Der Schock von Hanoi

Der Fisch war angerichtet. Doch dann scheitern Trump und Kim bei den Verhandlungen um die Denuklearisierung Nordkoreas.

Nichts als vage Versprechen: Donald Trump erklärt sich vor den Medien. Video: Youtube/The White House

Der Tisch war gedeckt, die Kameras im Speisesaal des ehrwürdigen Metropole-Hotels in Hanoi zeigten die lange Tafel, unter der Decke kreisten bedächtig zwei Ventilatoren, die Glastür, durch die laut Protokoll US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un nach Abschluss ihrer Gespräche um 11.55 Uhr gemeinsam schreiten sollten, blieb geschlossen. Fünf Minuten vergingen, zehn Minuten. Snowfish, eine asiatische Spezialität, sollte es geben, dazu Apfel-Foie-gras – ein letztes gemeinsames Mittagessen also. Danach die Kür. «14.05 Uhr: Der Präsident nimmt an einer Zeremonie zur Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung mit dem Vorsitzenden des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Korea teil», so hatte es das Weisse Haus am Vorabend verbreiten lassen.

20 Minuten vergingen, 30 Minuten. Kommt nun vielleicht ein echter Durchbruch im Streit um die Denuklearisierung Nordkoreas? Da kann man schon mal den Snowfish kalt werden lassen. 40 Minuten, 50 Minuten, noch immer kein Zeichen von Trump und auch kein Kim, keine Regung im Speisesaal. Nach fast einer Stunde endlich eine Nachricht. «Zu diesem Zeitpunkt wurde keine Einigung erzielt», teilte die Sprecherin des Weissen Hauses in einem knappen Statement mit. Kein gemeinsames Mittagessen mehr, keine Erklärung, kein Ergebnis. Der zweite Kim-Trump-Gipfel – gescheitert.

Eilig fuhren beide Delegationen in ihre Hotels zurück. Die Nordkoreaner ins Melia, in der Altstadt von Hanoi, der amerikanische Konvoi raste zum Marriott, etwas ausserhalb der Stadt. Ob sich Trump und Kim jemals wiedersehen werden von Angesicht zu Angesicht? Das ist nun völlig ungewiss. Die Lage auf der Koreanischen Halbinsel ist jedenfalls deutlich brenzliger geworden. Der von ihm selbst erhoffte Friedensnobelpreis für Trump dürfte in weite Ferne gerückt sein.

«Manchmal muss man einfach gehen»

Im Marriott trat Trump dann kurz nach 14 Uhr vor die Journalisten, an seiner Seite Aussenminister Mike Pompeo. Beim ersten Gipfel vor acht Monaten in Singapur hatte Trump noch alleine auf der Bühne gestanden, in diesem Moment aber suchte er wohl Unterstützung. Die schlechte Nachricht wollte er offenbar nicht ganz alleine vortragen und kommentieren.

Vergleichsweise beherrscht wirkte Trump, ganz anders als in Singapur; damals feierte er wie berauscht die angeblich grossartigen Ergebnisse, obgleich er eine allenfalls sehr vage Erklärung ausgehandelt hatte. Nun gab es in Hanoi gar kein Dokument. «Manchmal muss man einfach gehen», sagte Trump. «Ich hätte heute einen Deal abschliessen können, aber das wäre etwas gewesen, womit ich nicht glücklich gewesen wäre.» Zwar seien die Gespräche sehr produktiv und auch die Stimmung ordentlich gewesen. «Wir mögen einander einfach. Wir haben eine gute Beziehung», sagte Trump. Damit meinte er sich und den Diktator aus Nordkorea.

Es haperte an den Details. Trump zufolge bestand Kim darauf, dass die Sanktionen gegen sein Land komplett aufgehoben werden. «Wir konnten das nicht tun», sagte Trump. «Sie waren bereit, einen grossen Teil der Bereiche atomar abzurüsten, die wir wollten. Aber wir konnten nicht alle Sanktionen dafür aufheben. So werden wir weiterarbeiten und sehen.»

