot ins Gewissen: Sie argumentierte, dass Deutschland Neutralität gewährleisten könne, während Japan unter Spannungen mit China leide: «Damit haben Sie recht», sagte damals Abbott.

Wurde ebenfalls übergangen: U-Boot der HDW-Klasse 216 von Thyssen-Krupp.
Wurde ebenfalls übergangen: U-Boot der HDW-Klasse 216 von Thyssen-Krupp.

Nun erhielt mit Frankreich quasi der lachende Dritte den Zuschlag. Das Land erntet die Früchte seines Lobbyings, das jenes von Deutschland punkto Intensität noch übersteigt. Eine Woche tourte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian vergangenen Februar durchs Land. Er schüttelte Hände, legte Blumen auf Kriegsgedenkstätten und verteilte Verdienstmedaillen an Armeeveteranen. Im Hinterkopf hatte er stets den Milliardendeal. In den letzten zwei Jahren trafen gemäss Bloomberg mindestens vier französische Minister in Australien ein, um für das DCNS-Angebot zu weibeln. Fazit: Frankreich hatte mehr Biss.

Wie bedeutsam der Deal für die französische Rüstungsfirma ist, zeigt ein Blick auf die Grössenverhältnisse: Der Jahresumsatz des Unternehmens beläuft sich zurzeit auf gut drei Milliarden Euro. Das Auftragsvolumen des U-Boot-Deals beträgt allerdings 38 Milliarden Euro. Das Anstellungsverhältnis der gut 13'500 Mitarbeiter dürfte für die nächsten Jahre gesichert sein. Für die serbelnde französische Industrie sind dies äusserst wertvolle Arbeitsplätze.

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