Ein Popstar aus Pyongyang

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump sind zum Gipfel in Singapur eingetroffen, dem das Treffen rund 14 Millionen Franken wert ist.

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Arne Perras@tagesanzeiger

Es war, als warteten sie auf einen Popstar. Auf dem Trottoir vor dem St. Regis Hotel bildeten sich Menschentrauben, als der Konvoi heranrollte. Man konnte nicht sehen, ob der Gast aus Pyongyang tatsächlich in der schwarzen Stretchlimousine mit den nordkoreanischen Flaggen sass. Aber das machte Vincent Lim nicht viel aus. «Endlich mal was los hier», sagte der Singapurer in Shorts und Sandalen.

Neugierig lehnte er an einer Absperrung vor dem Hotel; vielleicht würde Kim Jong-un, der vermutlich erst einmal in seine Suite verschwunden war, später doch noch seine Nase herausstrecken. Zumindest gab Lim die Hoffnung nicht ganz auf. «Man weiss ja nie», sagte er und wollte nicht so schnell nach Hause.

Ein Grossaufgebot der Polizei schafft Platz für den Einzug von Kim Jong-un in Singapur. Foto: Chris McGrath (Getty Images)

Vor den Schaulustigen reihten sich Polizeiautos zu einer langen Barriere. Sie werden Kim Jong-un die nächsten Tage in seinem Fünfsternhotel nahe der Shopping-Meile Orchard Road abschirmen. Gelandet war Kim am Sonntagnachmittag in einer Boeing 747 von Air China. Ein US-Präsident und ein nord­koreanischer Diktator, die sich nun die Hände schütteln wollen, das hat es noch nie gegeben. «Und hoffen wir mal, dass auch etwas herauskommt bei diesem Gipfel», sagt der Zuschauer Lim.

Trump fühlt sich «sehr gut»

Später fuhr Kim zum Gespräch mit Singapurs Premier Lee Hsien Loong. Im Anschluss an das Gespräch sagte Kim: «Wenn der Gipfel ein Erfolg wird, werden die Bemühungen Singapurs in die Geschichte eingehen.» US-Präsident Donald Trump schwebte da noch über dem Meer. Die Air Force One landete am Abend, der US-Präsident liess kurz wissen, dass er sich «sehr gut» fühle, und fuhr von der Paya Lebar Airbase ins Luxushotel Shangri-La. Trump und Kim wohnen damit nur 850 Meter voneinander entfernt.

Gastgeber Singapur hatte kaum mehr als zwei Wochen Zeit, um das ungewöhnliche Treffen vorzubereiten, das für Dienstagmorgen Ortszeit angesetzt ist. Selbst für einen Staat, der so viel Routine im Ausrichten von Grosskonferenzen hat, bedeutet ein so kurzer Vorlauf ein Kraftakt. Das Treffen wird den Stadtstaat umgerechnet rund 14 Millionen Franken kosten, wie Premier Lee bestätigte. Aber der grosse Scheinwerfer bringt natürlich auch viel Publicity, was Singapur schätzt. Der Stadtstaat an der Meeresstrasse von Malakka gilt als neutrale Kraft mit besten Beziehungen zu den USA und China, ausserdem pflegt Singapur seit vielen Jahren Kontakte nach Pyongyang.

Innenminister Kasiviswanathan Shanmugam sagte kurz nach Kims Ankunft: «Singapur ist sicherlich nicht das einzige geeignete Land für einen solchen Gipfel. Aber gesucht wurde ein Ort in Asien, der effizient, gut organisiert und sicher ist.» Und so ist die Wahl auf die asiatische Wirtschaftsmetropole gefallen, die grossen Ehrgeiz hat, einen reibungslosen Ablauf zu garantieren.

Hotel in Hochsicherheitszone

Schon eine Woche früher ist Park Sang- ryul eingeflogen, ein Fernsehreporter aus Seoul. Der Südkoreaner wirkt bereits erschöpft, bevor es richtig losgegangen ist. Seit Tagen düst er mit seinem Kameramann kreuz und quer durch den Stadtstaat, alle zwei Stunden will sein Sender Yonhap News TV Bilder von ihm. Park berichtet jedes Detail, das er filmen kann: welche Hotels zuerst im Rennen waren und wo Kim und Trump nun wirklich logieren, welche Routen sie nehmen, wie sich Singapur wappnet. Ausserdem lässt er Touristen aus Südkorea sprechen, was sie sich von dem Treffen erhoffen. «Fünf Stunden Schlaf am Tag, mehr ist nicht drin», sagt Park.

Einmal steht er unter Bäumen am Palawan Beach auf der Ferieninsel Sentosa, er wischt sich den Schweiss aus der Stirn, weil er gleich wieder auf Sendung geht, hinter ihm führt eine Holztreppe den Hügel hinauf und verliert sich im üppigen Grün. «Da oben komme ich leider nicht weit», sagt Park. Denn dort liegt das Luxushotel Capella, das die Einsatzkräfte längst in eine Hochsicherheitszone verwandelt haben. Am Himmel kreisen Kampfhelikopter, Überwachungsdrohnen surren durch die Luft. Im Capella sollen Kim und Trump zusammentreffen. Aber sie sind natürlich nicht die Einzigen, die in Singapur einschweben. Medienteams aus allen Himmelsrichtungen nehmen Kurs auf den Stadtstaat, mehr als 3000 Reporter werden erwartet. Sarkastische Kollegen nennen das «Fallschirm-Journalismus». Einschweben, ausschwärmen, berichten und wieder verschwinden.

Strenge Kontrollen

Mit dem Ausschwärmen ist es freilich nicht so einfach. Park kann davon ein Lied singen. Gerade wollte sein Team die Brücke filmen, die von Singapur ins Vergnügungsviertel Sentosa führt, es dauerte dann aber nur wenige Sekunden, bis Uniformierte zur Stelle waren. Park versuchte, die strengen Männer zu besänftigen – wie sollte er denn sonst an seine Bilder kommen? Sie diskutierten, dann sagte der Mann: «In Ordnung, 30 Minuten.» Besser als nichts, dachte sich Park. Er nimmt, was er bekommt. Derzeit rund um die Uhr.

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