Keine schriftlichen Zusagen

Dass die Nordkoreaner offenbar in Aussicht gestellt hatten, die grosse Nuklearanlage in Yongbyon zu zerstören, in der mutmasslich das Uran für die nordkoreanischen Atombomben angereichert wurde, sei nicht genug gewesen. Über Kim sagte Trump: «Er hat eine bestimmte Vision, aber die ist nicht unsere Vision», man sei sich aber dennoch in Hanoi nähergekommen und dann auch in freundlicher Atmosphäre auseinandergegangen.

Trump schien sehr bemüht, das offenkundige Scheitern des Treffens nicht als solches zu bezeichnen, er lobte die grossen Fortschritte, die man in Hanoi erzielt habe. Welche das sein sollen, erklärte er nicht genauer. Er sagte nur, Kim habe immerhin zugesagt, keine Tests mehr durchzuführen. Schriftlich hat er das nicht. Er muss ihm vertrauen. Die letzte nordkoreanische Rakete wurde im November 2017 abgefeuert. Fachleute sind allerdings der Meinung, dass das Arsenal so weit entwickelt ist, dass keine weiteren Tests mehr nötig sind.

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In den Vereinigten Staaten wurde mit einigem Befremden aufgenommen, wie Trump über das Schicksal von Otto Warmbier sprach. Der amerikanische Student war Anfang 2017 in Nordkorea verhaftet und anderthalb Jahre später, beinahe hirntot, in die Heimat ausgeflogen worden. Wenige Tage nach seiner Rückkehr starb er. Warmbiers Eltern werfen dem nordkoreanischen Regime vor, ihren Sohn gefoltert zu haben. Trump sagte, er habe mit Kim über den Fall gesprochen, er glaube dem nordkoreanischen Machthaber, dass er davon «erst später» erfahren habe.

Kim im Frage-Antwort-Modus

Der vorzeitige Abbruch ohne Ergebnis kam für viele in Hanoi wie ein Schock, zumal am Morgen ganz andere Töne von Kim und Trump zu vernehmen waren. Kurz vor neun Uhr hatten sie an einem Marmortisch Platz genommen, hinter ihnen ihre Übersetzerinnen. Reporter der amerikanischen Begleitpresse durften ein paar Fragen stellen, bevor sich die beiden dann zu den Verhandlungen zurückzogen. Zunächst antwortete nur Trump, eine Frage jedoch ging auch an Kim. Ob er denn zuversichtlich sei, wollte ein Reporter der «Washington Post» wissen. Kim blickte zuerst versteinert, dann lächelte er und begann zu sprechen – eine Szene, die beim ersten Gipfel in Singapur noch undenkbar gewesen wäre. «Es ist zu früh, um etwas zu sagen. Ich werde keine Prophezeiungen abgeben. Aber ich fühle instinktiv, dass ein gutes Ergebnis herauskommen wird», sagte Kim mit rauer Stimme.

So banal die Sätze klingen mögen, sie erregten erst einmal Aufsehen. Kim im Frage-Antwort-Modus? Ein Kommentator im südkoreanischen Fernsehen betonte, dass das «in der Geschichte noch niemals vorgekommen» sei. Mit seiner Prophezeiung lag Kim daneben. Mit seiner Entourage wird er voraussichtlich noch zwei Tage in Vietnam bleiben – Staatsbesuch.

Im Marriott verabschiedete sich Trump nach 40 Minuten Pressekonferenz: «So, das wars. Meine Damen und Herren, ich werde gleich in ein Flugzeug steigen und zu einem wundervollen Ort namens Washington D.C. zurückfliegen. Vielen Dank.» Um 15.51 Uhr Ortszeit stieg der US-Präsident in die Air Force One; zwei Stunden früher als geplant, hob die Maschine ab.

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