Geteilt im Zentrum

Die beiden Korea spielen beim aktuellen G-20-Gipfel in Osaka eine ganz spezielle Rolle. Die Koreanische Halbinsel hat für Nordasien grösste Bedeutung.

Vorbereitungen zum G-20-Gruppenfoto: Japans Premier Shinzo Abe zeigt Donald Trump, wo er hinstehen soll. Foto: Metin Aktas (Getty Images)

Vorbereitungen zum G-20-Gruppenfoto: Japans Premier Shinzo Abe zeigt Donald Trump, wo er hinstehen soll. Foto: Metin Aktas (Getty Images)

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

In ihren gemeinsamen Sitzungen ringen die G-20-Teilnehmerstaaten in Osaka um eine Welthandelsordnung für die Zukunft. In den bilateralen Treffen geht es gar um die Weltordnung: um den Iran, um das Südchinesische Meer. Besonders aber um Korea.

US-Präsident Donald Trump wollte von Osaka sogar eigens nach Seoul weiterfliegen, um mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in weiter über Nordkorea zu reden. Im Hintergrund hätten die USA und Nordkorea in den letzten Wochen über einen dritten Gipfel verhandelt, sagte Moon. «Dabei zeigen die beiden Seiten gegenseitig Verständnis für ihre Positionen, die sie in Hanoi einnahmen», wo der zweite Gipfel gescheitert war.

Es wurde erwartet, dass Trump am Sonntag mit Moon die innerkoreanische Grenze besichtigen wird. Das war schon geplant, als der US-Präsident im November 2017 in Südkorea war, doch sein Hubschrauber konnte wegen Nebel nicht fliegen. Trump selber sagte kürzlich, im Brief, den er von Kim zu seinem Geburtstag erhalten habe, habe dieser auch einen dritten Gipfel erwähnt. Nun wird spekuliert, Kim, Moon und Trump könnten sich im Waffenstillstandsdorf Panmunjom treffen. Moons zweiter Gipfel mit Kim Ende Mai 2018 fand ebenfalls dort und ohne Vorankündigung statt.

Drehscheibe Nordostasiens

Die Koreanische Halbinsel ist seit je die Drehscheibe Nordostasiens. Ende des 19. Jahrhunderts galt: Wer Korea beherrscht, kontrolliert die ganze Region. China, Russland, Japan und die europäischen Kolonialmächte drängten nach Korea mit seiner damals noch feudalistischen, isolierten Gesellschaft. Japan zog 1895 gegen China in den Krieg und 1904–1905 gegen Russland, um Korea unter seine Kontrolle zu bringen. 1910 verleibte es sich die Halbinsel als Kolonie ein, und nach 1931 auch ihr Hinterland, die drei Nordwest-Provinzen Chinas. Tokios Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs hinterliess in Korea ein Vakuum.

Gestützt auf einen Artikel der Zeitschrift «National Geographic» definierten zwei US-Offiziere 1945 den 38. Breitengrad als Grenze, die Nord- und Südkorea bis heute teilt. Dann füllten sowjetische Truppen das Vakuum von Norden her, US-Truppen von Süden. Als die beiden Besatzungsmächte sich 1948 nicht auf gemeinsame Wahlen einigen konnten, machte Moskau Kim Il-sung zum Regierungschef im Norden. Im Süden wurde der korrupte Autokrat Syngman Rhee Präsident. Beide Regierungen beanspruchten die Herrschaft über die ganze Halbinsel, offiziell hat sich dieser Zustand über den Koreakrieg hinaus bis heute gehalten, nur dass der Süden sich Ende der 1980er-Jahre demokratisierte.

Südkoreas früherer Präsident Roh Moo-hyun meinte, zwischen den grossen Mächten China, Russland, Japan und den USA habe das kleine Korea nur eine Chance zu überleben, wenn es seine geografische Mitte als Kapital einsetze. Die Halbinsel sollte Zentrum Nordostasiens werden. Südkorea war der erste Staat, der Freihandelsabkommen mit den USA, China und der EU hatte. Ökonomisch ist es eines der offensten Länder der Welt.

Kim scheint erkannt zu haben, dass Nordkorea in der Sackgasse steckt.

Zur Stabilität reicht ein offenes Südkorea jedoch nicht. Der Koreakrieg dauert de jure bis heute, der Waffenstillstand von 1953 unterbricht ihn nur. Beide Korea brauchen einen Friedensvertrag und politische Strukturen, die ihre Beziehungen regeln. Kim scheint erkannt zu haben, dass Nordkorea in der Sackgasse steckt. Er will das Überleben seines Regimes sichern und zugleich den Norden modernisieren. Und Trump traut sich zu, woran alle seine Vorgänger scheiterten: Frieden für die Koreanische Halbinsel aushandeln zu können.

Beim Treffen Trumps und Kims in Hanoi lag ein Plan zur schrittweisen nuklearen Abrüstung Nordkoreas mit gleichzeitiger schrittweiser Lockerung der Sanktionen auf dem Tisch. Doch man konnte sich in Vietnam nicht einigen. Gestern sagte Stephen Biegun, Nordkorea-Beauftragter Trumps, in Seoul erstmals öffentlich, die USA seien bereit, mit dem Norden über ein schrittweises Vorgehen zu verhandeln.

Kim wird nie kapitulieren

Kim braucht die Lockerung der Sanktionen. Er kann die Elite seines Landes nur bei der Stange halten, wenn sich ihr Lebensstandard rasch und stetig bessert. Dennoch wird Kim nie kapitulieren. Thae Yong-ho, ranghöchster Diplomat des Nordens, der zum Süden übergelaufen ist, sagte jüngst, Nordkoreas Diplomatie gehe von drei Prinzipien aus: Erstens würden die USA Nordkorea nie angreifen. Das Risiko eines Vergeltungsschlages gegen Seoul, wo viele Amerikaner leben, sei viel zu hoch. Zweitens werde Peking Nordkorea nie fallen lassen. Und drittens gebe Pyongyang seine Atomwaffen nie ganz auf. Zumal sie zur Sicherung von Kims Macht nach innen mindestens so wichtig seien wie zur Abschreckung nach aussen. Eine Denuklearisierung in festgelegter Abfolge würde es Kim erlauben, ein beschränktes Arsenal noch lange zu behalten.

Beim Aufbau eines künftigen Welthandelsgefüges agiert Trump als Bremser. Mit seinem unkonventionellen Vorgehen gegenüber Nordkorea dagegen könnte er Geschichte machen. Wenn er den Entspannungsprozess mit Kim wieder anschiebt, ermöglicht er damit neue innerkoreanische Projekte. Schliesslich sind es die beiden Korea, die Frieden brauchen und gemeinsame Strukturen aufbauen müssen, nicht die USA.

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